Sam Mendes - Kommentare

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Meinen Spacey-Richard III-Bericht aus London hinterlasse ich mal beim Regisseur Mendes:

Mit seiner Inszenierung von "Richard III" beendet Sam Mendes das Bridge Project für Kevin Spaceys Old Vic. Über drei Jahre ließ das Projekt einen transatlantischen Cast klassische Stücke aufführen, mit welchen sie um den Globus tourten.

Auch "Richard III" beginnt im Old Vic, wird jedoch nachdem man bereits im Epidaurus Theater in Griechenland gastierte, bis nächsten Frühjahr in Spanien, Italien, Istanbul, Hong Kong, Singapore, Sydney, San Francisco und am Ende in New York am Broadway zu sehen sein. Karten gibt es bereits, allerdings sind auch diese Aufführungen teilweise schon so ausverkauft wie "Richard III" es in London war, bevor überhaupt erste Proben begannen.

Inwiefern Mendes das Ensemble an jeden Ort begleiten kann wird sich noch zeigen, schließlich hatte ich erwartet, dass er dieses Jahr noch den nächsten Bond drehen wird. Zu schade, dass Spacey mit der zweitlängsten Rolle Shakespeares mehr als ausreichend beschäftigt ist, zu gerne hätte ich ihn auch als Kopf von Quantum gesehen, schließlich wollte er schon immer mal einen Bond-Bösewicht geben. Zumindest gehe ich davon aus, dass Mendes ihn ursprünglich für diese Rolle vorgesehen hatte. Derzeit klingt es so als würde Ralph Fiennes ihn ersetzen.

"Richard III" ist Shakespeares größter Bösewicht. Zweifellos ein Stück Tudor-Propaganda, welches den letzten König der Plantagenets so abstoßend und böse wie nur möglich zeichnet. Richard war als König schon in Ordnung, Shakespeares Stück verlieh ihm jedoch zweifelhafte Berühmtheit als Bösewicht par excellence, als Schablone für unzählige Schurken, die in Fiktion und Realität noch folgen sollten, in seiner Gier nach Macht, seiner Hässlichkeit und gleichzeitig seiner Bravado, Intelligenz, sowie seines Witzes, die seinen Charme ausmachen, zieht er sein Publikum als eine Art Schauspieler in seinen Bann und macht es durch direkte Ansprache zu Komplizen.

"Richard III" ist die Rolle, mit der dieses Stück lebt oder stirbt, und sie hat sich für einige große Schauspieler als entscheidender Punkt in ihren Karrieren erwiesen. Reiht sich Spaceys Richard in die Reihe berühmter Richards ein? Ich hoffe doch sehr. Er stürzt sich jedenfalls kopfüber in die Rolle und *räusper* hängt sich nicht nur sprichwörtlich richtig rein. Sein Richard verbindet mehrere Eigenschaften der berühmten Richard-Darstellungen vor ihm, u.a. übernimmt er Oliviers (auch am Old Vic) Betonung des Humors der Figur, McKellens Modern Dress-Military Richard und Anthony Shers enorm physische Interpretation der Rolle. In jüngerer Vergangenheit wurden die Behinderungen Richards meist heruntergespielt, Spaceys Richard betont sie und nutzt sie zur Charakterisierung: sein ausgeprägter Buckel ("bunch-backed toad"), sein verkümmerter Arm, sein geschientes Bein, gestützt auf einen Stock... Man möchte meinen Spacey kriecht über die Bühne, aber weit gefehlt. Er nutzt seinen ganzen Körper als Waffe und schießt wie ein Raubtier regelrecht umher. Sein Gang hat dabei etwas spinnenhaftes, er ist ganz und gar die von Margaret beschriebene "bottled spider".

Kein Wunder hält Spacey sich seit einem halben Jahr fit und hat einen Chiropraktiker hinter der Bühne, um dem physischen Anspruch der Rolle gerecht zu werden. Shakespeare gönnt seinem Richard-Darsteller auch kaum Pausen und Mendes hat das Stück fast nicht gekürzt, man sieht also in den dreieinhalb Stunden im Old Vic beinahe den gesamten "Richard III". Am Ende wird Spacey, Mussolini-Style, die Füße voran, wie ein geschlachtetes Tier aufgehängt und baumelt in der letzten Szene umher ohne einen roten Kopf zu bekommen. Ich wünschte nur Mendes hätte ihm nicht verordnet, fast durchweg zu schreien. Ich merkte richtig, dass er zur Zeit eine etwas dauerheiserne Stimme hat. Jedenfalls war er super, noch sensationeller als die Presse ihn im Vorfeld gelobt hatte. Er hatte das erstaunlich leise Publikum in seinem Bann und brachte es dazu nach all seinen tyrannischen Mordbefehlen während der "There is no creature loves me"-Rede am Ende auch noch Mitleid mit ihm zu haben. Jedenfalls war meine Begleitung entsprechend angetan. Mich muss man da nicht einmal bitten, ich fand Spacey auch als buckeligen Krüppel noch weit mehr als einfach nur "dishy", sondern granatenscharf (sicher hat dabei auch geholfen, dass er einmal nicht von übereifrigen Make-Up-Artists und Hairstylisten auf unkenntlich degradiert wurde, wie leider in so vielen Filmen). Und aus den super bequemen Sitzen der dritten Reihe hatten wir ohnehin freie Sicht auf die Mandeln. Schön auch, dass Spacey (extra für uns ;)) vergangenen Samstag abend wohl besonders klasse war, jedenfalls laut Gavin Stenhouse, einem regelmäßig twitternden Mitglied der Besetzung: "Great energy tonight...! Even though it's a two show day! Kev is a tour-de-force, a hurricane! #intervaltweets #boundlessenergy #richardIII" - ein paar Abende zuvor schrieb er noch, als mehrere Theater aufgrund der Krawalle in London schlossen: "The cast here are ready to raid the weapons & props room for broadswords & maces to defend @oldvictheatre #Shakespeare style! ;) #richardIII" :)

Überraschend ist die starke Präsenz der Frauen in Mendes' Inszenierung. Mendes' Richard hat alle unter Kontrolle, nur nicht die Frauen (mit Ausnahme von Lady Anne), auch nicht nachdem er ihnen Väter, Brüder, Ehemänner und Kinder genommen hat. Ganz besonders Haydn Gwynne (welch toller Name!), die ich aus einer kleinen Rolle aus "Sherlock" kannte, bietet Richard als Queen Elizabeth noch ganz am Ende die Stirn. Ihre Szene mit Spacey ist eine der stärksten des Stücks. Auch hat mich Gemma Jones (für alle Harry Potter-Fans: Madame Pomfrey) als geisthafte Witwe Queen Margaret überzeugt, nachdem mich ihr Kostüm skeptisch gestimmt hatte. Annabel Scholey als Lady Anne 'gets the job done', doch ihre wichtigste Szene mit Spacey, die Verführung der Lady Anne, ist das erste große Highlight von Mendes' Inszenierung. Dies ist die absurdeste Szene im gesamten Stück, Richard bringt Anne dazu, ihm seine (nicht vorhandene) Liebe zu glauben und ihn zu heiraten, und zwar über dem Sterbebett ihres Mannes, dessen Tod Richard, wie sie weiß, verursacht hat und nachdem sie ihn eben noch angespuckt hatte. Scholey und Spacey spielen die Szene nicht so steril wie üblich, sondern enorm physisch, so dass man ihr endlich mal fast ein wenig Glauben schenken kann.

An der restlichen männlichen Besetzung hat die Kritik nur wenige gute Haare gelassen und das nicht ganz zu unrecht. Chuk Iwuji ist ein großartiger Buckingham, Richards Spin Doctor, und Chandler Williams war ein guter Clarence wie auch Jack Ellis als Lord Hastings überzeugte und von mir in seiner Barfußszene Sympathiepunkte erntete, weil der Schauspieler, wie auch ich selbst zu dem Zeitpunkt, Blasenpflaster an den Füßen hatte (böse Sandalen!). Jeremy Bobb war als Second Murderer besser denn als Catesby. Überhaupt nicht gefallen haben mir Michael Rudko als hölzerner Lord Stanley und Nathan Darrow als Richmond, der zumindest am Ende guten Text hat, im Vergleich zu Spacey aber vollkommen untergeht. Ich habe ihn fast nicht wahrgenommen, jemand mit mehr Präsenz wäre hier nötig gewesen. Dass die beiden Prinzen von Frauen gespielt wurden, fand ich wiederum nicht schlimm, das hat sicher ganz praktische Gründe, da man mit Kindern schlecht touren kann und die Mädels auch die notwendigen Understudies für die weiblichen Rollen sind, die oft gemeinsam auf der Bühne, und daher schwer zu ersetzen sind.

Schließlich haben mich noch die Musik und das Bühnenbild von Mendes's Inszenierung begeistert. An den Seiten neben der Bühne sitzen die Musiker und betrommeln fast jeden Szenenübergang, während diese, wenn es passt in einer Projektion mit fliegenden Lettern die nächste wichtige Figur namentlich ankündigen. Das verleiht dem Stück Struktur und Klarheit, verliert sich jemand, der es nicht kennt, doch schnell in den unzähligen Figuren und Familienbeziehungen der Yorks und Lancasters. Auch treiben die Trommeln die Handlung voran und an zwei Stellen, zur Krönung Richards am Ende der ersten Hälfte und zum Battle of Bosworth am Ende der zweiten Hälfte, kommt der Musiker gemeinsam mit fast dem gesamten Cast auf die Bühne und trommelt. Gänsehaut. Das sind auch die Stellen, bei welchen sich das Bühnenbild, insgesamt aus 22 Türen bestehend in die Tiefe öffnet. Schließlich bin ich Mendes dankbar, dass er sich mit den Referenzen zum Arab Spring, zu Mubarak und Gaddafi, obwohl vorhanden, insgesamt doch recht zurückhält. Stattdessen kann man als Spacey-Fan den 'Se7en'-Gag mit Lord Hastings' Kopf in der Box nicht übersehen, während jener seinem Richard ab und an einen Touch Groucho Marx verleiht - Ähnlichkeiten zum humpelnden Verbal Kint sind höchstens rein zufällig, aber sicher auch nicht ungewollt.

"Worth every penny" wie jemand hinter mir nach der letzten Standing Ovation sagte. "Richard III" ist auf alle Fälle das beste was ich von Sam Mendes bisher gesehen habe, mit dem ich sonst manchmal so meine Probleme habe, und Kevin war göttlich. Nächstes Jahr hat er von der Rolle wohl immer noch nicht genug, weil er nach der letzten Vorstellung am Broadway wohl direkt mit dem Dreh für "House of Cards" beginnen wird. Dem US-Remake von David Fincher der großartigen nun rund 20 Jahre alten BBC-Serie, in deren Zentrum Francis Urquhart nach dem mächtigsten Job im Land strebt, und den Ian Richardson ganz hervorragend als eine Mischung aus Macbeth und Richard III spielte, auch nachdem er ebenfalls kurz zuvor Richard III auf der Bühne gegeben hatte. Falls ihr also keine Chance mehr bekommt Mendes' ausverkauften "Richard III" zu sehen, man kann sich täglich an der Old Vic-Box Office anstellen und auf Returns hoffen, auch am Samstag stand wieder eine lange Menschenschlange bis draußen vor der Tür, dann schaut euch diese erstklassige BBC-Serie an. Große Empfehlung! Meinen Dank jedenfalls an Shakespeare, Mendes und Spacey für den wunderbaren Abend.

Hier einige Bilder der Produktion:
http://geraint-lewis.photoshelter.com/gallery/RICHARD-III/G00003sRmid5noA4

Hier der Trailer:
http://www.youtube.com/watch?v=TwtwnuSu9rA
(auf Youtube findet man auch zahlreiche Clips von den Aufführungen in Epidaurus; ich ärgere mich noch immer, dass sie keine DVD herausbringen wollen, obwohl ich weiß, dass sie das Stück einmal aufgezeichnet haben...)

Hier hat jemand den Verlauf der Inszenierung niedergeschrieben:
http://margatesands.wordpress.com/2011/08/18/attack-of-the-gloucesteraptor

Hier hat gestern Prof. Stanley Wells wunderbar Spaceys Richard II vor rund 5 Jahren mit seinem jetztigen Richard III verglichen:
"Not many actors have scored great successes as both Richard II and Richard III. Putting it simplistically, Richard III is a role for a character actor with heroic attributes, Richard II for a poetic actor who can portray introversion."
http://www.thestage.co.uk/features/feature.php/33245/kevin-spacey-king-of-the-regal-roles

Und hier ganz offiziell:
http://www.oldvictheatre.com/whatson.php?id=75

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Hendrik

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Yep, dieser Sam Mendes wird es nämlich wahrscheinlich genauso in den Sand setzen wie Michael Apted und Marc Forster. Ich will Martin Campbell zurück!


doctorgonzo

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John McTiernan macht das, der macht ab jetzt alles...Auch die neuen Folgen GZSZ.


annaa

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Away we Go ist wunderschön, danke Sam Mendes.

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annaberlin

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Von Sam Mendes war ich ja leicht genervt nach American Beauty, aber dieses harsche Urteil muss ich nach großartigen Filmen wie Jarhead, Revolutionary Road und jetzt noch Away we Go revidieren: Sam Mendes ist ein hervorragender, vielseitiger Regisseur, der seine Darsteller optimal fördert und hervorragende Drehbücher schreibt/verfilmt.

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annaberlin

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Schau ihn dir an, ist kein Meisterwerk, aber total schön. Hab ihm 10 Punkte gegeben.


Claudia :)

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Away we go ist wirklich klasse... aber trotzdem kein "american beauty" :D


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