Werner Herzogs Begegnungen am Ende der Welt
© Polyband
Keine Frage, Leute: Kalt ist es geworden, kalt und feindlich. Gegen nächtlich zweistellige Minustemperaturen und eine ordentliche Schneehaube versagt zuweilen auch die beste Heizung. Manche packen sich deshalb gerade jetzt mit Sommer-Sonne-Strand-Movies vor der Glotze ein, härtere Zeitgenossen werfen mit Werner Herzog einen Blick dorthin, wo aktuelle Temperaturverhältnisse geradezu sommerhaft wären: Begegnungen am Ende der Welt, Werner Herzogs Doku über die Antarktis, ist eine großartige Reise auf den Spuren von Roald Amundsen und Ernest Henry Shackleton an den Südpol. Mit zwei Jahren Verspätung liegt der 2009 für den “Oscar” nominierte Dokumentarfilm nun auch hierzulande auf DVD vor, quasi die DVD-Veröffentlichung zum Temperatursturz.
Freilich, Naturdokumentationen gibt es viele. Aber eben nur einen Werner Herzog. Und selbst wenn er, wie hier geschehen, im Auftrag des Discovery Channel arbeitet, entsteht dabei keine klischierte Postkarten-Doku, sondern ein faszinierender Blick in eine buchstäblich andere Welt: Wenn Herzog im Meer unter dem Eis filmt, birgt er dabei befremdliche Bilder wie aus einem Science-Fiction-Film, wenn er mit seinem Filmteam ein Survivaltraining absolviert, ist das absurde Komödie. So bleibt sich Herzog auch hier treu: Sein verschroben-poetischer Blick in die Welt, der stets das Unpassende, das Sonderbare, das buchstäblich aus der Welt Gefallene sucht, strukturiert diesen Film. Neu hinzugekommen ist lediglich eine Form irrsinnigen Alterswitzes, der sich auch schon durch seine wunderbaren letzten (Spiel-)Filme Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen und My Son, My Son, What Have Ye Done zog. Vor allem aber lebt Begegnungen am Ende der Welt von dem Versprechen, das in diesem Titel liegt: Die zahlreichen Außenseiter – Forscher, Künstler, Philosophen allesamt -, die Herzog buchstäblich am Ende der Welt, wo jede Richtung Norden ist, ausfindig gemacht hat und vor der Kamera zum Sprechen bringt, bringen diesen Film mit ihren Lebensgeschichten, ihrer Perspektive auf die Welt von deren unteren Ende her mindestens ebenso zum Flirren wie die bei Herzog natürlich stets ins Religiöse und Sakrale spielende Musik.
Penguin of Doom
Nicht unerwähnt bleiben darf dabei der heimliche Superstar des Films: Es handelt sich um einen Pinguin, der, statt wie seine Artgenossen Richtung Meer und also Richtung Nahrung, mit ausgebreiteten Stummelflügen Richtung Gebirge ins Landesinnere zieht – und damit, wie Herzog in seiner unvergleichlichen Lakonie kommentiert, in den sicheren Tod. Wie er es so als einzelner trotzig mit den Bergen aufnimmt, ist nicht nur ein glanzvoller Moment in diesem Film, er reiht sich auch perfekt in Werner Herzogs an solchen Figuren gewiss nicht arme Filmografie ein: Wer hätte wohl geahnt, dass sich noch am Südpol ein Verwandter von Aguirre, Fitzcarraldo und Cobra Verde findet? Kurz: Begegnungen am Ende der Welt ist für alle Herzog-Fans absolute Pflicht – und für solche, die es werden wollen (und auch sollten!), ein fulminanter Einstieg in den wunderbaren Filmkosmos eines Meisterregisseurs ganz eigenen Schlags.
Eine prall gefüllte DVD
Schön, dass Begegnungen am Ende der Welt mit einiger Verspätung nun doch seinen Weg auf den hiesigen Markt gefunden hat. Umso erfreulicher noch, dass die von polyband veröffentlichte DVD prall gefüllt mit großartigen Extras ist. Zum einen wäre da der wie stets unbedingt hörenswerte (englische, aber deutsch untertitelte) Audiokommentar vom Meister selbst (ihm zur Seite stehen der Produzent und der Kameramann), in dem Herzog zahlreiche Details der Produktion mit dem ihm eigenen Humor (und Hang zur Übertreibung…) kommentiert und viele Anekdoten von den portraitierten Antarktisbewohnern zu erzählen weiß.
Auf einer zweiten DVD finden sich schließlich die restlichen Bonusfeatures, darunter ein rund einstündiges Podiumsgespräch im Museum of the Moving Image mit Jonathan Demme (im übrigen hier zum Nachhören!), das glücklicherweise nicht nur auf Begegnungen am Ende der Welt beschränkt ist. Wie beim Audiokommentar gilt auch hier: Es ist immer eine Freude, Herzog reden zu hören! Daneben finden sich großartige (allerdings nicht von Werner Herzog gedrehte) Kurz- und Kunstfilme aus der Antarktis: Zum einen wunderschöne Naturaufnahmen, zum anderen aber auch schicke kleine Pretiosen, darunter Seal Man, eine sehr schwarzhumorige Parodie auf Herzogs (ebenso sehr empfehlenswerten!) Dokumentarfilm Grizzly Man.
Abschließend der Trailer – zieht Euch warm an!
Begegnungen am Ende der Welt ist bei Amazon für 19,97 € erhältlich.
Thomas Groh lebt in Berlin, arbeitet für die Programmvideothek Filmkunst im Roderich und schreibt über Filme, zum Beispiel für die Filmzeitschrift Splatting Image, die taz und das Onlinekulturmagazin Perlentaucher. Wenn er nicht gerade sein Blog aktualisiert, verfasst er wöchentliche DVD-Kolumnen für den moviepilot, in denen er Filme von etwas jenseits des Radars empfiehlt, zuletzt beispielweise das Mafia-Epos Im Angesicht des Verbrechens, das Wikinger-Epos Walhalla Rising und das Woody-Allen-Epos Hollywood Ending.
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Kommentare
über Werner Herzogs Begegnungen am Ende der Welt
Goblin-Commander Thu, 09 Dec 2010 18:22:12 -0000
Kommentar löschenDanke für die Info hab mich schon lange gefragt wann der Film endlich auf deutsch rauskommt.
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Mozzerino Wed, 08 Dec 2010 10:07:58 -0000
Kommentar löschenGrandiose Doku von Herzog, die man nicht verpassen darf. Der Pinguin ist genial, aber mein Favorit ist die Survival-Übung mit dem Eimer auf dem Kopf. Was für eine grandiose Metapher für den Kampf Mensch gegen Natur!
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annaberlin Wed, 08 Dec 2010 09:53:50 -0000
Kommentar löschenDer Film ist phänomenal - die Szene mit dem Pinguin eine der Filmszenen, die ich niemals vergessen werde. Long live Herzog!
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andyewest88 Wed, 20 Apr 2011 12:23:02 -0000
Antwort löschenhaha! der suizid-pinguin ist wirklich großartig :)
filmschauer Wed, 08 Dec 2010 08:24:03 -0000
Kommentar löschenIch hab mich immer gefragt, ob und wann jemals "Encounters at the End of the World" endlich auch hier mal erscheinen wird, und plötzlich ist sie da! Danke an polyband, die sogar neben der DVD eine Blu-ray-Version veröffentlicht haben (und bei Amazon.de sogar gerade 1 Euro günstiger ist). :)
Hoffentlich schieben sie "The Wild Blue Yonder" noch irgendwann nach, ich weiß aber nicht, wie es da mit den Rechten aussieht.
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Tausend Dank für den Link zum Museum of the Moving Image, dort haben die neben Werner Herzog über die Jahre Dutzende interessante Filmemacher interviewt und alle Interviews – zurück bis zu einem mit Michal Powell von 1989! – lassen sich als Podcast runterladen. Was für eine Schatzkammer! :)
Und zum Film selber ... Der Trailer sieht wirklich faszinierend aus. Vielleicht wird das ja mein erster Herzog-Film :).
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filmschauer Tue, 14 Dec 2010 16:20:32 -0000
Antwort löschenWie, noch keinen Film von Herzog gesehen? Dann wird's aber Zeit, es lohnt sich (sowohl im Doku- als auch im Spielfilmfach). :)
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nurleben Tue, 14 Dec 2010 23:30:34 -0000
Antwort löschenJaja, ich hab ihn ja auf dem Schirm :D. Und wiegesagt, ich fang wohl mit dem hier an (oder vielleicht dem kommenden 3D-Höhlenfilm) ^^
annaberlin Mon, 03 Jan 2011 09:56:16 -0000
Antwort löschenUnbedingt mit Grizzly Man anfangen und dann Aguirre schauen....