Berlinale-Tagebuch

Zwischen glorreichen Filmen & Totalausfällen

Die Berlinale - Tag 4
© Fabula/Camino/Metafilms/moviepilot
Die Berlinale - Tag 4

Auf so einem Filmfestival kann es schnell passieren, dass ihr keinen Schimmer habt, welcher Wochentag eigentlich gerade ist. So habe ich mich eine ganze Weile gewundert, warum ich morgens um 8 nicht nur ewig auf die Bahnen warten muss, sondern diese auch noch weitestgehend leer waren. Erst als ich am Alexanderplatz an all den geschlossenen Läden vorbeischlenderte, traf es mich wie ein Blitz: Es ist Sonntag! Wäre mir das früher bewusst gewesen, hätte ich den Potsdamer Platz sicherlich entspannt und pünktlich erreicht, so musste ich mich abhetzen, um rechtzeitig bei der ersten Pressevorführung zu sein. Doch die Hektik hat sich gelohnt.

Glorreiche Tragikkomödie aus Spanien weiß zu begeistern
Die namensgebende Protagonistin in Gloria ist eine geschiedene Frau in ihren besten Jahren, die ein wenig mit der Einsamkeit zu kämpfen hat. Ihre erwachsenen Kinder führen ihr eigenes Leben, der Ex-Ehemann ist bereits neu verheiratet. Eines Tages lernt sie auf einer Feier den ebenfalls geschiedenen Rodolfo kennen und beginnt mit ihm eine vielversprechende Beziehung, die jedoch auch von einigen Problemen begleitet wird.

Ich weiß gar nicht, wo ich mit meinem Lobgesang anfangen soll. Die spanische Tragikkomödie ist voll mit liebenswerten Charakteren und einer gehörigen Portion charmantem Humor, ohne die eigentlich eher triste Gefühlswelt ihrer Hauptfigur aus den Augen zu lassen. Gloria, wunderbar gespielt von Paulina García, ist eine starke, vielseitige Figur, die verzweifelt nach Zuneigung und Liebe sucht. Regisseur Sebastián Lelio porträtiert seinen Charakter allerdings keineswegs als eine abhängige alte Frau, die nur mit einem Mann an ihrer Seite glücklich sein kann. Sie ist eine starke, eigenständige Persönlichkeit, zu der wir uns als Zuschauer von der ersten Minute an verbunden fühlen. Dabei jongliert Lelio gekonnt mit humoristischen, melodramatischen und schlichtweg herzerwärmenden Szenen, ohne auch nur an einer Stelle zu sehr in ein Extrem abzudriften und kreiert damit den bisher besten Beitrag zum diesjährigen Berlinale-Wettbewerb.

Die Nonne verschenkt ihr Potenzial auf der Zielgeraden
Die Nonne konnte das hohe Niveau von Gloria erwartungsgemäß nicht halten, sehr viel hat jedoch nicht gefehlt. Im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts wird die 17-jährige Suzanne Simonin von ihren Eltern dazu gedrängt, in einem Kloster zu leben und Ordensschwester zu werden, weil die finanziellen Mittel für eine standesgemäße Heirat fehlen. Suzanne fühlt sich nicht zu so einem Leben berufen und rebelliert mit aller Macht dagegen.

Die Berlinale ist voll mit emotionalen Dramen, doch nur wenige erreichen solch eine Intensität wie Die Nonne. Guillaume Nicloux wirft einen zermürbenden Blick hinter den Unschuldsvorhang kirchlicher Strukturen und streng religiöser Familien des 18. Jahrhunderts. Im Grunde genommen kein neues Thema, doch es profitiert von einer höchst interessanten Protagonistin, die sich mit ihren zarten 17 Jahren nach Nichts mehr als der Freiheit sehnt und von Pauline Etienne phänomenal gespielt wird. Leider wird die ergreifende erste Hälfte durch die deutlich schwächere zweite getrübt. Aus dem Nichts wird ein neuer Haupthandlungsstrang herbeigezaubert, der die so gemächlich aufgebaute Atmosphäre beschädigt und ihm einige Längen beschert. Wie aus einer Trance erwacht, musste ich etwa ab dem letzten Drittel plötzlich regelmäßig auf die Uhr schauen und dem verschenkten Potenzial hinterhertrauern. Zudem schwangen im letzten deutlich komödiantischere Noten mit (die jedoch vermutlich unfreiwillig aufkamen), die ebenso kontraproduktiv waren. Das bedeutet jedoch nicht, dass Die Nonne keine Sichtung wert ist. Es bleibt ein beklemmendes, angenehm ruhig inszeniertes Drama, das sich nicht vor der Konkurrenz verstecken muss.

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