Tower of David

Wir schauen Homeland - Staffel 3, Folge 3

Homeland
© Showtime
Homeland

Sprang Homeland zu Beginn von Staffel 2 in den Plot, als sei der Teufel bzw. Showtime hinter der Serie her, wirken die ersten Episoden von Season 3 wie eine mühsame Rückbesinnung auf die eigenen Anfangstage. Damals begann Homeland mit dem spannungserzeugenden Verdacht, verbrachte indessen viel Zeit mit dem Schmerz der durch Krieg und Gefangenschaft geschlagenen Wunden. Der Anschlag auf die CIA-Gedenkveranstaltung und seine Konsequenzen nimmt für alle Beteiligten in Staffel 3 eine ähnliche Bedeutung ein wie Brodys überraschende Rückkehr aus der Gefangenschaft. Die ersten beiden Episoden verfolgten die Druckwellen des Ereignisses zur CIA, Carrie und der Familie des in Ungnade gefallenen Kriegshelden, untersuchten die entstandenen Risse und Abgründe sowie die Versuche, diese zu kitten. Folge 3, Tower of David, kehrt zurück zur Quelle des Schmerzes. Dabei ist es egal, ob Nicholas Brody etwas mit dem Anschlag zu tun hatte. Schuld hat er durch sein doppeltes Spiel genug auf sich geladen und in Tower of David finden wir ihn in nichts weniger als der Hölle wieder. Was wohl die venezolanische Tourismus-Behörde davon hält?

Was passiert: Die Hölle erinnert in Homeland sehr stark an die gen Himmel strebenden Kleinstädte, wie wir sie zuletzt in The Raid und Dredd zu sehen bekamen. In einem nicht zu Ende gebauten Wohnblock in Caracas findet sich Nicholas Brody wieder, zwei Schusswunden im Bauch und ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar als Todesurteil. Wer genau seine schützende Hand über den Most Wanted Man hält, ist unklar. Der Verweis seines Bewachers auf Carrie Mathison könnte nämlich ebenso gut eine Finte sein. Brody, der in den letzten Monaten von Land zu Land hetzte, scheint nun an seiner Endstation angekommen zu sein. Das sehen seine neuen “Freunde” so, die ihn am liebsten den ganzen Tag mit Heroin zudröhnen würden und jeden töten, der von seiner wahren Identität erfährt. Das lernt Brody auf die harte Tour, als er bei einem Imam Schutz sucht, der kurz darauf mit seiner Frau erschossen wird. Brodys Flucht in die Freiheit hat ihn in ein anderes Gefängnis geführt, eines, dem er sich ergibt.

Nach genau 30 Minuten sehen wir Carrie in Tower of David das erste Mal. Die Episode parallelisiert die beiden Zellen, in die sich ihre Hauptfiguren manövriert haben, was manch andere Autoren womöglich zur Verzweiflung treiben würde. Carrie, zwangseingewiesen in eine Klinik, nimmt endlich wieder ihre Medikamente, wird von ihren Verschwörungstheorien freilich immer wieder zurückgeworfen. Insofern wirkt es eher wie eine Gefahr, denn eine Befreiung, als ein mysteriöser Anwalt ihr ein Angebot macht, das sie (noch) abschlagen kann. Vielleicht ist dieses Misstrauen gegenüber Anwälten aber auch auf die jahrelange Konditionierung durch TV und Film zurückzuführen.

Home Sweet Home: Ist es die Hölle oder doch nur das Fegefeuer, in dem Nicholas Brody momentan sein Dasein fristet? Sicher, in einer der nächsten Folgen könnte Brody von seiner neuen Englischschülerin (oder Quinn?) befreit werden, damit der Agententhriller wieder die Oberhand gewinnt und Homeland in Galopp und Kugelhagel auf ein weiteres Serienfinale zurast. Bis dahin grübelt die Serie über ihre eigene Hauptfigur, spielt daheim durch, wie die Welt nach einem Anschlag von Brody aussehen würde und lässt den vom glänzenden Erik Dellums (Homicide, The Wire) verkörperten Untergrund-Doc das daraus entstehende Paradox ansprechen: Überall um Brody sterben Menschen (der Taschendieb, der Imam und seine Frau). Ist es nicht das Beste für alle, ihn wegzuschließen, ganz so als hätte er den Anschlagsort nie lebend verlassen? Als Kulisse für diesen Dead Man Walking on Heroin wurde das unvollendete Hochhaus perfekt gewählt, quirlt in seinen Ecken und Enden doch überall das Leben, das eingerahmt wird durch eine durchlässige, in ihrer Unfertigkeit surreale Fassade. Ausgerechnet sie muss den am meisten gesuchten Mann der Welt verbergen.

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