Harvey Keitel gibt alles, ein Kind Scorseses, ein Außenseiter, eine Fußnote im sozialen Nirgendwo, einer der markanten Typen des US-Kinos der 90er. Er spielt den überreizten Gewalttätigen und wimmernden Erlösungsbedürftigen, den gefallenen Engel ebenso sehr quälend eindringlich wie den kriminellen Rabauken. Im Fieber schleppen sich seine verkörperten Figuren durch Dreck, innere Dämonen und Abscheu. Keitels Rollen dealen mit Drogen, schlafen mit Nutten, prophezeien den Christus, entladen Waffen und sich selbst, korrumpieren und maßregeln entlang der Extreme, und setzen sich dem Verfall aus, schwingen das Tanzbein mit diesem im Delirium. In Quentin Tarantinos bestechendem Kammerspieldebüt "Reservoir Dogs" und dem danach entstandenen Schlüsselfilm postmoderner Zitatbeweihräucherung "Pulp Fiction" bricht Keitel nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal mit seinem obligatorischen Rollenschema. Das erboste, wortkarge Gesicht meint in Wirklichkeit scharfsinnige Intelligenz und die ausgestrahlte unterschwellige Autorität soll vor einem zwischenmenschlichen Massaker bewahren, um das letzte bisschen Rest kluges, logisch argumentierendes Denken mit einer Schutzschicht zu überziehen, kurz bevor alles endgültig zusammenbricht. Manchmal für Säuberungen unterschiedlichster Art zuständig, öfters aber auch einfach dafür da, alles noch viel, viel schlimmer zu machen, weiß man nie, ob Keitel tatsächlich irgendeine Kraft zum Handeln besitzt oder ob er einfach nur die Gesetze der Unterwelt überschreitet. Legendär ist da schon die Coppola-Geschichte zu "Apocalypse Now", Ausdruck einer Kontrolllosigkeit, die Keitel bis ins Leben abseits der Leinwand begleitete. Er sei zu "lebendig", Coppola entschied sich deshalb für Martin Sheen in der Titelrolle, den besser passenden, "passiveren" Darsteller. Ein großartiger Kerl, dieser Harvey Keitel, ein Duellist im Hexenkessel, der immer wieder Grenzpatrouille in rechtlicher Grauzone schob und eine himmlische Karriere bezeugt. Begegnen möchte man ihm aber nicht, insbesondere wenn man wild rumgeballert und die Pommes zur Versöhnung nicht dabei hat: "Du A-R-S-C-H-L-O-C-H!"
Danke, ja, es gibt von meiner Seite aus noch einige Keitel-Filme aufzuholen. Aber in Anbetracht seines heutigen Geburtstages musste dies geschrieben werden. :)
Hexenkessel, Taxi Driver, Reservoir Dogs: Er war immer ein sympathischer Strauchdieb.
Pulp Fiction: Er war immer ein sympathischer Organisator.
Die letzte Versuchung Christi: Er war immer ein sympathischer Verräter.
In Reservoir Dogs hat er bloß nicht den Judas gespielt, sondern den unfreiwilligen oder freiwilligen ? Gehilfen des Judas.
Ein treffender Kommentar!
Timo K. Sun, 13 May 2012 13:54:08 -0000
Kommentar löschenHarvey Keitel gibt alles, ein Kind Scorseses, ein Außenseiter, eine Fußnote im sozialen Nirgendwo, einer der markanten Typen des US-Kinos der 90er. Er spielt den überreizten Gewalttätigen und wimmernden Erlösungsbedürftigen, den gefallenen Engel ebenso sehr quälend eindringlich wie den kriminellen Rabauken. Im Fieber schleppen sich seine verkörperten Figuren durch Dreck, innere Dämonen und Abscheu. Keitels Rollen dealen mit Drogen, schlafen mit Nutten, prophezeien den Christus, entladen Waffen und sich selbst, korrumpieren und maßregeln entlang der Extreme, und setzen sich dem Verfall aus, schwingen das Tanzbein mit diesem im Delirium. In Quentin Tarantinos bestechendem Kammerspieldebüt "Reservoir Dogs" und dem danach entstandenen Schlüsselfilm postmoderner Zitatbeweihräucherung "Pulp Fiction" bricht Keitel nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal mit seinem obligatorischen Rollenschema. Das erboste, wortkarge Gesicht meint in Wirklichkeit scharfsinnige Intelligenz und die ausgestrahlte unterschwellige Autorität soll vor einem zwischenmenschlichen Massaker bewahren, um das letzte bisschen Rest kluges, logisch argumentierendes Denken mit einer Schutzschicht zu überziehen, kurz bevor alles endgültig zusammenbricht. Manchmal für Säuberungen unterschiedlichster Art zuständig, öfters aber auch einfach dafür da, alles noch viel, viel schlimmer zu machen, weiß man nie, ob Keitel tatsächlich irgendeine Kraft zum Handeln besitzt oder ob er einfach nur die Gesetze der Unterwelt überschreitet. Legendär ist da schon die Coppola-Geschichte zu "Apocalypse Now", Ausdruck einer Kontrolllosigkeit, die Keitel bis ins Leben abseits der Leinwand begleitete. Er sei zu "lebendig", Coppola entschied sich deshalb für Martin Sheen in der Titelrolle, den besser passenden, "passiveren" Darsteller. Ein großartiger Kerl, dieser Harvey Keitel, ein Duellist im Hexenkessel, der immer wieder Grenzpatrouille in rechtlicher Grauzone schob und eine himmlische Karriere bezeugt. Begegnen möchte man ihm aber nicht, insbesondere wenn man wild rumgeballert und die Pommes zur Versöhnung nicht dabei hat: "Du A-R-S-C-H-L-O-C-H!"
bedenklich? 27 Mitgliedern gefällt das Kommentar gefällt mir 4 Antworten
Timo K. Sun, 13 May 2012 19:30:54 -0000
Antwort löschenDanke, ja, es gibt von meiner Seite aus noch einige Keitel-Filme aufzuholen. Aber in Anbetracht seines heutigen Geburtstages musste dies geschrieben werden. :)
filmschauer Sun, 13 May 2012 21:28:18 -0000
Antwort löschenSchön. Sehr gefallen durch das atypische Rollenmuster hat er mir auch noch in "From Dusk Till Dawn".
Alle 4 Antworten zeigen
shadowhunting Mon, 14 May 2012 20:13:14 -0000
Antwort löschenHexenkessel, Taxi Driver, Reservoir Dogs: Er war immer ein sympathischer Strauchdieb.
Pulp Fiction: Er war immer ein sympathischer Organisator.
Die letzte Versuchung Christi: Er war immer ein sympathischer Verräter.
In Reservoir Dogs hat er bloß nicht den Judas gespielt, sondern den unfreiwilligen oder freiwilligen ? Gehilfen des Judas.
Ein treffender Kommentar!
Timo K. Tue, 15 May 2012 13:09:17 -0000
Antwort löschen:)