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Garcias Videothek

Zurückgespult! Dokumentationen über die VHS-Kultur

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© IPF Productions

"Die kurze Geschichte des Videos führt zurück ins Milieu. Mitte der 70er-Jahre eröffneten die ersten Spezial-Geschäfte in Vergnügungsvierteln. Zunächst wurden fast ausschließlich Sexfilme auf Kassette angeboten. Mit dem schlechten Image aus der Gründerzeit wollen sich die Händler nicht länger abfinden. In Ermangelung sonstiger Qualifikationen haben sie sich eine anspruchsvolle Berufsbezeichnung zugelegt: 'Videothekare' nennen sie sich neuerdings..."

Diese unmissverständliche Wertung eines Berufsstandes stammt aus der ZDF-Dokumentation "Mama Papa Zombie - Horror für den Hausgebrauch", welche Auftakt für diese Liste bildet, in der ich euch ein paar Dokumentationen und Reportagen vorstelle, die in der oder über die Zeit berichten, in der der unaufhaltsame Videoboom eine ganze Gesellschaft erschütterte und Kinder und Jugendliche sozialethisch desorientierte:

Mama, Papa, Zombie - Horror für den Hausgebrauch (1984) - Deutschland

Einseitig, manipulativ, reißerisch – aber immer unfreiwillig komisch. Im Jahre 1984 machte sich das ZDF auf, um diesen zweifelhaften Berufszweig knallhart unter die Lupe zu nehmen. Weniger eine Dokumentation als ein trauriges, aber heutzutage doch recht amüsantes Dokument unfreiwilliger Komik.

Wer mehr wissen möchte, sollte einen Blick in die Arbeit der FSK werfen oder zusehen, was die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vor über 20 Jahren so getrieben hat.

Video Nasties - Moral Panic, Censorship & Videotape (2010) – Vereinigtes Königreich

Nicht nur in Deutschland, auch in Großbritannien sorgte der Aufstieg der VHS und die damit einhergehende Welle an Gore-, Splatter- und sonstigen Horrorfilmen für eine Kontroverse, die fast absurder geriet, als es hierzulande der Fall war.

Hervorragende und umfangreich recherchierte Dokumentation, in der Regisseure wie Neil Marshall („The Descent - Abgrund des Grauens“) und Christopher Smith („Severance - Ein blutiger Betriebsausflug“), Schriftsteller, BBFC-Mitarbeiter, Filmkritiker und viele weitere Zeitzeugen zu Wort kommen und neben unzähligen Ausschnitten einen umfassenden und äußerst informativen Einblick in den Video-Wahnsinn geben.

„Video Nasties“ nimmt einen mit auf eine Zeitreise in die 80er, als die Debatte um Gewalt in Videos kulturell und politisch fragwürdige Ausmaße annahm.

Das 3er-DVD-Set (Dokumentation, Trailer aller Video Nasties u.v.m.) gibt es (bisher) nur als Import-Fassung, aber dank des Region-Free-Codes können Interessierte aus Deutschland ohne Bedenken zuschlagen.

Es gibt auch einen zweiten Teil von 2014, den ich gerade bestellt habe und rezensieren werde, nachdem er gesichtet wurde.

Wer sich hierfür interessiert, dem könnte auch die BBC-Doku "Dear Censor" über die Filmzensur im Vereinigten Königreich gefallen.

Adjust Your Tracking (2013) - USA

Keine reine Dokumentation, mehr eine Huldigung an eine Ära, die heute kultisch verehrt wird. Von wem? Von den leidenschaftlichen Sammlern und Fans, die hier neben einigen Filmschaffenden zu Wort kommen.

Die Doku kann man sich als UK Import über Amazon bestellen. Und keine Sorge, die DVD läuft auch auf europäischen Abspielgeräten!

Rewind This! (2013) - USA

Dokumentation über den popkulturellen und wirtschaftlichen Einfluss der Videokassette und der damit verbundenen Entwicklung im Heimkinomarkt.

Gibt es als US Import auf Amazon, leider nur mit Region Code 1, also nicht mit handelsüblichen europäischen Playern abspielbar.

VHS Massacre (2015) - USA

Die beiden Filmemacher Kenneth Powell und Thomas Edward Seymour sind vor allem durch ihre Beteiligung an Filmen des legendären Underground-Labels Troma bekannt. Das Unternehmen genießt dank Indie-Produktionen wie "Atomic Hero - The Toxic Avenger" und "Class of Nuke 'Em High - Die Klasse 1994" seit über 40 Jahren Popularität unter Genre-Fans und Trash-Liebhabern. In ihrer Dokumentation gehen Powell und Seymour dem Siegeszug und Untergang der VHS nach und beleuchten dessen Einfluss speziell auf die unabhängige Filmbranche. Troma-Chef Lloyd Kaufman kommt ebenso zu Wort wie Journalisten, Podcaster und Darsteller.

Das deprimierendste an der Doku: Neben den Interviews, die sie führen, grasen sie ein paar der letzten Videotheken ab, nur um bei ihrer Rückkehr Monate später ein leer stehendes Haus vorzufinden.

Die Offenbarung in der Doku: Die Mitmach-Kindersendung "Granpa's Magical Toys", die rückblickend mehr verstört als entzückt. Den Grusel möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten:

Sehr löblich an dieser Doku, die sich der Hingabe des analogen Mediums verschrieben hat, ist, dass sie die neuen Wege und Auswertungsformen nicht verteufelt, sondern auch hier Vor- und Nachteile von Streaming-Plattformen wie Netflix thematisiert.

Als Prime-Kunde kann man sich die Dokumentation kostenlos anschauen.



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