Malle war unbestreitbar einer der talentiertesten Stilkünster des europäischen Films. Aber er war kein Virtuose, der seine Begabungen zur Schau stellte, sondern ein Regisseur, der sich stets um eine dem Thema angemessene Form bemühte; ein Autorenfilmer, dem die von der "Nouvelle Vague" propagierte Autoren-Theorie eher fremd geblieben ist.
Er verstand sich als "Auteur" zu seinen eigenen Bedingungen. Denn trotz der ausdauernden Richtungswechsel gab es auch feste Konstanten in seiner Arbeit: Immer wieder hat er sich mit den Heranwachsenden beschäftigt, mit den Einsamen und Außenseitern, mit Menschen, die am Scheideweg zwischen Leben und Tod mit sich selbst in Konflikt geraten sind. Und immer wieder hat er sich an sogenannte Tabus herangewagt. Sein Meisterwerk "Herzflimmern" (1970) behandelt das Thema Inzest, in "Lacombe Lucien" (1973) beschäftigt er sich mit dem gemeinen Schicksal eines Nazikollaborateurs, in "Eine Komödie im Mai" (1990) veralbert er die Ideale der Alt-68er.
Das Element der Unberechenbarkeit hat Publikum und Kritik bis heute oft irritiert. Gern wurde Malle darum als filmisches Chamäleon porträtiert. Doch im Gegensatz zur Baumechse wechselte er seine Hautfarbe nicht, um sich einer Gefahr zu entziehen, sondern um sich ihr auf ganz eigene Art entgegenzustellen. Statt einfach zu gefallen, wollte er auch verstören und verunsichern.
War er ein Moralist? Ein Moralist ja, aber nicht, um der Moral als Selbstzweck zu dienen, sondern aus Opposition gegen deren Selbstverständlichkeit. Darin ist er sich immer treu geblieben. Malles Unabhängigkeit, seine Beweglichkeit und seine Streitlust lassen ihn nach seinem frühen Tod gerade in der heutigen Zeit, in der der europäische Film Leitfiguren zunehmend vermissen läßt, unersetzlich erscheinen.
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über Louis Malle
Kommentar schreibenGeistertexter 2009/03/31 20:46:15
Kommentar löschenMalle war unbestreitbar einer der talentiertesten Stilkünster des europäischen Films. Aber er war kein Virtuose, der seine Begabungen zur Schau stellte, sondern ein Regisseur, der sich stets um eine dem Thema angemessene Form bemühte; ein Autorenfilmer, dem die von der "Nouvelle Vague" propagierte Autoren-Theorie eher fremd geblieben ist.
Er verstand sich als "Auteur" zu seinen eigenen Bedingungen. Denn trotz der ausdauernden Richtungswechsel gab es auch feste Konstanten in seiner Arbeit: Immer wieder hat er sich mit den Heranwachsenden beschäftigt, mit den Einsamen und Außenseitern, mit Menschen, die am Scheideweg zwischen Leben und Tod mit sich selbst in Konflikt geraten sind. Und immer wieder hat er sich an sogenannte Tabus herangewagt. Sein Meisterwerk "Herzflimmern" (1970) behandelt das Thema Inzest, in "Lacombe Lucien" (1973) beschäftigt er sich mit dem gemeinen Schicksal eines Nazikollaborateurs, in "Eine Komödie im Mai" (1990) veralbert er die Ideale der Alt-68er.
Das Element der Unberechenbarkeit hat Publikum und Kritik bis heute oft irritiert. Gern wurde Malle darum als filmisches Chamäleon porträtiert. Doch im Gegensatz zur Baumechse wechselte er seine Hautfarbe nicht, um sich einer Gefahr zu entziehen, sondern um sich ihr auf ganz eigene Art entgegenzustellen. Statt einfach zu gefallen, wollte er auch verstören und verunsichern.
War er ein Moralist? Ein Moralist ja, aber nicht, um der Moral als Selbstzweck zu dienen, sondern aus Opposition gegen deren Selbstverständlichkeit. Darin ist er sich immer treu geblieben. Malles Unabhängigkeit, seine Beweglichkeit und seine Streitlust lassen ihn nach seinem frühen Tod gerade in der heutigen Zeit, in der der europäische Film Leitfiguren zunehmend vermissen läßt, unersetzlich erscheinen.
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