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Tatort - Scheinwelten offenbaren sich in Köln

the gaffer (Jenny Jecke), Veröffentlicht am 01.01.2013, 21:45

Der Titel deutet schon an, dass die Kölner in ihrem neuen Tatort jede Subtilität aus dem Fenster schmeißen. Tatort – Scheinwelten betört trotzdem mit charismatischen Nebenfiguren und einer ungewöhnlichen visuellen Gestaltung.

Tatort - Scheinwelten Tatort - Scheinwelten © WDR/ARD

Das Jahr beginnt mal wieder mit Mord und Totschlag. Diesmal sorgt Köln für den außerplanmäßigen Tatort am Neujahrsabend. Tatort: Scheinwelten heißt der Krimi, der Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) sowohl in reiche als auch arme Gesellschaft führt. Dass die beschworenen Scheinwelten auch nach einem Silvester-Kater noch fesseln, verdankt der Krimi allerdings weniger den altbackenen Witzeleien seiner Kommissare. Die Nebendarsteller bringen diesmal Feuer ins unterkühlte Geschehen, allen voran Jeanette Hain und Christian Tasche.

Lokalkolorit: Von der verrauchten Pokerhölle führt uns der Vorspann von Tatort – Scheinwelten in das edle Domizil von Ingo Broich (Torsten Peter Schnick), von Beruf Erbe. Der folgende Mord wird vor uns verborgen. Dafür sehen wir in einer der besten Tatort-Eröffnungssequenzen der letzten Monate, wie die beiden Katzen (schwarz und weiß natürlich) im Folgenden vor sich hinsiechen, weil sie in dem Haus eingeschlossen sind. Dessen kahles Hochglanz-Design legt sich mit einem Blauschimmer über den ganzen Film, dessen Bilder jede Wärme vermissen lassen, als wurden sie von der aalglatten Beate von Prinz (Jeanette Hain) geentert.

Tatort - Scheinwelten offenbaren sich in Köln (14 Bilder)

Plot: Sohnemann Broich ist also tot, eine seiner Katzen ebenso, die andere verschwunden. Da kommt es gelegen, dass in der Nachbarschaft des von Spielschulden geplagten Taugenichts Staatsanwalt Wolfgang von Prinz (einnehmend abweisend: Christian Tasche, ein Kölner Dauergast, der hier endlich mal etwas zu tun bekommt) mit Frau Beate wohnt, der sich sofort in den Fall einklinkt. Er ahnt allerdings nicht, dass seine Frau und Staatsanwältin mit dem reichen Vater des Toten (Hans Peter Hallwachs) Immobiliengeschäfte abgewickelt hat, um diesen nebenbei um sein Vermögen zu bringen. Verzwickter gerät der Fall, als Ballauf und Schenk in der Firma der Broichs herumschnüffeln. Die lebt nämlich von illegalen Migrantinnen wie Irina (Juta Vanaga), die als billige Reinigungskräfte bei den besser betuchten Bewohnern Kölns putzen und via Scheinehe die Abschiebung verhindern wollen.

Unterhaltung: Es gibt einige Elemente dieses neuen Tatorts aus Köln, die richtig gut funktionieren. So gefällt die Aufmerksamkeit, die häufig vernachlässigten Figuren geschenkt wird wie Staatsanwalt Prinz, der seine eigene Ehefrau selbst nach 20 gemeinsamen Jahren nicht zu kennen scheint. Oder Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt), die den Tatort bald verlassen wird, aber noch einmal zeigt, warum die Kölner jemanden brauchen, der ihre flexible Auslegung von Dienstvorschriften in Schach hält. Gleichzeitig will die typisch kölsche Sozialdoku rund um illegale Putzen und deren tagtägliche Nöte so gar nicht zünden, was in erste Linie an der mangelnden Bereitschaft liegt, unter die Oberfläche zu dringen. Dass dieser Tatort im frisch gebackenen Jahr 2013 auch noch mit Freddys mal rassistischen, mal sexistischen Weisheiten rund um schwarze Perlen kokettieren muss, macht das ganze nicht besser. Sein am Telefon ausgetragener Subplot über seine ebenfalls illegal beschäftigte Putzfrau täuscht nicht darüber hinweg, dass die Dialoge der beiden Veteranen in einem sleazigen deutschen 70er Jahre Krimi besser aufgehoben wären.

Tiefgang: Autor Johannes Rotter und Regisseur Andreas Herzog führen uns in diesem Tatort verschiedene Beziehungen vor, parallelisieren die ‘echten’ Ehen mit den ‘falschen’. Sie enden mit der bitteren Pointe, dass der Mord an Ingo Broich ausgerechnet eine der wenigen funktionierenden Ehen im Film auseinanderreist. Viel fesselnder aber als das eigentliche Thema dieses Tatorts ist eine Figur: Beate von Prinz. Jeanette Hain spielt die Staatsanwältin als Femme fatale, die den reichen Broich manipuliert und Schenk und Ballauf am liebsten ebenso um den Finger wickeln würde. Alles scheint an dieser enorm selbstsicheren Frau abzuperlen. Vielleicht waren es die Jahre in der leidenschaftslosen Ehe mit Staatsanwalt von Prinz, die sie in das undurchschaubare Wesen verwandelt haben, das sich entweder in die körperliche Verausgabung oder den eigenen Gewinn flüchtet. Die langen Dialogszenen zwischen ihr und Schenk sowie ihrem Mann heben in der zweiten Hälfte diesen bei weitem nicht fehlerfreien Tatort über das Durchschnittsniveau.

Mord des Dienstags: Viel tragischer als der Tod von Ingo Broich ist fraglos jener seines weißen Haustiers.

Zitat des Dienstags: “Wo willst du hin?” – “Radfahren, dein Gift ausschwitzen. Ich brauch Wind in den Haaren.”

Vor allem dank Jeanette Hain war dies ein sehenswerter Tatort oder seid ihr anderer Meinung?


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Kommentare

über Tatort - Scheinwelten offenbaren sich in Köln


RoosterCogburn

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Wie man es schon aus anderen Tatorten kennt, sind auch hier die ausländischen Billiglohnarbeiter quasi allgegenwärtig. Der Spannungsbogen und die Dramaturgie befindet sich auf dem Niveau einer Derrick-Folge. Ich kenne von dem Kölner Team weitaus besseres. Der Film schwelgt in privaten Dramen, die für mich keinen Bezug zum eigentlichen Fall entwickeln. Da trösten mich auch Schauspieler, die aus ihren Rollen darstellerisch das größtmögliche herausholen, nicht über eine langweilige Erzählung hinweg.
Für mich war der Tatort am Dienstag nicht sehenswert und eine herbe Enttäuschung aus Köln!

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Ben Kenobi

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Einige Längen drin und ein ziemlich öder Plot, aber was für ein Schauspiel! Großartig! Und der Soundtrack von SCHMIDT war Bombe.

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Scipio

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Einen KÖLNER Tatort sollte man/frau LINKS liegenlassen und lieber eine Konserve (DVD) anschauen!!!

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summerwine-lee

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siehe meine Kritik

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The Cinemaniac

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Todlangweilig - Das erste Mal, dass ich einen Tatort nicht zu Ende gesehen habe.

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fabel

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Hain wandelte mit ihrer eiskalten Darstellung auf Hinrichs' Spuren, aber auch Tasche zeigte endlich mal, dass seine Figur für irgendwas zu gebrauchen ist und was in ihm steckt - wenn man ihn nur lässt.
Den kleinen Gag mit Schenks schwarzer Perle fand ich zwar einerseits überflüssig, andererseits allerdings aber auch längst nicht so schlimm und relativ angenehm. Nur der Fall an sich war ziemlich konstruiert. Und die angesprochenen sozialen Probleme mit Scheinehen und Schwarzarbeit zündeteten wirklich nicht, da hast du schon recht.

Alles in allem vor allem aufgrund von Tasche und Hain ein ganz netter Aufgalopp ins neue Jahr, aber meilenweit entfernt von dem Niveau von vorgestern. Außerdem schreib ich's nur ungern:
Während die Münchner trotz langer, langer Laufzeit jedes Mal aufs Neue zu überzeugen wissen - was aber wahrscheinlich auch immer den Drehbüchern geschuldet ist -, sollte man sich beim WDR so langsam echt Gedanken machen. Die Zeiten, dass die Kölner und Münsteraner einen vom Hocker hauen, sind schon lange vorbei.
Meiner Meinung nach wird es vielleicht mittlerweile Zeit für einen Radikalwechsel an beiden Standorten. Auch wenn es herbe Verluste für die Reihe wären: Denkverbote sollten in 2013 der Vergangenheit angehören - die Quotenrekorde in Münster hin, die Beliebtheit in Köln her.
Irgendwann ist halt auch in jeder guten Ehe mal ein Tiefpunkt erreicht - wie man heute Abend ja schön sehen konnte.

PS:
Der Anfang und das Ende gehörten zum vielleicht besten, was es im Tatort in den vergangenen Jahren zu sehen gab!

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ratomelf

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Geschmack muss eben wie vieles Gutes im Leben reifen. Man muss Vieles gesehen haben, um vergleichen zu können. Um Missverständnissen vorzubeugen, ich rede hier selbstverständlich von der Entwicklung des Filmgeschmacks. Das erklärt u. a., warum die Evolution Teenie-Filme und gute Filme kennt.

Die darstellerische Leistung der Katzen sollte zudem hier nicht weiter verkannt werden. Oder waren die in Echt tot bzw. wurde die eine etwa gedoubled? Das soll es doch nur in Hollywood geben, zumal diese Muschi ihr Fell doch anbehalten hat!


RoosterCogburn

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Ich mag ja Muschis auch ...
Aber der Tatort hat mir trotzdem nicht gefallen. Und die Kölner bzw deren Fälle bauen in letzter Zeit ab. Habe kürzlich einen etwas älteren aus Köln gesehen, "Die Blume des Bösen" (2007). Der war verdammt gut. Da erkennt man im Vergleich, das die immer schwächer werden.

Wo ist eigentlich die Sequenz mit der Pommesbude geblieben?`Die sind doch früher immer regelmäßig einmal im Tatort Fritten futtern gewesen. Das war quasi Tradition. Das vermisse ich seit einiger Zeit im Kölner Tatort. Seit wann gibt es das nicht mehr?