Tatort Kritik

Tatort - Scheinwelten offenbaren sich in Köln

Tatort - Scheinwelten
© WDR/ARD
Tatort - Scheinwelten

Das Jahr beginnt mal wieder mit Mord und Totschlag. Diesmal sorgt Köln für den außerplanmäßigen Tatort am Neujahrsabend. Tatort: Scheinwelten heißt der Krimi, der Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) sowohl in reiche als auch arme Gesellschaft führt. Dass die beschworenen Scheinwelten auch nach einem Silvester-Kater noch fesseln, verdankt der Krimi allerdings weniger den altbackenen Witzeleien seiner Kommissare. Die Nebendarsteller bringen diesmal Feuer ins unterkühlte Geschehen, allen voran Jeanette Hain und Christian Tasche.

Lokalkolorit: Von der verrauchten Pokerhölle führt uns der Vorspann von Tatort – Scheinwelten in das edle Domizil von Ingo Broich (Torsten Peter Schnick), von Beruf Erbe. Der folgende Mord wird vor uns verborgen. Dafür sehen wir in einer der besten Tatort-Eröffnungssequenzen der letzten Monate, wie die beiden Katzen (schwarz und weiß natürlich) im Folgenden vor sich hinsiechen, weil sie in dem Haus eingeschlossen sind. Dessen kahles Hochglanz-Design legt sich mit einem Blauschimmer über den ganzen Film, dessen Bilder jede Wärme vermissen lassen, als wurden sie von der aalglatten Beate von Prinz (Jeanette Hain) geentert.

Tatort - Scheinwelten offenbaren sich in Köln (14 Bilder)

Plot: Sohnemann Broich ist also tot, eine seiner Katzen ebenso, die andere verschwunden. Da kommt es gelegen, dass in der Nachbarschaft des von Spielschulden geplagten Taugenichts Staatsanwalt Wolfgang von Prinz (einnehmend abweisend: Christian Tasche, ein Kölner Dauergast, der hier endlich mal etwas zu tun bekommt) mit Frau Beate wohnt, der sich sofort in den Fall einklinkt. Er ahnt allerdings nicht, dass seine Frau und Staatsanwältin mit dem reichen Vater des Toten (Hans Peter Hallwachs) Immobiliengeschäfte abgewickelt hat, um diesen nebenbei um sein Vermögen zu bringen. Verzwickter gerät der Fall, als Ballauf und Schenk in der Firma der Broichs herumschnüffeln. Die lebt nämlich von illegalen Migrantinnen wie Irina (Juta Vanaga), die als billige Reinigungskräfte bei den besser betuchten Bewohnern Kölns putzen und via Scheinehe die Abschiebung verhindern wollen.

Unterhaltung: Es gibt einige Elemente dieses neuen Tatorts aus Köln, die richtig gut funktionieren. So gefällt die Aufmerksamkeit, die häufig vernachlässigten Figuren geschenkt wird wie Staatsanwalt Prinz, der seine eigene Ehefrau selbst nach 20 gemeinsamen Jahren nicht zu kennen scheint. Oder Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt), die den Tatort bald verlassen wird, aber noch einmal zeigt, warum die Kölner jemanden brauchen, der ihre flexible Auslegung von Dienstvorschriften in Schach hält. Gleichzeitig will die typisch kölsche Sozialdoku rund um illegale Putzen und deren tagtägliche Nöte so gar nicht zünden, was in erste Linie an der mangelnden Bereitschaft liegt, unter die Oberfläche zu dringen. Dass dieser Tatort im frisch gebackenen Jahr 2013 auch noch mit Freddys mal rassistischen, mal sexistischen Weisheiten rund um schwarze Perlen kokettieren muss, macht das ganze nicht besser. Sein am Telefon ausgetragener Subplot über seine ebenfalls illegal beschäftigte Putzfrau täuscht nicht darüber hinweg, dass die Dialoge der beiden Veteranen in einem sleazigen deutschen 70er Jahre Krimi besser aufgehoben wären.

Tiefgang: Autor Johannes Rotter und Regisseur Andreas Herzog führen uns in diesem Tatort verschiedene Beziehungen vor, parallelisieren die ‘echten’ Ehen mit den ‘falschen’. Sie enden mit der bitteren Pointe, dass der Mord an Ingo Broich ausgerechnet eine der wenigen funktionierenden Ehen im Film auseinanderreist. Viel fesselnder aber als das eigentliche Thema dieses Tatorts ist eine Figur: Beate von Prinz. Jeanette Hain spielt die Staatsanwältin als Femme fatale, die den reichen Broich manipuliert und Schenk und Ballauf am liebsten ebenso um den Finger wickeln würde. Alles scheint an dieser enorm selbstsicheren Frau abzuperlen. Vielleicht waren es die Jahre in der leidenschaftslosen Ehe mit Staatsanwalt von Prinz, die sie in das undurchschaubare Wesen verwandelt haben, das sich entweder in die körperliche Verausgabung oder den eigenen Gewinn flüchtet. Die langen Dialogszenen zwischen ihr und Schenk sowie ihrem Mann heben in der zweiten Hälfte diesen bei weitem nicht fehlerfreien Tatort über das Durchschnittsniveau.

Mord des Dienstags: Viel tragischer als der Tod von Ingo Broich ist fraglos jener seines weißen Haustiers.

Zitat des Dienstags: “Wo willst du hin?” – “Radfahren, dein Gift ausschwitzen. Ich brauch Wind in den Haaren.”

Vor allem dank Jeanette Hain war dies ein sehenswerter Tatort oder seid ihr anderer Meinung?

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