Packend und zugleich ungemein faszinierend wie verstörend inszenierter Psychothriller, der ohne die störende Werbefilmästhetik (Aronofsky outet sich hier als Wiederholungstäter) im Mittelteil und mit einem weniger raschen Schnitt zu echter Größe aufsteigen könnte.
Damit meine ich nicht nur die Clubszenen, sondern die Inszenierung insgesamt: Sehr schnelle Schnitte (allgemein viele Jump Cuts), Sex, Drogen, Jump Scares, usw. Da der Film sehr durch seine Musik und seine Bilder getragen wird, reißt einen das aus dem Geschehen raus.
Mary und Max stammt aus der Feder Adam Elliots, der mit dem sehr ähnlichen Harry Krumpet anno 2003 einen Oscar für den besten Animationskurzfilm gewann. Nach fünf Jahren Arbeit - Claymation braucht nunmal seine Zeit - und einem Jahr in der Publisher-Hölle, die jeden Indie-Film aus Übersee hier erwartet, ist der Film endlich offiziell in den deutschen Kinos angelaufen. Schade, dass er nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie etwa Coraline bekommen hat, selten hätte ein Animationsstreifen es mehr verdient. Aber möchte man es den Verleihern schon wirklich verübeln, dass sie einer Brieffreundschaft zwischen einem achtjährigen, im väterlichen Bier gefundenen Mädchen und einem deutlich älteren, 350 Pfund wiegenden jüdischen Atheisten mit einer sehr eigenwillligen Sicht auf die Welt, verpackt in einen Knetfilm, nicht gleich den roten Teppich ausrollen? Naja, ein bisschen vielleicht.
Wer allgemein auf diese Art der Präsentation steht, der bräuchte nicht einmal mehr Argumente wie Story oder Charaktere, denn schon bei der Knetoptik kann Mary & Max auf ganzer Linie überzeugen: Die verschrobenen Figuren, ganz besonders auch die Tierwelt, sind wunderbar heruntergekommen und surreal gestaltet: Ausufernde Extremitäten, nervöse Augen, viele wunderbare Details und eine einfühlsame Farbgebung. Es sind Bilder wie der schwarz-weiße, traurig wirkende, auf dem Stuhl zusammengesackte Max mit seiner Kippa mit rotem Bommel, die den Film so einzigartig und liebenswert wie kaum einen zweiten werden lassen.
Natürlich kann der Film technisch absolut nicht mit dem extrem detaillierten, perfekt animierten Coraline mithalten, setzt jedoch in puncto Originalität gegenüber Selicks Werken noch einmal ordentlich einen drauf - schön.
Die Musik, gerade das Hauptthema, wurde sehr gut ausgewählt und fügt sich genau so gut ein wie die Knetfiguren. Der Einsatz ist spärlich, aber passend, hier gibt's nichts zu meckern.
Die wahre Stärke des Films liegt natürlich in den Charakteren. Nicht der Story, die ist keinesfalls schlecht oder einfallslos, dient aber nur als periphärer Hintergrund, vor dem sich Max' merkwürdige Gedankenwelt und Marys Sorgen - kindliche wie erwachsene - ausbreiten können. Die Briefwechsel der beiden sind derart herrlich und anrührend geschrieben, dass man sich 80% der Monologe am liebsten gerahmt ins Zimmer hängen möchte. Dabei wird sich nie nur auf die Verschrobenheit und die Marotten der Figuren verlassen, obwohl das natürlich sehr zum feinen Humor des Films beiträgt. Gerade die Tragik und die melancholischen Momente, die sich durch die ganze Handlung ziehen, haben sehr reale Hintergründe, genau wie z.B. auch Max' Asperger-Syndrom.
Viel lässt sich nicht herumkritteln. Ich hätte mir von Zeit zu Zeit gewünscht, dass die optischen Gags etwas mehr hinter die Handlungen und Gedanken der Charaktere zurücktreten, um den Film voranzubringen. Aber da es sich hier um Knete und nicht um langweilige, beliebige 3D-Animation handelt, ist dieser Kritikpunkt nicht so gewichtig.
Mary & Max erfindet die Tragikomödie nicht neu, geht aber problemlos als einer der besten Vertreter des Genres seit langer Zeit durch. Genau das richtige für Leute, die Harry Krumpet, Tragikomödien, Claymation und wunderbar erzählte Geschichten mögen und das Intro von Up! höher schätzen als den Rest des Films. Es gibt keinen Grund, sich den Kinobesuch für eine andere Gelegenheit aufzusparen - toll.
Wes Anderson ist ein Ausnahmetalent. Kein Wunder also, dass man seinen Ausflug ins Animationsgenre auch dann verfolgen möchte, wenn man Kinderfilmen eher abgeneigt gegenübersteht.
Der Film beschreibt die Abenteuer des rastlosen Mr. Fox, dem es in seiner Familienidylle langsam aber sicher zu langweilig wird und der daher noch ein letztes Mal seinen ursprünglichen Job als Hühnerdieb wiederaufnimmt, was naürlich gründlich schief gehen muss.
Von der ersten Sekunde an wird der Zuschauer dabei von den relativ rasanten und spritzigen Dialogen eingefangen, die - zumindest im englischen Original - von einem exzellenten Cast vertont wurden. George Clooneys Frauenheldenkehle passt perfekt zum geschmeidig-durchtriebenen Familienoberhaupt, Meryl Streep glänzt gewohnt als Stimme der Vernunft und auch die restlichen Rollen wurden allesamt von langjährigen Wegbegleitern Andersons besetzt. Fehltritte? Fehlanzeige. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sich der eher feinsinnige denn satirische Humor nicht in Wohlgefallen oder Langeweile auflöst.
Wer dabei auf Wagenladungen an schwarzer Tragikomik à la Darjeeling Limited gewartet hat, sollte sich am besten schon vor dem Kinobesuch klar machen, dass Fantastic Mr. Fox "nur" eine Kindergeschichte ist. Eine ungewöhnliche und schrullig umgesetzte, ja, aber ein zu großes Risiko geht Anderson dann doch nicht ein.
Die Umsetzung von Roald Dahls Erfolgsroman aus den 70ern hauptsächlich mit Hilfe der schon damals betagten Stop-Motion-Technik zu bewerkstelligen, ist quasi eine Selbstverständlicheit und mutet fast genau so hübsch und lebendig an wie bei Altmeister Henry Selick. Durch den Mix aus verschiedenen Animationstechniken und Kamerafahrten bekommt man Einstellungen zu Gesicht, die bei solchen Filmen eigentlich nicht sehr üblich sind. Dynamik ist hier das Zauberwort, genau wie bei den Dialogen treten stille, langsame Szenen kaum auf, obwohl dies mitunter mehr als wünschenswert gewesen wäre. Der Film ist sehr stilsicher und ein Fest für die Augen, schwächelt blöderweise manchmal am etwas hastigen Drehbuch.
"Hastig" darf man dabei nicht nur auf die Geschwindigkeit (s.o.), sondern auch und vor allem auf die Ausarbeitung der Charaktere beziehen. Die dramaturgischen Baustellen werden viel zu holprig und klischeehaft abgearbeitet, seien es die Eheprobleme der Familie Fox oder die Minderwertigkeitskomplexe des Sohnemanns Ash gegenüber seinem Cousin Kristofferson. Abgesehen von Mr. Fox selbst werden die meisten Figuren mit eher eindimensionalen Herausforderungen (wahlweise auch überhaupt keinen, je nach Screentime) bedacht, sodass sich mein Mitgefühl eher in Grenzen hielt, was natürlich auf Kosten der Identifikation geht. Auch Coraline hatte beispielsweise keine Überstory, war aber wesentlich charmanter und menschlicher inszeniert.
So schlimm wie es klingt ist es um Fantastic Mr. Fox natürlich nicht bestellt, trotzdem hätte ich hier von einem Autor dieses Kalibers mehr erwartet, da hilft auch der gewohnt superbe Soundtrack nicht weiter.
Insgesamt ist Andersons Animationsexperiment ein gelungener, schön anzuschauender Kinderfilm mit Abzügen in der B-Note geworden. Nicht das erhoffte Meisterwerk, aber besser als das ausgelutschte CGI-Puppentheater, das Pixar/Disney seinem Publikum jahrein, jahraus zumutet.
Den letzten Satz kann ich irgendwie nicht nachvollziehen. Gerade Pixar verblüfft doch immer wieder mit technischem Fortschritt ohne die Geschichte zu vernachlässigen und stilistisch und visuell immer ganz anders. Ausgelutscht ist was anderes. Meiner Meinung nach zumindest.
Und gerade Mr. Fox ist doch nicht wegen seines Stop-Motions so besonders, sondern wengen Wes Andersons Stil und Bildersprache.
Ich habe nicht viele Pixars gesehen (Toy Story, Wall-E). Vermutlich gilt die Pixar-Kritik aber eher in Richtung Disney-Kritik. Denn Disneys Stories sind wirklich ausgelutscht, egal ob CGI oder Zeichentrick. Mir ist kein Disney-Meisterwerk bekannt, welches nicht hauptsächlich durch visuelle Aspekte beeindruckt statt durch einer tollen Geschichte. Vielleicht habe ich aber auch ein Meisterwerk unter der Fülle von geistigen Müll vergessen, seit ich z. B. Chihiros Reise oder das Schloss im Himmel gesehen habe.
Dann sind die Geschichten von Disney eben einfach...Und? Bezaubernd sind sie trotzdem.
Schön wieder etwas von dir zu lesen Marvin. Auch, wenn du mit dem letzten Satz natürlich vollkommen Unrecht hast, aber ich kenne ja deine bestimmten Abneigungen.
Ah, Riveda, verfolgst du mich jetzt auch noch hierhin? ^^
Pixar mag die Crème de a Crème der Branche sein, trotzdem sind das alles sehr sichere, sauber vermarktete, immer gleich ausschauende und ähnlich anspruchslose Filme fürs jüngere Publikum. Wer trotzdem darin eintauchen kann, wird natürlich gut unterhalten, es ist ja auch nicht so, dass Fantastic Mr. Fox alles richtig gemacht hätte, weit gefehlt!
Ich würde mir von Pixar wünschen, dass sie irgendwann einmal Dinge wie die Vorgeschichte in Up! auf Kinofilmgröße aufblasen und nicht nur ihr ganzes Talent in Kurzfilmen zu "verschwenden".
Was heißt hier verfolgen? Ich bin doch kein Stalker!
Da will man mal ausnahmsweise freundlich sein und dann sowas...;)
Du hast ja durchaus zum Teil recht, aber der letzte Satz klingt viel zu hart. Jedoch weiß ich ja, wie schwer es dieses Genre bei dir hat.
Also für mich sehen "Finding Nemo" "The Incredibles" oder "Wall-E" nicht gleich aus (sondern jeder für sich ziemlich einzigartig). Und Anspruch ist so ein schöner Begriff. Leider allgemein kaum definierbar.
Die Filme von Pixar, Disney oder auch Dreamworks möchten möglichst viele Menschen begeistern (vornehmlich natürlich auch jüngere) und das gelingt den meisten Werken des Genres meiner Meinung nach.
Habe leider "Up" noch nicht gesehen. Kann dazu also noch nichts sagen.
Ein neuer Film? Von Peter Jackson? Na das klingt doch toll!
Wenn King Kong immerhin noch ein guter Unterhaltungsfilm war, dann zementiert dieser Streifen engültig Jacksons Ruf als "One Hit Wonder". Wie es dieses Drehbuch geschafft hat, sich sämtlichen prüfenden Blicken von Co-Autor bis Produzent zu entziehen, ist mir ein absolutes Rätsel ... was hätten wir alles?
Den gesamten Jenseits-Subplot könnte man ersatzlos streichen, ohne nennenswerte Abstriche in der Handlung zu machen. Im Gegenteil: Der Beginn ist kriechend und die Gesamtdauer ohnehin viel zu hoch, da hätte man an einigen Stellen unbedingt die Schere ansetzen müssen. Alternativ sollte jemand Jackson mitteilen, dass man einen Film nicht auf mehr als zweieinhalb Stunden aufblasen muss, weil man es kann, sondern wenn es durch den zugrunde liegenden Stoff nötig wird. Dass dieser Part so sehr an schlechtem CGI kranken würde, hätte ich dem Trailer auch nicht entnehmen können.
Besonders störend empfand ich, wie schmalzig und einfallslos ein so ernstes Thema mitsamt einer sehr kreativen Literaturvorlage umgesetzt wurde. Große Teile des Films erinnern eher an einen verfluchten Herzschmerz-Frauenfilm denn einen Fantasythriller. Klar, ganz ohne spannende / interessante Szenen ist der Film nicht, das geht jedoch in der Masse einfach unter.
Der Rest ist business as usual: Planlose Schauspieler halten ihre verwirrten Gesichter in die Kamera, während sie versuchen, irgendetwas haltbares aus dem Skript zu extrahieren (abgesehen von Susan Sarandon, die ist immer cool), der Produktionswert ist gewohnt hoch, Jackson hat ein nettes Cameo ... gähn.
Eine dicke Enttäuschung, ich rate, Abstand zu halten.
Ein neuer Film von Peter Jackson!!!!
Wow toll,
dass du das scheiben konntest
du hast den Film entweder gar nicht verstanden oder bist völlig behämmert..........
Ein typischer Gilliam, wie immer. Nur ein kleines gallisches Dorf ...
Ähem: In einem Preview hatte ich gelesen, dies sei nun eine Rückkehr zu seinen älteren Werken mitsamt düsterem Ton und visionärem Stil.
Das ist sowohl richtig als auch falsch: Visuell wurden, wie immer, alle Register gezogen - der Film braucht sich hinter Time Bandits und Münchhausen nicht zu verstecken, wenngleich ich bspw. Brazil in dieser Hinsicht etwas intelligenter fand. Wirklich vergleichen lassen sich die beiden Filme diesbezüglich allerdings kaum, dafür ist der Ton eher jovial. Leider krankt es etwas an den bescheidenen CGI-Effekten, die sowieso viel zu häufig verwendet werden, selbst, wenn es nicht hätte sein müssen (spiegelndes Wasser z.B.). Mitunter versaut man sogar die Green-Screen-Aufnahmen, da hört trotz wahrscheinlich miserablem Budget der Spaß auf, da es das Eintauchen in die Bilder verhindert.
Die restliche Technik kann durchaus mithalten. Musik charmant, Kamera okay, Sets wie üblich absolut spitze. Gilliam könnte man wahrscheinlich mutterseelenallein auf einer Müllkippe aussetzen und ein paar Stunden später stünde dort der coolste Freizeitpark der Welt. Man kann nur hoffen, dass der Gute weiterhin mit Nicola Pecorini zusammenarbeitet, das hat bei Tideland auch sehr gut funktioniert.
Der wichtigste Teil des Teams, die Schauspieler, harmonieren sehr gut miteinander. Aus der Not des frühen Ablebens Ledgers seine Rolle einfach mehrfach zu besetzen, funktioniert hervorragend und ist mir beim ersten Mal erst spät aufgefallen. Neben Tonys Inkarnationen können allen voran Christopher Plummer und Tom Waits überzeugen - ohne die beiden hätte einem großen Teil des Films der Antrieb gefehlt. Gerade Waits reißt das Ruder, Schuld ist das manchmal etwas schwachbrüstige Drehbuch, immer wieder rum. Visionärer Stil? Check. Düsterer Ton? Naja, ich drück ein Auge zu. Halt, nein, tue ich doch nicht, denn da liegt das Problem: Münchhausen und Time Bandits haben beide einen melancholischen, teils ernsteren Ton, wollen aber nie davon ablenken, dass sie ebend nicht mehr (und nicht weniger!) sind als auergewöhnliche Märchen.
Auf den ersten Blick trifft das auch hier zu: Alles schön bunt, Story leicht verdaulich. Das wäre schön, wenn sich das Drehbuch für eine Seite entscheiden könnte. Mal sorgt man sich um den armen Parnassus, dann wieder gibt's eine dumme und motivationslose Entscheidung, damit die Story so weitergehen kann, wie sie weitergehen soll. Konkreteres Beispiel: (Achtung, Spoiler!)
Einerseits wird diese geheuchelte Betroffenheit auf der Kinder-Benefizgala z.B. durch dieses grässliche Lied sehr schön parodiert, andererseits wird die High Society/Geschäftswelt/Normalowelt ziemlich platt persifliert. Wenn dann am Ende die gesetzte Damen und Herren den Übelwicht aufknüpfen, weiß ich wirklich nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll - im negativen Sinne.
Allgemein ist das alles manchmal einfach überladen, hier und da hätte man straffen können, vielleicht geht das auch nur mir so. Wie auch immer: Das (übrigens sehr gute) Ende lässt mich etwas ratlos zurück - für ein phantastisches Märchen zu erwachsen, als trübsinniger Kommenar zur Kraft der Einbildung etwas zu bunt. Den Spagat hat Tideland besser hinbekommen.
Wer Gilliams Stil mag, der wird auf jeden Fall Spaß haben, nur sollte man nicht allzu sehr auf die Story achten. Unterhalten hat's mich wirklich, ich bin leider noch nicht schlau daraus geworden.
Deine Kommentare
MadMarvin
über Black Swan 2011/01/22 01:25:42
Packend und zugleich ungemein faszinierend wie verstörend inszenierter Psychothriller, der ohne die störende Werbefilmästhetik (Aronofsky outet sich hier als Wiederholungstäter) im Mittelteil und mit einem weniger raschen Schnitt zu echter Größe aufsteigen könnte.
bedenklich? Kommentar gefällt mir 2 Antworten
PaulinaRe 2011/01/22 02:06:43
Antwort löschenWerbefilmästhetik? Ist mir garnicht aufgefallen :D
MadMarvin 2011/01/22 11:55:02
Antwort löschenDamit meine ich nicht nur die Clubszenen, sondern die Inszenierung insgesamt: Sehr schnelle Schnitte (allgemein viele Jump Cuts), Sex, Drogen, Jump Scares, usw. Da der Film sehr durch seine Musik und seine Bilder getragen wird, reißt einen das aus dem Geschehen raus.
MadMarvin
über Mary & Max oder Schrumpfen Schafe wenn es regnet? 2010/08/29 23:48:01
Mary und Max stammt aus der Feder Adam Elliots, der mit dem sehr ähnlichen Harry Krumpet anno 2003 einen Oscar für den besten Animationskurzfilm gewann. Nach fünf Jahren Arbeit - Claymation braucht nunmal seine Zeit - und einem Jahr in der Publisher-Hölle, die jeden Indie-Film aus Übersee hier erwartet, ist der Film endlich offiziell in den deutschen Kinos angelaufen. Schade, dass er nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie etwa Coraline bekommen hat, selten hätte ein Animationsstreifen es mehr verdient. Aber möchte man es den Verleihern schon wirklich verübeln, dass sie einer Brieffreundschaft zwischen einem achtjährigen, im väterlichen Bier gefundenen Mädchen und einem deutlich älteren, 350 Pfund wiegenden jüdischen Atheisten mit einer sehr eigenwillligen Sicht auf die Welt, verpackt in einen Knetfilm, nicht gleich den roten Teppich ausrollen? Naja, ein bisschen vielleicht.
Wer allgemein auf diese Art der Präsentation steht, der bräuchte nicht einmal mehr Argumente wie Story oder Charaktere, denn schon bei der Knetoptik kann Mary & Max auf ganzer Linie überzeugen: Die verschrobenen Figuren, ganz besonders auch die Tierwelt, sind wunderbar heruntergekommen und surreal gestaltet: Ausufernde Extremitäten, nervöse Augen, viele wunderbare Details und eine einfühlsame Farbgebung. Es sind Bilder wie der schwarz-weiße, traurig wirkende, auf dem Stuhl zusammengesackte Max mit seiner Kippa mit rotem Bommel, die den Film so einzigartig und liebenswert wie kaum einen zweiten werden lassen.
Natürlich kann der Film technisch absolut nicht mit dem extrem detaillierten, perfekt animierten Coraline mithalten, setzt jedoch in puncto Originalität gegenüber Selicks Werken noch einmal ordentlich einen drauf - schön.
Die Musik, gerade das Hauptthema, wurde sehr gut ausgewählt und fügt sich genau so gut ein wie die Knetfiguren. Der Einsatz ist spärlich, aber passend, hier gibt's nichts zu meckern.
Die wahre Stärke des Films liegt natürlich in den Charakteren. Nicht der Story, die ist keinesfalls schlecht oder einfallslos, dient aber nur als periphärer Hintergrund, vor dem sich Max' merkwürdige Gedankenwelt und Marys Sorgen - kindliche wie erwachsene - ausbreiten können. Die Briefwechsel der beiden sind derart herrlich und anrührend geschrieben, dass man sich 80% der Monologe am liebsten gerahmt ins Zimmer hängen möchte. Dabei wird sich nie nur auf die Verschrobenheit und die Marotten der Figuren verlassen, obwohl das natürlich sehr zum feinen Humor des Films beiträgt. Gerade die Tragik und die melancholischen Momente, die sich durch die ganze Handlung ziehen, haben sehr reale Hintergründe, genau wie z.B. auch Max' Asperger-Syndrom.
Viel lässt sich nicht herumkritteln. Ich hätte mir von Zeit zu Zeit gewünscht, dass die optischen Gags etwas mehr hinter die Handlungen und Gedanken der Charaktere zurücktreten, um den Film voranzubringen. Aber da es sich hier um Knete und nicht um langweilige, beliebige 3D-Animation handelt, ist dieser Kritikpunkt nicht so gewichtig.
Mary & Max erfindet die Tragikomödie nicht neu, geht aber problemlos als einer der besten Vertreter des Genres seit langer Zeit durch. Genau das richtige für Leute, die Harry Krumpet, Tragikomödien, Claymation und wunderbar erzählte Geschichten mögen und das Intro von Up! höher schätzen als den Rest des Films. Es gibt keinen Grund, sich den Kinobesuch für eine andere Gelegenheit aufzusparen - toll.
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MadMarvin
über Der fantastische Mr. Fox 2010/05/15 22:31:30
Wes Anderson ist ein Ausnahmetalent. Kein Wunder also, dass man seinen Ausflug ins Animationsgenre auch dann verfolgen möchte, wenn man Kinderfilmen eher abgeneigt gegenübersteht.
Der Film beschreibt die Abenteuer des rastlosen Mr. Fox, dem es in seiner Familienidylle langsam aber sicher zu langweilig wird und der daher noch ein letztes Mal seinen ursprünglichen Job als Hühnerdieb wiederaufnimmt, was naürlich gründlich schief gehen muss.
Von der ersten Sekunde an wird der Zuschauer dabei von den relativ rasanten und spritzigen Dialogen eingefangen, die - zumindest im englischen Original - von einem exzellenten Cast vertont wurden. George Clooneys Frauenheldenkehle passt perfekt zum geschmeidig-durchtriebenen Familienoberhaupt, Meryl Streep glänzt gewohnt als Stimme der Vernunft und auch die restlichen Rollen wurden allesamt von langjährigen Wegbegleitern Andersons besetzt. Fehltritte? Fehlanzeige. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sich der eher feinsinnige denn satirische Humor nicht in Wohlgefallen oder Langeweile auflöst.
Wer dabei auf Wagenladungen an schwarzer Tragikomik à la Darjeeling Limited gewartet hat, sollte sich am besten schon vor dem Kinobesuch klar machen, dass Fantastic Mr. Fox "nur" eine Kindergeschichte ist. Eine ungewöhnliche und schrullig umgesetzte, ja, aber ein zu großes Risiko geht Anderson dann doch nicht ein.
Die Umsetzung von Roald Dahls Erfolgsroman aus den 70ern hauptsächlich mit Hilfe der schon damals betagten Stop-Motion-Technik zu bewerkstelligen, ist quasi eine Selbstverständlicheit und mutet fast genau so hübsch und lebendig an wie bei Altmeister Henry Selick. Durch den Mix aus verschiedenen Animationstechniken und Kamerafahrten bekommt man Einstellungen zu Gesicht, die bei solchen Filmen eigentlich nicht sehr üblich sind. Dynamik ist hier das Zauberwort, genau wie bei den Dialogen treten stille, langsame Szenen kaum auf, obwohl dies mitunter mehr als wünschenswert gewesen wäre. Der Film ist sehr stilsicher und ein Fest für die Augen, schwächelt blöderweise manchmal am etwas hastigen Drehbuch.
"Hastig" darf man dabei nicht nur auf die Geschwindigkeit (s.o.), sondern auch und vor allem auf die Ausarbeitung der Charaktere beziehen. Die dramaturgischen Baustellen werden viel zu holprig und klischeehaft abgearbeitet, seien es die Eheprobleme der Familie Fox oder die Minderwertigkeitskomplexe des Sohnemanns Ash gegenüber seinem Cousin Kristofferson. Abgesehen von Mr. Fox selbst werden die meisten Figuren mit eher eindimensionalen Herausforderungen (wahlweise auch überhaupt keinen, je nach Screentime) bedacht, sodass sich mein Mitgefühl eher in Grenzen hielt, was natürlich auf Kosten der Identifikation geht. Auch Coraline hatte beispielsweise keine Überstory, war aber wesentlich charmanter und menschlicher inszeniert.
So schlimm wie es klingt ist es um Fantastic Mr. Fox natürlich nicht bestellt, trotzdem hätte ich hier von einem Autor dieses Kalibers mehr erwartet, da hilft auch der gewohnt superbe Soundtrack nicht weiter.
Insgesamt ist Andersons Animationsexperiment ein gelungener, schön anzuschauender Kinderfilm mit Abzügen in der B-Note geworden. Nicht das erhoffte Meisterwerk, aber besser als das ausgelutschte CGI-Puppentheater, das Pixar/Disney seinem Publikum jahrein, jahraus zumutet.
bedenklich? 1 Mitglied gefällt das Kommentar gefällt mir 5 Antworten
le.gonzo 2010/05/16 19:00:08
Antwort löschenDen letzten Satz kann ich irgendwie nicht nachvollziehen. Gerade Pixar verblüfft doch immer wieder mit technischem Fortschritt ohne die Geschichte zu vernachlässigen und stilistisch und visuell immer ganz anders. Ausgelutscht ist was anderes. Meiner Meinung nach zumindest.
Und gerade Mr. Fox ist doch nicht wegen seines Stop-Motions so besonders, sondern wengen Wes Andersons Stil und Bildersprache.
Tekl 2010/05/17 10:33:46
Antwort löschenIch habe nicht viele Pixars gesehen (Toy Story, Wall-E). Vermutlich gilt die Pixar-Kritik aber eher in Richtung Disney-Kritik. Denn Disneys Stories sind wirklich ausgelutscht, egal ob CGI oder Zeichentrick. Mir ist kein Disney-Meisterwerk bekannt, welches nicht hauptsächlich durch visuelle Aspekte beeindruckt statt durch einer tollen Geschichte. Vielleicht habe ich aber auch ein Meisterwerk unter der Fülle von geistigen Müll vergessen, seit ich z. B. Chihiros Reise oder das Schloss im Himmel gesehen habe.
Riveda 2010/05/17 16:58:46
Antwort löschenDann sind die Geschichten von Disney eben einfach...Und? Bezaubernd sind sie trotzdem.
Schön wieder etwas von dir zu lesen Marvin. Auch, wenn du mit dem letzten Satz natürlich vollkommen Unrecht hast, aber ich kenne ja deine bestimmten Abneigungen.
Alle 5 Antworten zeigen
MadMarvin 2010/05/18 22:37:52
Antwort löschenAh, Riveda, verfolgst du mich jetzt auch noch hierhin? ^^
Pixar mag die Crème de a Crème der Branche sein, trotzdem sind das alles sehr sichere, sauber vermarktete, immer gleich ausschauende und ähnlich anspruchslose Filme fürs jüngere Publikum. Wer trotzdem darin eintauchen kann, wird natürlich gut unterhalten, es ist ja auch nicht so, dass Fantastic Mr. Fox alles richtig gemacht hätte, weit gefehlt!
Ich würde mir von Pixar wünschen, dass sie irgendwann einmal Dinge wie die Vorgeschichte in Up! auf Kinofilmgröße aufblasen und nicht nur ihr ganzes Talent in Kurzfilmen zu "verschwenden".
Riveda 2010/05/22 14:14:12
Antwort löschenWas heißt hier verfolgen? Ich bin doch kein Stalker!
Da will man mal ausnahmsweise freundlich sein und dann sowas...;)
Du hast ja durchaus zum Teil recht, aber der letzte Satz klingt viel zu hart. Jedoch weiß ich ja, wie schwer es dieses Genre bei dir hat.
Also für mich sehen "Finding Nemo" "The Incredibles" oder "Wall-E" nicht gleich aus (sondern jeder für sich ziemlich einzigartig). Und Anspruch ist so ein schöner Begriff. Leider allgemein kaum definierbar.
Die Filme von Pixar, Disney oder auch Dreamworks möchten möglichst viele Menschen begeistern (vornehmlich natürlich auch jüngere) und das gelingt den meisten Werken des Genres meiner Meinung nach.
Habe leider "Up" noch nicht gesehen. Kann dazu also noch nichts sagen.
MadMarvin
über In meinem Himmel 2010/02/20 16:09:05
Ein neuer Film? Von Peter Jackson? Na das klingt doch toll!
Wenn King Kong immerhin noch ein guter Unterhaltungsfilm war, dann zementiert dieser Streifen engültig Jacksons Ruf als "One Hit Wonder". Wie es dieses Drehbuch geschafft hat, sich sämtlichen prüfenden Blicken von Co-Autor bis Produzent zu entziehen, ist mir ein absolutes Rätsel ... was hätten wir alles?
Den gesamten Jenseits-Subplot könnte man ersatzlos streichen, ohne nennenswerte Abstriche in der Handlung zu machen. Im Gegenteil: Der Beginn ist kriechend und die Gesamtdauer ohnehin viel zu hoch, da hätte man an einigen Stellen unbedingt die Schere ansetzen müssen. Alternativ sollte jemand Jackson mitteilen, dass man einen Film nicht auf mehr als zweieinhalb Stunden aufblasen muss, weil man es kann, sondern wenn es durch den zugrunde liegenden Stoff nötig wird. Dass dieser Part so sehr an schlechtem CGI kranken würde, hätte ich dem Trailer auch nicht entnehmen können.
Besonders störend empfand ich, wie schmalzig und einfallslos ein so ernstes Thema mitsamt einer sehr kreativen Literaturvorlage umgesetzt wurde. Große Teile des Films erinnern eher an einen verfluchten Herzschmerz-Frauenfilm denn einen Fantasythriller. Klar, ganz ohne spannende / interessante Szenen ist der Film nicht, das geht jedoch in der Masse einfach unter.
Der Rest ist business as usual: Planlose Schauspieler halten ihre verwirrten Gesichter in die Kamera, während sie versuchen, irgendetwas haltbares aus dem Skript zu extrahieren (abgesehen von Susan Sarandon, die ist immer cool), der Produktionswert ist gewohnt hoch, Jackson hat ein nettes Cameo ... gähn.
Eine dicke Enttäuschung, ich rate, Abstand zu halten.
bedenklich? Kommentar gefällt mir 7 Antworten
J0J0 2010/02/20 17:25:51
Antwort löschen:-D
MadMarvin 2010/02/20 21:17:30
Antwort löschenAbgesehen von der besagten LotR-Trilogie hat Jacksons Portfolio nur (schlechte) trashige bis gute Filme zu bieten, aber keinen echten Knüller.
soziBrötchen 2010/02/21 14:25:34
Antwort löschenKlingt echt grausam...
midori 2010/02/21 19:51:25
Antwort löschenDachte mir am Anfang nur: Wann stirbt die denn?
midori 2010/02/21 19:51:25
Antwort löschenDachte mir am Anfang nur: Wann stirbt die denn?
Alle 7 Antworten zeigen
midori 2010/02/21 19:54:09
Antwort löschenDachte mir am Anfang nur: Wann stirbt die denn?
Chev Chelios 2010/02/24 14:25:35
Antwort löschenEin neuer Film von Peter Jackson!!!!
Wow toll,
dass du das scheiben konntest
du hast den Film entweder gar nicht verstanden oder bist völlig behämmert..........
MadMarvin
über Das Kabinett des Dr. Parnassus 2010/01/09 12:19:27
Ein typischer Gilliam, wie immer. Nur ein kleines gallisches Dorf ...
Ähem: In einem Preview hatte ich gelesen, dies sei nun eine Rückkehr zu seinen älteren Werken mitsamt düsterem Ton und visionärem Stil.
Das ist sowohl richtig als auch falsch: Visuell wurden, wie immer, alle Register gezogen - der Film braucht sich hinter Time Bandits und Münchhausen nicht zu verstecken, wenngleich ich bspw. Brazil in dieser Hinsicht etwas intelligenter fand. Wirklich vergleichen lassen sich die beiden Filme diesbezüglich allerdings kaum, dafür ist der Ton eher jovial. Leider krankt es etwas an den bescheidenen CGI-Effekten, die sowieso viel zu häufig verwendet werden, selbst, wenn es nicht hätte sein müssen (spiegelndes Wasser z.B.). Mitunter versaut man sogar die Green-Screen-Aufnahmen, da hört trotz wahrscheinlich miserablem Budget der Spaß auf, da es das Eintauchen in die Bilder verhindert.
Die restliche Technik kann durchaus mithalten. Musik charmant, Kamera okay, Sets wie üblich absolut spitze. Gilliam könnte man wahrscheinlich mutterseelenallein auf einer Müllkippe aussetzen und ein paar Stunden später stünde dort der coolste Freizeitpark der Welt. Man kann nur hoffen, dass der Gute weiterhin mit Nicola Pecorini zusammenarbeitet, das hat bei Tideland auch sehr gut funktioniert.
Der wichtigste Teil des Teams, die Schauspieler, harmonieren sehr gut miteinander. Aus der Not des frühen Ablebens Ledgers seine Rolle einfach mehrfach zu besetzen, funktioniert hervorragend und ist mir beim ersten Mal erst spät aufgefallen. Neben Tonys Inkarnationen können allen voran Christopher Plummer und Tom Waits überzeugen - ohne die beiden hätte einem großen Teil des Films der Antrieb gefehlt. Gerade Waits reißt das Ruder, Schuld ist das manchmal etwas schwachbrüstige Drehbuch, immer wieder rum. Visionärer Stil? Check. Düsterer Ton? Naja, ich drück ein Auge zu. Halt, nein, tue ich doch nicht, denn da liegt das Problem: Münchhausen und Time Bandits haben beide einen melancholischen, teils ernsteren Ton, wollen aber nie davon ablenken, dass sie ebend nicht mehr (und nicht weniger!) sind als auergewöhnliche Märchen.
Auf den ersten Blick trifft das auch hier zu: Alles schön bunt, Story leicht verdaulich. Das wäre schön, wenn sich das Drehbuch für eine Seite entscheiden könnte. Mal sorgt man sich um den armen Parnassus, dann wieder gibt's eine dumme und motivationslose Entscheidung, damit die Story so weitergehen kann, wie sie weitergehen soll. Konkreteres Beispiel: (Achtung, Spoiler!)
Einerseits wird diese geheuchelte Betroffenheit auf der Kinder-Benefizgala z.B. durch dieses grässliche Lied sehr schön parodiert, andererseits wird die High Society/Geschäftswelt/Normalowelt ziemlich platt persifliert. Wenn dann am Ende die gesetzte Damen und Herren den Übelwicht aufknüpfen, weiß ich wirklich nicht, ob ich jetzt lachen oder weinen soll - im negativen Sinne.
Allgemein ist das alles manchmal einfach überladen, hier und da hätte man straffen können, vielleicht geht das auch nur mir so. Wie auch immer: Das (übrigens sehr gute) Ende lässt mich etwas ratlos zurück - für ein phantastisches Märchen zu erwachsen, als trübsinniger Kommenar zur Kraft der Einbildung etwas zu bunt. Den Spagat hat Tideland besser hinbekommen.
Wer Gilliams Stil mag, der wird auf jeden Fall Spaß haben, nur sollte man nicht allzu sehr auf die Story achten. Unterhalten hat's mich wirklich, ich bin leider noch nicht schlau daraus geworden.
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