Das ganze Leben liegt vor Dir - Kritik

Tutta la vita davanti

IT · 2008 · Laufzeit 121 Minuten · FSK 12 · Komödie · Kinostart
Du
  • 6

    Die gut beobachtende, quirlig inszenierte Komödie über eine arbeitslose Akademikerin und die Methoden eines Callcenters bietet eine lebensnahe Verbindung zwischen Sozialkritik und Existenzial-Ontologie. [Manfred Riepe]

    • 8

      Okay, es war vorher auch schon schlimm. Aber es ist ein Wirtschaftsgesetz, dass sich negative Schübe auf dem Arbeitsmarkt bei den Berufseinsteigern - oder besser: bei allen, die ohne Absicherung und doppelten Boden am Rand zur Prekarität leben, am deutlichsten äußern.
      Und Jugend! Sie ist ohnehin ein Gesellschaftsteil, der per se prekär ist. Und delinquent, sexsüchtig und suizidal.
      Wofür diese Suada? Die genannten Ingredienzien sind nun für das Kino auf eine einzigartige Weise neu abgemischt worden: „Tutta La Vita Davanti“ heißt Paolo Virzìs wahnsinnige italienische Variante dieser europäischen Schadensökonomie, die die Verhältnisse südwärts der Alpen so schön abbildet. In Deutschland ist die Komödie unter dem Titel „Das ganze Leben liegt vor dir“ unterwegs.
      Im Zentrum steht Marta (Isabella Ragonese), die zu Beginn hocherfreut ins Leben schaut: Sie ist Mitte 20, hat einen tollen Freund und tolle Freunde und einen Superabschluss mit ein paar Lorbeeren („Summa cum laude“) vor ein paar alten Professoren abgelegt. Nun lernt sie die Arbeitswelt kennen - im Callcenter. Und es wird turbulent.
      Je mehr Erzählstränge Virzì zusammenmischt, desto besser. Er operiert hart an der Kante, aber es funktioniert. Dies ist ein schöner zynischer Film, der die Diskurse und Pseudo-Debatten rund um das Thema Arbeit exakt zusammenfasst - nichts von dem, wovon diese Komödie auf ernstem Grund erzählt, ist in irgendeiner Weise witzig. Lachen muss man genau deswegen.

      1
      • 7 .5

        Paolo Virzì hat in seiner temporeichen Komödie die satirische Bloßstellung des modernen Italiens, für das das Callcenter wohl nicht nur als Modell sondern auch als tatsächliche Realität zu verstehen ist, mit dem unbekümmerten, italienischen Lebensgefühl gepaart, und gleichzeitig am Ende einem zweifelhaften Optimismus Ausdruck gegeben, daß die italienische Küche über alle Sorgen hinwegtrösten kann.

        • 8

          Regisseur Paolo Virzi, der zusammen mit Franceso Bruni das Drehbuch auf der Grundlage des Tagebuchs „Il mondo deve sapere“ (Die Welt soll es wissen) der italienischen Schriftstellerin Michela Murgia verfasste, liefert eine bitter-süße Satire auf das Lebensgefühl junger Akademiker, die zumal nach einem Studium der Geisteswissenschaften mit einer ganz anders strukturierten Arbeitswelt konfrontiert werden, in die sie sich nur schwerlich integrieren lassen. Obwohl nicht ganz frei von Klischees, gelingt es den Drehbuchautoren indes, eine differenzierte Sicht dieses Kulturschocks zu vermitteln. So ist Marta zwar zunächst entsetzt, als sie feststellt, dass ihre Arbeitskolleginnen in den Pausen keinen weiteren Gesprächsstoff als die Neuigkeiten bei „Big Brother“ kennen. Im Gegensatz aber zu ihren ehemaligen Kommilitonen, die auf ihre ebenfalls unter ihrer „geistigen Würde“ stehenden Jobs herabschauen, versucht Marta das Beste aus der Situation zu machen. Sie schreibt sogar für eine Fachzeitschrift einen Aufsatz über „Heidegger und die Gruppendynamik in einem Callcenter“. Dass trotz des symbolischen Namens der Firma „Multiple Italia“ das Filmthema nicht als speziell italienisches Problem anzusehen ist, beweist etwa der hierzulande inzwischen sprichwörtliche promovierte Taxifahrer.

          In seiner Inszenierung lockert Regisseur Paolo Virzi das erdenschwere Sujet mit ein paar leichtfüßigen Einlagen à la Bollywood auf. So beginnen direkt bei der ersten Szene die Passanten auf den Straßen Roms zu tanzen, die Busfahrt zur Arbeit verwandelt sich in eine Choreografie. Obwohl solche Einschübe den Film in die Länge ziehen lassen und darüber hinaus einige Szenen allzu freizügig geraten sind, überzeugt „Das ganze Leben liegt vor dir“ insbesondere durch seine vielschichtigen Figuren und die liebenswerten Schauspieler, allen voran die bezaubernde Isabella Ragonese als Marta.

          1