Die Klavierspielerin - Kritik

La Pianiste

FR/AT · 2001 · Laufzeit 129 Minuten · FSK 16 · Drama, Erotikfilm · Kinostart
Du
  • 8

    [...] In seiner Romanverfilmung Die Klavierspielerin konfrontiert der Regisseur den Betrachter mit einer gleichermaßen komplexen wie anstößigen Hauptfigur, aus deren Verhalten sich zwangsläufig extreme Situationen entspinnen, in denen Empathie und Unverständnis zu einem drastischen Wechselspiel verschmelzen. [...] Es ist vor allem eine Art der sexuellen Restriktion, die sich für den Verlauf der Handlung als entscheidend erweist. Speziell Erikas Gefühle, die auch nur im Ansatz als erotisch empfunden werden könnten, gehen bei ihr automatisch mit Blockaden, Selbstgeißelung oder anderen befremdlichen Reaktionen einher. Haneke stiftet bewusst Verwirrung, wenn seine Protagonistin in einer Video-Kabine zu Pornofilmen an benutzten Taschentüchern riecht, sich mit einer Rasierklinge im Intimbereich selbst verletzt oder einer ihrer Schülerinnen Glasscherben in die Manteltasche steckt, wodurch sich diese die Hand zerschneidet. Erikas ungeschützte Überforderung wird schließlich auf die Spitze getrieben, nachdem sie Walter kennenlernt. [...] Das Verhältnis zwischen diesen beiden Figuren inszeniert der Regisseur fortan als beklemmenden Machtkampf aus sadomasochistischen Obsessionen, taumelnder Ohnmacht, destruktiven Abhängigkeiten und gegenseitigem Unverständnis. Erikas Intimleben, das bisher aufgrund der übermächtigen Dominanz ihrer Mutter nicht möglich war, ist der schmerzhafte Schlüssel zu diesem Werk, in dem sich der Wunsch eines Menschen nach Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit ins verstörende Gegenteil kehrt, nachdem die Fähigkeit zur Kommunikation nach rationalen Maßstäben versagt und in eine Abfolge blinder, rasender und beinahe unerträglicher Konsequenzen mündet. Neben den gewohnt kühlen Impressionen des Regisseurs, für die Haneke mit präzisester Genauigkeit jede Einstellung kontrolliert und damit steuert, was der Zuschauer im Detail sehen oder eben nicht sehen soll, ist Die Klavierspielerin allem voran eine Demonstration von Isabelle Hupperts (8 Frauen) gewaltiger Schauspielkunst. Durch sie wird Erika zum nahezu unergründlichen Mysterium, wobei hinter der beängstigenden Fassade aus purer Gleichgültigkeit stets das neugierige, unerfahrene sowie schüchterne Mädchen zum Vorschein kommt, das verzweifelt Ansprüche auf ein Leben erhebt, das ihr bislang nie vergönnt war und vielleicht auch nie vergönnt sein wird. [...]

    28
    • 8 .5

      Die Geschichte einer verkrüppelten Seele, die abgeschirmt von der Realität sich in Vorstellungen und Wunschträumen verloren hat, um am Ende festzustellen, dass die Erfüllung der Phantasien ebenso grausam ist wie die Fragmente ihrer bisherigen Existenz. [...]

      [...] Haneke ist der perfekte Regisseur dafür und Isabelle Huppert die perfekte Darstellerin. Ihre gebrochene Figur wird nie überzogen oder gar lächerlich, sondern bedrückend glaubhaft und detailliert von ihr verkörpert. Das ist mindestens so schwierig, wie diesen Stoff als Film zu realisieren. Zumindest als einen Film, den man ernst nehmen kann und muss. Einen Film, der nicht mehr zeigt als er muss und dennoch das Gefühl hinterlässt, als hätte man gerade etwas furchtbar grausames und trotzdem (oder deshalb) sehr menschliches gesehen. Der einen mal wieder erschlagen und bedrückt zurück lässt und lange, lange nachwirken wird. Ein Haneke. Furchtbar gut.

      15
      • 8 .5

        Haneke ist der ideale Regisseur für uneitle Schauspielerinnen, die den Mut haben, sich seelisch zu entblößen, was natürlich auch wieder eine Art von Eitelkeit sein könnte. Nach Binoche verspürte die Godard- und Chabrol-erfahrene Isabelle Huppert das Bedürfnis, mit dem Österreicher zu arbeiten. Hat sich Haneke, dessen Filme rund zwanzig Jahre lang unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufen sind, vom späten Ruhm verführen lassen und sich an das Starkino verkauft? Keineswegs. Die "Klavierspielerin" ist so unbequem, wie es ein Film nur sein kann.

        1
        • 7 .5

          Wie die Autorin seziert auch Michael Haneke in seiner Adaption das Verhältnis von Macht und sexueller Lust mit der Brille eines Psychotherapeuten. Sein Film folgt den Handlungslinien der Vorlage weitgehend und findet für die eigenwillige, rabulistische Sprache adäquate Bilder. Deren Magnet ist wieder einmal Isabelle Huppert. Mit ihrer differenzierten Mimik ist sie die ideale Besetzung für die scheinbar unempfindliche Frau.