Das ist unser Land! - Kritik

Chez nous / AT: This Is Our Land

BE/FR · 2017 · Laufzeit 117 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 5

    Wir lernen Pauline als umtriebige und vertrauenswürdige Krankenpflegerin kennen, die sich für ihre Patienten aufopfert, sich um den brummeligen Kommunistenvater kümmert und auch noch zwei Kinder allein großzuziehen hat. All das ohne große Klage in einer vom wirtschaftlichen Niedergang gezeichneten Gegend im Norden Frankreichs. Sie schaut täglich ins Leben ihrer Klienten hinein. Es versteht sich von selbst, dass sie allseits beliebt ist. Pauline ist authentisch.

    So wird sie für die Politik interessant. Ihre Glaubwürdigkeit will sich die nationalistische Partei, deren Parteiführerin Agnès Dorgelle ohne Zweifel an Marine Le Pen erinnert, zunutze machen. Ihr Repräsentant vor Ort, der Dorfarzt, wirbt sie als Kandidatin für die Bürgermeisterwahlen an. Und Pauline ist gut: Gerade die alten Wähler vertrauen ihr, da muss sie gar nicht viel reden. Das besorgt der Le-Pen-Verschnitt.

    Probleme gibt es trotzdem. Denn Pauline hat ihren Schulfreund wiedergetroffen und sich verliebt. Und der Liebste gehört zur faschistischen Schlägertruppe, die das Sauberfrau- Image stört.

    Die erste Runde geht klar an den Film. Er entwirft das rechte Milieu sehr überzeugend und mit kleinen Beobachtungen an der Seitenlinie – etwa wenn ein Vater sich über den Pornokonsum seines Sprösslings sorgt, der sich aber in Wahrheit als Nazi-Videoblogger betätigt. Regisseur Lucas Belvaux trickst das Publikum meisterlich aus: Was würdest du tun, wenn du Paulines Möglichkeiten hättest, Arschloch?

    Die Ambivalenz hält er allerdings nicht durch. Alsbald weiß man, dass die Rechten – ob mit Glatzkopf oder im Kostüm – Dumpfbacken sind. Da dürften sich Regisseur und Publikum bald einig werden. Allzu plakativ agiert die Bande, entlarvt hat man sie schnell. Dabei wäre es einfach gewesen, weiter auf dem Glatteis zu bleiben. Was, wenn es einen Anschlag des IS geben würde – vielleicht auf ein Konzerthaus mit vielen Toten? Was würde dann der Film aus seinem Publikum machen?

    Friktionsflächen dieser Art fehlen, und das macht aus dem Film ein antifaschistisches Statement. Verständlich ist das, auch legitim. Eine gute Analyse, die kritische und vor allem komplizierte gesellschaftliche Zustände zeigt, ist das nicht.

    1
    • 7

      Dank Émilie Dequennes lebhafter Darstellung und dem wohl tarierten Drehbuch zeigt Das ist unser Land! eine sehr lebendige Vivisektion der Populisten. Schwarz-Weiß-Zeichnungen tauchen höchstens in der Propaganda der Rassisten auf, aber nicht im Spektrum der Meinungen. [Günter H. Jekubzik]

      • 7 .5

        Ein kluger, unspektakulärer, entlarvender Film mit realistischen und glaubwürdigen Figuren, der zeigt wie ganz alltägliche Sorgen als Saat für Aggression, Gewaltbereitschaft und Akzeptanz politisch zweifelhafter Parolen dienen können. [Bettina Peulecke]

        • 6 .5

          Rechtsextreme Gruppierungen zu wählen oder zu unterstützen, so gibt der Film deutlich zu verstehen, fördert eine schleichende Unterwanderung durch faschistische Brutalität und deren Verharmlosung. Das ist eine enorm wichtige Botschaft, gerade in dieser Zeit. [Andreas Günther]

          • 5

            Um tatsächlich neue Perspektiven zu eröffnen oder Erkenntnisse zu gewinnen, leidet Das ist unser Land! dann aber doch zu sehr an seiner ganz eigenen Strukturschwäche. [Till Kadritzke]

            • 7

              „Das ist unser Land!“ ist eine kaum verhohlene Abrechnung mit der französischen Front National. Das ist manchmal etwas plump und unglaubwürdig, führt aber doch eindrucksvoll vor Augen, wie die Nationalisten arbeiten, mit welchen Mitteln sie Leute zu ihren Anhängern machen, die dort eigentlich nichts zu suchen haben.

              • 7 .5

                Satirisches Drama, das pointiert auf den verschleierten Rassismus moderner rechter Gruppierungen und die Selbsttäuschung typischer Protestwähler abzielt. Der hervorragend gespielte Film greift aktuelle Auswüchse von Fremdenfeindlichkeit auf, verliert durch die Vielzahl der Episoden aber an Präzision. [Marius Nobach]

                • 9

                  Eine Krankenschwester, die den Niedergang der nordfranzösischen Industrieregion Pas-de-Calais täglich hautnah zu spüren bekommt, lässt sich von einer rechtspopulistischen Partei instrumentalisieren. In seinem neuen Spielfilm zeichnet Lucas Belvaux das eindrückliche Porträt einer an den Front National angelehnten Partei und legt so die Mechanismen rechtsextremer Politik offen. [Sascha Westphal]

                  • 6

                    Ein wenig zu naiv und unbedarft wirkt Pauline allerdings über weite Strecken von Lucas Belvaux Film, der ein hehres, fraglos ehrenwertes Ziel verfolgt, dafür allerdings ein nicht immer glaubwürdiges Drehbuch in Kauf nimmt. [Michael Meyns]

                    • 4
                      DieZEIT 03.03.2017, 10:28 Geändert 03.03.2017, 11:20

                      Doch den großen Publikumserfolg wird der Film [Chez nous] vermutlich verpassen: Denn er liefert keinen eigenen, wirklich neuen Blick auf den [Front National]. [...] Zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen ist Chez nous eine vergebene Chance, die Franzosen über Le Pen eines Besseren zu belehren. [Georg Blume]

                      • 7

                        Gelegentlich melodramatisch, funktioniert Chez nous reibungslos in Bezug auf seine gesamte Geschichte. [Neil Young]

                        • 6 .5

                          Der Film Chez nous zeigt eine nur wenig verschleierte Version von Marine Le Pen und ist damit thematisch aktuell, [...] aber so übermäßig kalkuliert, dass er etwas von seiner Spannung verliert. [Jay Weissberg]