Louis Malle
Beteiligt an 15 Filmen und 1 Serien
Louis Malle war ein Französischer Regisseur, der zu den angesehensten und erfolgreichsten seiner Zunft gehört und erheblichen Einfluss auf das Kino des 20. Jahrhunderts hatte. Zu seinen größten Erfolgen zählen ‘Au revoir, les enfants’ (1987) und ‘Zazie dans le métro’ (1960).
Leben und Werk
Jugend
Louis Malle wurde am 30. Oktober 1932 in Thumeries, einem kleinen Ort im Norden Frankreichs nahe der belgischen Grenze als fünftes von sieben Kindern in einer reichen Industriellenfamilie geboren. Sein Großvater, Henri Béghin, war der Gründer einer in Frankreich bis heute bekannten Zuckerfabrik. Louis Malle wuchs in einem großbürgerlichen, streng katholischen Milieu heran und wurde von Privatlehrern in seinem Elternhaus unterrichtet. Mit dem Beginn der deutschen Besatzung im Jahr 1940 zog seine Familie nach Paris. Louis kam in ein von Karmelitern geführtes Internat in Fontainebleau, eine Erfahrung, die er später in seinem Film Auf Wiedersehen, Kinder verarbeitete. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entdeckte Malle seine Liebe zum Film. Der 14jährige machte erste Aufnahmen mit der 8mm Kamera seines Vaters, verbrachte viel Zeit in Kinos und entschied sich, Regisseur zu werden.
Ausbildung
Auf Drängen seiner Eltern begann er nach seinem Abitur zunächst ein Studium der Politikwissenschaft, bewarb sich aber bald an an der renommierten Pariser Filmhochschule Institut des Hautes Etudes Cinématographiques, die er von 1951 bis 1953 besuchte. Von der Theorielastigkeit seines Studiums enttäuscht, ergriff er die Chance als Jacques-Yves Cousteau einen Assistenten für seinen, später mit einer Goldenen Palme und einem Oskar ausgezeichneten, Dokumentarfilm Le Monde du silence suchte. Für Malle, der neben Cousteau geleichberechtig als Regisseur auftrat, war der Film nach den zwei Kurzfilmen die bisher drehte nicht nur das erste abendfüllende Projekt, sondern vor allem die ersehnte praktische Ausbildung. Nach der zweijährigen Forschungsreise arbeitet er noch weitere zwei Jahre mit Cousteau zusammen. Als einer seiner Kollegen bei Dreharbeiten verunglückte und Malle selbst eine Verletzung des Trommelfells erlitt, gabe er seine Tätigkeit als Unterwasser-Kameramann auf.
Erste Schaffensphase
Malle assistierte nun bei Jacques Tati und Robert Bresson und startete erste eigene Projekte. 1958 erschien schließlich sein erster eigener Spielfilm, der Aufsehen erregende Krimi Fahrstuhl zum Schafott, in dem Jeanne Moreau und Maurice Ronet die Hauptrollen spielen und die Trompete von Miles Davis die Grundstimmung prägt. Schon bald folgten weitere Filme: 1958 Die Liebenden, wiederum mit Jeanne Moreau, 1960 der Nouvelle Vague-Klassiker Zazie dans le métro und 1962 Privatleben mit Brigitte Bardot und Marcello Mastroianni. Nach weiteren Kurzfilmen drehte er 1965 in Mexiko das Bürgerkriegsspektakel Viva Maria! mit Brigitte Bardot und Jeanne Moreau in den Hauptrollen. Zurückgekehrt nach Frankreich zog sich Malle in die französische Provinz zurück und heiratete dort Anne-Marie Deschott, eine Schauspielerin. Malle kehrte nach Paris zurück und drehte 1967 Der Dieb von Paris mit Jean-Paul Belmondo.
Schaffenskrise und Zäsur
Der Druck, dem sich Malle in dieser Phase seines Lebens aussetzte, forderte seinen Tribut und trieb ihn in eine Krise. Malle setzte eine Zäsur. Er trennte sich von seiner ersten Frau, verkaufte seine Pariser Wohnung und reiste 1968 nach Indien. Seine Erfahrungen auf dieser Reise resultierten 1969 in den Filmen Kalkutta und L’Inde fantôme, zwei Werken, in denen sich Malle wieder dem Dokumentarfilm zuwandte. Zurück in Frankreich kehrte Malle Paris den Rücken und zog wieder in die Provinz. Von 1970 bis 1973 hatte er eine Beziehung mit der deutschen Schauspielerin
Gila von Weitershausen, der Mutter seines 1971 geborenen Sohnes Manuel Cuotemoc. In dieser Zeit wendet sich Malle in seinen Filmen, die auch autobiografische Züge erhalten, dem Thema Kindheit zu. 1971 erschien Herzflimmern, in dem auch von Weitershausen eine Rolle erhielt. Bis er 1976 in die USA übersiedelte, drehte Malle noch fünf weitere Spielfilme in Frankreich, darunter den oskarnomiierten Film Lacombe Lucien über einen Kollaborateur im besetzten Frankreich, der von der New York Times zu den 1.000 besten Filmen aller Zeiten gezählt wurde. Aus einer zwischenzeitlichen Beziehung mit der kanadisch-französischen Schauspielerin Alexandra Stewart stammt seine Tochter Justine, die 1974 zur Welt kam.
Malle in Hollywood
Pretty Baby aus dem Jahr 1978 mit der dreizehnjährigen Brooke Shields und der damals noch unbekannten Susan Sarandon ist Malles erster Hollywoodfilm. Louis Malle pendelte nun 10 Jahre lang zwischen Frankreich und den USA und wurde zu einem der erfolgreichsten französischen Regisseure. In dieser Zeit entstanden unter anderem Atlantic City (1980) mit Burt Lancaster, Susan Sarandon und Michel Piccoli und Fünf Gauner machen Bruch (1984) mit Donald Sutherland, Jack Warden und Sean Penn. Im Jahr 1981 heiratete er die amerikanische Schauspielerin Candice Bergen, die ihm 1985 ein weiteres Kind, seine Tochter Chloë, schenkte. 1987 drehte Malle mit Auf Wiedersehen, Kinder erneut einen Film in Frankreich, heute eines seiner bekanntesten und biografisch vielleicht eines seiner wichtigsten Werke. In dem vielfach ausgezeichneten autobiographischen Film verarbeitet er seine Erfahrungen in einem katholischen Internat während des Krieges und der deutschen Besatzung. Im Jahr 1990 erschien Eine Komödie im Mai, ein sarkastischer Rückblick auf die französische Bourgeoisie und die 1968er Bewegung. Auch in Verhängnis (1990) mit Jeremy Irons und Juliette Binoche, einem erotischen Thriller mit expliziten Einstellungen, widmet sich Malle seinem Vergnügen, die Fassade des biederen Bürgertums aufzubrechen. Malles letzter Film Vanja auf der 42. Straße entstand im Jahr 1994. Am 23. November 1995 starb Louis Malle in Los Angeles an Lymphdrüsenkrebs.
Malle und die Nouvelle Vague
Malles Verhältnis zur Nouvelle Vague ist umstritten. Im Unterschied zu Jean-Luc Godard, François Truffaut, Eric Rohmer oder Jacques Rivette wandte er sich nicht von der theoretischen Seite dem Film zu, sondern als Praktiker und Techniker. Er entschied sich gegen das Leben im Paris und zog in die Provinz. Mit seinen frühen Filmen, insbesondere mit Zazie dans le métro schuf er jedoch zweifellos einige der Meisterwerke der Nouvelle Vague, selbst wenn er deren Vokabular für komödiantische Zwecke nutzte und schamlos ironisierte.
Literatur
Philip French (Hrsg.): Louis Malle über Louis Malle, Alexander Verlag Berlin 1998
Peter Jansen und Wolfram Schütte (Hrsg.): Luis Malle, Reihe Film 34, Carl Hanser Verlag München, Wien 1985
Weitere Informationen im Internet
Artikel zu Louis Malle in der deutschen Wikipedia.
Louis Malle im prisma TV Guide (mit nächsten Sendeterminen von Malle-Filmen)
Populäre Filme
von Louis Malle
Fahrstuhl zum Schafott
FR 1958
Auf Wiedersehen, Kinder
FR/DE 1987
Viva Maria!
IT/FR 1965
Verhängnis
GB/FR 1992
Das Irrlicht
IT/FR 1963
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Malle war unbestreitbar einer der talentiertesten Stilkünster des europäischen Films. Aber er war kein Virtuose, der seine Begabungen zur Schau stellte, sondern ein Regisseur, der sich stets um eine dem Thema angemessene Form bemühte; ein Autorenfilmer, dem die von der "Nouvelle Vague" propagierte Autoren-Theorie eher fremd geblieben ist.
Er verstand sich als "Auteur" zu seinen eigenen Bedingungen. Denn trotz der ausdauernden Richtungswechsel gab es auch feste Konstanten in seiner Arbeit: Immer wieder hat er sich mit den Heranwachsenden beschäftigt, mit den Einsamen und Außenseitern, mit Menschen, die am Scheideweg zwischen Leben und Tod mit sich selbst in Konflikt geraten sind. Und immer wieder hat er sich an sogenannte Tabus herangewagt. Sein Meisterwerk "Herzflimmern" (1970) behandelt das Thema Inzest, in "Lacombe Lucien" (1973) beschäftigt er sich mit dem gemeinen Schicksal eines Nazikollaborateurs, in "Eine Komödie im Mai" (1990) veralbert er die Ideale der Alt-68er.
Das Element der Unberechenbarkeit hat Publikum und Kritik bis heute oft irritiert. Gern wurde Malle darum als filmisches Chamäleon porträtiert. Doch im Gegensatz zur Baumechse wechselte er seine Hautfarbe nicht, um sich einer Gefahr zu entziehen, sondern um sich ihr auf ganz eigene Art entgegenzustellen. Statt einfach zu gefallen, wollte er auch verstören und verunsichern.
War er ein Moralist? Ein Moralist ja, aber nicht, um der Moral als Selbstzweck zu dienen, sondern aus Opposition gegen deren Selbstverständlichkeit. Darin ist er sich immer treu geblieben. Malles Unabhängigkeit, seine Beweglichkeit und seine Streitlust lassen ihn nach seinem frühen Tod gerade in der heutigen Zeit, in der der europäische Film Leitfiguren zunehmend vermissen läßt, unersetzlich erscheinen.
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