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Teuflische Medikamente & eingesperrte Regisseure

Pfizze (Sven Pfizenmaier), Veröffentlicht am 13.02.2013, 08:50

Am sechsten Tag auf der Berlinale wartete unter anderem eine große Hollywoodproduktion auf mich. Auch der iranische Filmemacher Jafar Panahi, der in der Heimat unter Hausarrest steht, steuerte einen hochinteressanten Film zum Wettbewerb bei.

Die Berlinale - Tag 6 Die Berlinale - Tag 6 © Jafar Panahi Film Productions / 3B Productions / Senator / moviepilot

Der Morgen des sechsten Tages entpuppte sich als der bisher schwerste von allen. Trotz kalter Dusche, Kaffee und Club Mate fühlten sich meine Augenlider wie Blei an. In diesem Zustand als ersten Film den schwierigen Closed Curtain gezeigt zu bekommen, ist natürlich ein ziemlich unglücklicher Umstand. Ich gab mein Bestes, dem Film zu folgen, was mir leider nur bedingt gelang. Ein deutliches Zeichen, heute nach den drei Wettbewerbsfilmen Feierabend zu machen, um Morgen wieder in aller Frische starten zu können.

Jafar Panahi verarbeitet seine Gefangenschaft
Wie bereits erwähnt war Closed Curtain der erste Wettbewerbsfilm des Tages, den ich schon seit Beginn der Berlinale voller Vorfreude herbeisehnte. Denn Regisseur Jafar Panahi wurde vor drei Jahren Propaganda gegen das System vorgeworfen, was eine Haftstrafe und ein 20-jähriges Berufsverbot nach sich zog. Aktuell steht der Filmemacher unter Hausarrest, die Ausreise aus dem Iran wird ihm verweigert. Dennoch schaffte er es irgendwie, eine filmische Verarbeitung dieser schwierigen Phase seines Lebens zu kreieren und sie für den Wettbewerb einzureichen. In Closed Curtain zeigt er einen älteren Mann, der sich in einer Villa verbarrikadiert und alle Fenster verhängt. Der Grund: Er besitzt einen Hund, was laut iranischem Gesetz verboten ist, da das Tier als unrein gilt. Eines Tages stolpert eine suizidgefährdete junge Frau ins Haus hinein, die sich auf einer illegalen Party befand und sich nun ebenfalls in dem Haus verstecken möchte, was für Konflikte sorgt.

Closed Curtain ist schwer zu erfassen und lässt sich kaum in einen Bewertungsmaßstab pressen. Dass die beiden Figuren auf verschiedene Weise Jafar Panahi und seine Gefühle wiederspiegeln sollen, ist offensichtlich. Deshalb ist es auch so schade, dass er das mit fortschreitender Laufzeit immer bis zum äußersten unterstreichen muss, bis es für jeden deutlich ist. Gleichzeitig fühlt es sich gegen Ende so an, dass eine Metaebene nach der nächsten hinzukommt, was mich persönlich ungemein verwirrte, auch wenn der Kern der Sache proportional immer klarer wurde. Ich vermute, dass es Panahis Absicht war, seinen Film inhaltlich nicht ganz nachvollziehbar zu inszenieren, denn gewissermaßen wird dadurch auch das Chaos seiner Situation deutlich. Seine stilistische Gestaltung ist dabei jedoch über jeden Zweifel erhaben, das Gefühl der Gefangenschaft wird eindrucksvoll vermittelt, dank langer, statischer Einstellungen und einer bedrückenden Atmosphäre. Auf die Frage, wie ich Closed Curtain finde, weiß ich leider (noch) keine Antwort. Dafür ist er zu schwierig zu fassen und verbirgt zu viel hinter seiner Fassade, als das ein schnelles Urteil gefällt werden kann.

Wir haben zwischendurch auch noch die Zeit gefunden, uns für euch über diverse Filme zu unterhalten, die in Zukunft interessant sein könnten. Der Berlinale Talk – Teil 3:


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