The Witch & Co. - Horror und die unterschätzte Kunst der Paranoia

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Seit der letzten Woche spukt Robert Eggers' Spielfilmdebüt The Witch endlich auch durch die deutschen Kinos. Mit einer minimalistischen Machart und nur wenigen Darstellern erschafft er eine beklemmende Atmosphäre, mit der sich The Witch von vielen Genre-Kollegen abhebt. Und doch finden sich einige Elemente meiner liebsten Horrorfilme wieder, allen voran ein Sinn von Isolation und Paranoia unter den Charakteren. Auf diese beiden Faktoren und die Art, wie sie am bisher effektivsten eingesetzt wurden, will ich hier etwas eingehen.

Psychologischer Horror baut auf der Angst vor dem Unbekannten auf, und im Vergleich zu ihren eher berechenbaren und geradlinigen Kollegen bauen seine Bösewichte auf Unmut und Misstrauen zwischen den Figuren, um sich ihre Arbeit zu erleichtern. Wo der Feind eigentlich mit Kooperation leicht bezwungen werden könnte, wird genau das verhindert. Besonders wenn ein Mitglied gegen die Gruppe arbeitet, oder selbst, wenn das nur vermutet wird. Hilfe von außen gibt es auch keine, nicht umsonst ist eine abgelegene Hütte oder ein entsprechendes Äquivalent einer der beliebtesten Schauplätze bei vielen Horrorstreifen. Zunächst noch eine allgemeine Spoiler-Warnung für alle Filme in dem Artikel, da ich auf wichtige Plot-Punkte eingehen werde. Jeder Film steht dabei aber für sich selbst, ihr könnt also bei Bedarf euch noch unbekannte Beispiele überspringen.

The Witch - Ein kleines Häuschen am Wald


In The Witch geht es um eine Familie, die von ihrer Gemeinschaft ausgestoßen wurde und sich ihr kleines, beschauliches Heim am Rand zum noch unerschlossenen Amerika gebaut hat. Direkt neben einem Wald, in dem sonst was leben könnte, in einem Land, in dem sie selbst erst wenige Jahre wohnen und von dem zu der Zeit große Teile einfach niemandem bekannt waren. Dieses Arrangement geht auch eine Weile gut, bis das jüngste Kind im Wald entführt wird, auf eine Weise, die übernatürliche Kräfte nahelegt.

Die Familie beginnt, sich gegenseitig der Hexenkunst zu verdächtigen, und die junge Thomasin trifft es von allen am härtesten. Es ist eine Zeit, in der schon das kleinste Anzeichen von Intelligenz oder jugendlicher Rebellion zu Beschuldigungen führen konnte, und Thomasins eigentlich scherzhafte Beschreibungen ihres vermeintlichen Hexenwerks gegenüber der kleinen Schwester verschlimmern den Verdacht nur. Als die Zwillinge dann aus reiner Boshaftigkeit oder einfachem Wahn noch einen Fluch vortäuschen, lässt auch Thomasin sich herab, bezichtigt die beiden der Hexerei und schafft eine optimale Angriffsfläche für was auch immer den Hof all die Zeit umschlichen hat. Etwas Besinnung hätte zu einer glimpflicheren Auflösung führen können, doch die ständige Anfeindung und eigene Abgrenzung machte die Familie zu einem perfekten Ziel.

Day of the Dead - Sicherheit geht vor


Wie vermeintliche Sicherheit schnell zum Verhängnis werden kann, zeigt Day of the Dead, für 20 Jahre der letzte Zombie-Film von Regisseur George A. Romero. Damals noch von eher lauwarmen Reaktionen begleitet, nachdem besonders Dawn of the Dead seine Gesellschaftskritik immerhin mit einem unterhaltsamen Trip durch ein Einkaufzentrum unterlegt hat, genießt er immer noch nicht das Ansehen seiner Vorgänger, was wohl seiner weniger massenkompatiblen Machart zu verschulden ist.

Die Plage ist, anders als in Night und Dawn, schon viele Jahre vorangeschritten. Die Menschen sind so gut organisiert wie noch nie und waren trotzdem nie so chancenlos. Ein trister Bunker ersetzt die bisher vertrauten Schauplätze, die noch zu Bastionen umgebaut werden mussten. An die Stelle einer liebevoll eingerichteten Hütte treten monotone Betonwände, automatische Einkaufszentrums-Türen weichen schwerfälligen Eisentoren. Die Einrichtung dient dem Schutz und fühlt sich trotzdem unsicherer an, ist doch der einzige Ausgang gleichzeitig eine potenzielle Todesfalle. Durch die unterschiedlichen Ideologien der Bewohner wird die Stimmung noch weiter runtergedrückt. Während Wissenschaftler nach einer einer Möglichkeit zum "Frieden" mit den untoten Horden suchen, liebäugelt das Militär mit der Etablierung eines faschistischen Systems. Day of the Dead ist ein meisterhaftes Charakterdrama, das die Zombies nur im Hintergrund auftreten lässt, ähnlich wie es bei einigen der besten Momente von The Walking Dead, Serie oder Spiel, der Fall war.

It Follows - Herrin deiner Sinne


Ein anderes jüngeres Beispiel, das für mich zwar nur einen Bruchteil seines Potenzials entfaltet hat, aber trotzdem mit einer sehr interessanten Grundidee aufwarten kann, ist It Follows. Die Idee eines Monsters, das nur die Person sehen kann, die von ihm gejagt wird, ist schon mal sehr faszinierend. Leider verpatzt It Follows diese starke Prämisse gleich auf mehrere Arten: Zum Einen wird der Hauptfigur die Funktionsweise des Monsters detailliert erklärt, was dem Gefahrgefühl schon mal einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Und auch als wir es in Aktion sehen, ist es nicht besonders gruselig. Nicht nur, dass es äußerst langsam ist und schon von Weitem gesehen werden kann, es scheint auch möglich zu sein, es einfach bewegungsunfähig zu machen, ein Umstand, auf den nie eingegangen wird. Hier herrscht die oben angesprochene Berechenbarkeit. Was schade ist, denn gerade das Konzept, dass ein Charakter an seinen Sinnen, eigentlich dem verlässlichsten Mittel, zweifelt, kommt in Horrorfilmen noch zu selten vor. Thriller scheinen das besser erkannt zu haben, siehe unter anderem Ekel und Rosemary's Baby von Roman Polanski, Black Swan oder American Psycho.

The Thing - Der Feind in den eigenen Reihen


Zu guter Letzt mein persönlicher Lieblingshorrorfilm: The Thing von Altmeister John Carpenter. Ein Film, für den ich auch sonst jede Chance wahrnehmen würde, über ihn zu reden. In Sachen Abgeschiedenheit hat The Thing wohl den meisten Horrorfilmen einiges voraus: Die Crew der Forschungsstation hat praktisch einen eigenen Kontinent nur für sich. Eine andere Station wurde schon ausgelöscht, aber sonst ist weit und breit keine Menschenseele, jedenfalls nicht in Reichweite.

Der Feind kann Menschen perfekt kopieren und könnte sich jederzeit direkt neben dir befinden, mit dem Ziel, erst dich und dann den Rest der Erdbevölkerung zu übernehmen. Jederzeit könnte eine Person, die du glaubst, zu kennen, sich zum Beispiel in einen riesigen Bauchschlund und eine Kopfspinne aufteilen (Gott, ich liebe diesen Film). Und die Betroffenen wissen möglicherweise selbst nicht mal von der Infektion, bis es zu spät ist. Nötig ist nur direkte Nähe, und der enge Raum bietet mehr als genug Angriffsmöglichkeiten, da längere Zeit außerhalb der Hütte zum Tod führt. Die enorme Anspannung zwischen den Figuren wird zwar immer noch etwas durch die irgendwie doch witzigen und cleveren Dialoge aufgelockert, ist aber in jeder Interaktion zu spüren.

Das sind für mich nur die wichtigsten Beispiele, aber diese Art von Konflikt bietet immer noch viele unerschlossene Anwendungsmöglichkeiten. The Witch war der jüngste Vertreter, und abhängig von seinem Erfolg könnten in den nächsten Jahren neue Filme kommen, die in eine ähnliche Kerbe schlagen. Solange sie verstehen, was da funktioniert hat und darauf aufbauen, statt blind Schauplatz und Handlung zu kopieren, dürften die kommenden Filmjahre einige aufregende Neuerscheinungen bereithalten.

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