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VERGESSENE WELT: JURASSIC PARK - Eine neue Reise zurück zur Isla Memoria

Bild zu VERGESSENE WELT: JURASSIC PARK - Eine neue Reise zurück zur Isla Memoria
© Universal Pictures / Pioneer

Es war 1997, als ich mit meiner Familie den fast schon zur Tradition gewordenen Urlaub im beschaulichen Trusetal in Thüringen machte. Die für den himmlischen Ort bekannten Wasserfälle, die saftig grüne Landschaft und herrliche Luft sowie die nette Vermieterin waren die Gründe, die uns jedes Jahr an diesem schönen Ort verweilen ließen. Doch im Jahr 1997 tickten die Uhren anders. Sie zählten die Stunden, die Minuten bis zum Ereignis, auf das ich seit mindestens zwei Jahren hinfieberte, seit mein Papa mir erzählte, dass eine Fortsetzung zu meinem Lieblingsfilm kommen würde.

https://www.youtube.com/watch?v=nq8FYD0FACk

In jenem August startete die langersehnte Fortsetzung von Spielbergs Dino-Spektakel. „Etwas hat überlebt“ hieß es auf dem Poster. Drei Worte, die mich ausflippen ließen und mein Kopfkino befeuerten. Tschüss Wasserfälle, tschüss Natur, hallo Eisenach, hallo Kino, hallo Kinobetreiber, der mich trotz meines Alters von elf Jahren gefälligst ins Kino zu lassen hat. Hallo du wunderschöne, zukünftige Kindheitserinnerung!

Am 7. August 1997 lief „Vergessene Welt: Jurassic Park“ in den deutschen Kinos an und verzeichnete mit 1.895.239 Besuchern die beste Startwoche des Jahres für dessen Verleih UIP (United International Pictures). Die beste Startwoche des Jahres gehörte indes „Men In Black“, eine Amblin-Produktion und damit ebenfalls ein Spielberg-Film. Insgesamt kam die Fortsetzung des bis dato erfolgreichsten Films aller Zeiten auf 5.529.788 Besucher deutschlandweit. Damit belegte er in den Jahrescharts den dritten Platz hinter „Bean – Der ultimative Katastrophenfilm“ auf dem zweiten und, mit 7.437.419 Besuchern und weitem Vorsprung, „Men in Black“ auf dem ersten Platz.

Bei der Kinoauswertung reichte es „nur“ für die Bronze-Auszeichnung. Auf dem Heimkinomarkt erschien „Vergessene Welt“ am 09.02.1998. Dort bewiesen die Urzeit-Echsen mehr Biss und bescherten dessen Vertrieb CIC Video über 500.000 verkaufte Kassetten im ersten Halbjahr 1998. Damit hatte der Titel den von VideoMarkt vergebenen Branchenpreis VideoWinner in Platin sicher. Eine Laserdisc von Universal/Pioneer gab es ebenfalls.

Nachdem ich den Film zweimal im Kino gesehen hatte, einmal mit der gesamten Familie, einmal mit meinem Bruder, konnte ich es kaum erwarten, erneut in den Genuss des Films zu kommen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass es mindestens eine Woche gedauert hat, bis meine bei Weltbild bestellte VHS endlich geliefert wurde. Zu jenem Zeitpunkt saß ich vorm Fernseher und schaute mir „Freddy’s New Nightmare“ auf Video an. Als das Paket eintraf, verging keine Minute, bis die Kassette im Videorekorder landete. Vorher habe ich mich brav bei Freddy entschuldigt, aber man musste eben Prioritäten setzen. Und eine Wartezeit von 6 Monaten, seit ich „Vergessene Welt“ das letzte Mal gesehen habe, waren ja wohl Rechtfertigung genug.

Ich danke der Merchandise-Industrie, dass sie mich dabei tatkräftig unterstützt hat, die Wartezeit zu überbrücken. Bis zum Release der Videokassette konnte ich Abenteuer mit den Spielfiguren nachstellen, das Brettspiel mit Freunden und Familie genießen, den wieder einmal überragenden Soundtrack von John Williams hoch und runter hören, während ich mir die Sonderverpackung der CD in Form eines „3D-Dinoramas“ anschaute, und abends in der „Jurassic Park“-Bettwäsche einschlafen. Hach ja, noch einmal 30 Jahre alt sein… Selbst die Verpackung des extra zum Filmstart erhältlichen Eis' habe ich aufgehoben.

Beim Kinostart erhielt der Film gemischte Kritiken. Auch heute noch sehen viele in dem Sequel einen lauwarmen Aufguss, der das Niveau und die Klasse des Originals nicht erreicht. Auch der Regisseur selbst ist nicht mehr ganz so überzeugt von seinem Werk, wie er der New York Times in einem Interview 2016 erzählte:

My sequels aren’t as good as my originals because I go onto every sequel I’ve made and I’m too confident. This movie made a ka-zillion dollars, which justifies the sequel, so I come in like it’s going to be a slam dunk and I wind up making an inferior movie to the one before. I’m talking about ‚The Lost World‘ and ‚Jurassic Park.'

1995 schrieb Michael Crichton die Fortsetzung zu seinem Roman, an dem sich Universal Pictures 1990 – noch vor Erscheinen des Buches – die Rechte sicherte. Er als auch Spielberg waren sich einig, dass die Welt der Dinosaurier noch so viel mehr zu offenbaren hat. Spielberg wollte der Frage nachgehen, was wohl mit den Embryos passieren wird, die Dennis Nedry im ersten Teil gestohlen und kurz vor seinem Tod verloren hat. Crichtons Ansatz war der einer Anlage B. Einer Insel namens Isla Sorna, auf der die Dinosaurier gezüchtet werden, um sie dann für Attraktionszwecke auf die Isla Nublar, Standort des Vergnügungsparks, zu schiffen. Spielberg war von der Prämisse angetan und sah sich nach einer mehrjährigen Schaffenspause – der Mann lieferte 1993 mit „Jurassic Park“ und „Schindlers Liste“ zwei der besten Filme seiner Karriere ab – wieder auf dem Regiestuhl.

Der Film folgt den standardisierten Regeln einer Fortsetzung: mehr von allem! Mehr Dinosaurier, mehr Action, mehr Spannung. Und gewissermaßen erfüllt er diese auch, er ist ein crowd pleaser. Nachdem Spielberg zahlreiche Fanbriefe erhielt, er solle doch bitte einen Stegosaurus einbringen, tat er das und ließ Stegosaurier (eindrucksvoll) durchs Bild stampfen. Außerdem gab es nicht nur einen T-Rex, sondern zwei ausgewachsene Exemplare, die den Menschen das Leben zur Hölle machten. Und es gab wieder die Raptorenauftritte. Aber warum darf das nicht so sein? Nehmen wir den Auftritt der Velociraptoren. Kaum sind die Gejagten vor dem T-Rex entkommen, wiegen sie sich in einem hochbewachsenen Feld in Sicherheit. Doch die nächste Gefahr bahnt sich bereits an… Wie Spielberg diesen Moment in Szene setzt, ist pures Spannungskino. Nach Teil 1 weiß nun jeder, wie die Raptoren aussehen, wie sie sich ihrer potenziellen Beute nähern und wie sie angreifen. Trotz dieser Vorkenntnis des Zuschauers schaffen es Spielberg, sein Kameramann Janusz Kaminski und Komponist John Williams, der Bedrohung erneut originelle Akzente zu verleihen. Und das ist nur eins von vielen Highlights, die der verwilderte Bruder von „Jurassic Park“ zu bieten hat.

Kaminski, mit dem Spielberg auch bei „Schindlers Liste“ zusammenarbeitete, leistet überwältigende Arbeit und lässt den Film im Gegensatz zu seinem Vorgänger düsterer erscheinen. Grob zusammengefasst lassen sich daraus auch die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Filmen ausmachen. „Vergessene Welt“ ist dunkler, rauer, wilder und rasanter. Hier braucht es keinen Stromausfall, um in Angst zu geraten. Unsere menschlichen Charaktere sind von Anfang an einer Gefahr ausgesetzt, die sich überall frei bewegen kann und irgendwo im Dickicht lauert.

Das Fehlen von Sam Neill und Laura Dern in ihren Rollen als Dr. Alan Grant und Dr. Ellie Sadler störte ebenfalls viele Kinogänger, denen die Figuren im ersten Teil ans Herz gewachsen sind. Auch ich musste mich an den Gedanken gewöhnen. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit Jeff Goldblum als Ian Malcolm, ein kurzes Wiedersehen mit Richard Attenborough als John Hammond und ein noch kürzeres Wiedersehen mit Ariana Richards als Lex und Joseph Mazzello als Tim (synchronisiert vom damals 14-jährigen Robert Stadlober). Die zwei Stunden, so Mazzello, die er am Set verbrachte, finanzierten immerhin seine Studiengebühren.

Der restliche Cast besteht aus neuen, aber prominenten Gesichtern. Julianne Moore, Vince Vaughn, Pete Postlethwaite und Thomas Rosales Jr. Mit der Besetzung von Peter Stormare als Dieter Stark (böser Deutscher!) hat sich Spielberg für „Fargo“ gerächt, da Stormare in dem Coen-Film von 1996 so viele Menschen umbringt.

Mit dem Finale von „Vergessene Welt“ hatten und haben die meisten Kritiker ihre größten Probleme. Es wirke aufgesetzt, wie ein anderer Film. Ich liebe den zweiten Teil gerade deswegen. Ursprünglich spielte sich das Finale in der Tat auf der Insel ab. Nachdem Ian und seine Crew von einem Rettungshubschrauber abgeholt wurden, geraten sie in eine folgenschwere Attacke durch einen Pterodactylus-Schwarm. Doch damit konnten sich weder Spielberg noch Drehbuchautor David Koepp anfreunden. Also verfrachtete man den T-Rex nach San Diego und ließ ihn dort ein wenig wüten. Einfach mal für 11, 12 Minuten Chaos anrichten und dem Zuschauer eine unterhaltsame Zerstörungsorgie liefern – so die Intensität Spielbergs, der damit dem Stummfilm „The Lost World“ von 1925 und „King Kong“ von 1933 Tribut zollte.

https://www.youtube.com/watch?v=-IEhC4v0f0A

Der Typ, der es auf der Flucht vorm T-Rex leider nicht in den Laden geschafft hat und anschließend hinterm Auto verzehrt wird, ist übrigens Drehbuchautor David Koepp. Die gesamte Szene, in der die Passanten vorm T-Rex flüchten, ist besetzt mit Crew-Mitgliedern.

„The Lost World: Jurassic Park“ spielte weltweit über 600 Millionen Dollar ein. Damit erreichte er nicht die Zahlen seines Vorgängers, ein kommerzieller Volltreffer war er dennoch. Auch wenn die Kritik durchwachsen war und für viele ein für Spielberg-Verhältnisse mittelmäßiger Film herauskam, so ist er als Abenteuerfilm ein überdurchschnittlich guter und für mich die Fortsetzung, die „Jurassic Park“ verdient und bis heute ebenbürtig ist.


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