La dolce vita - Das süße Leben - Kritik

La dolce vita

IT/FR · 1960 · Laufzeit 174 Minuten · FSK 12 · Komödie, Drama · Kinostart
Du
  • 8 .5

    [...] In der ersten Hälfte wirkt Fellinis Film dadurch wie ein glorifizierendes Porträt der damaligen Schickeria Roms, in dem die Hauptfigur das Publikum wie ein bestens vernetzter Reiseführer dazu einlädt, ihn an die spektakulärsten Schauplätze zu begleiten. Mit fortschreitender Laufzeit beginnt der Regisseur allerdings, Marcellos Maske immer stärker bröckeln zu lassen. Was dahinter zum Vorschein kommt, entpuppt sich als bittere, deprimierende Abrechnung mit einem dekadenten Lebensstil, der den Protagonisten längst ausgehöhlt und mit einer großen inneren Leere gestraft hat, der dieser kaum noch zu entkommen vermag. Das süße Leben erzählt daher vorrangig davon, wie es ist, alles zu haben, wenn doch nichts davon von Bedeutung ist. [...] Auch wenn Fellinis Film in seiner losen, episodenhaften Struktur selbst ab einem gewissen Punkt droht, ebenfalls in oberflächlicher Redundanz zu verglühen, gelingt es dem Regisseur, das Gefühl von Überdruss und Exzess fortwährend umzukehren. So fängt Das süße Leben zwischen all dem lauten Getöse der Musik und den sinnlosen Konversationen, die irgendwann nur noch wie dumpfes Hintergrundrauschen am Zuschauer vorbeischwirren, auf bedrückende Weise das Gefühl ein, auf einer Party zu sein, während um einen herum plötzlich die Musik verstummt, die Lichter angehen und kein anderer Mensch mehr zu sehen ist. Wenn das letzte Champagnerglas geleert ist, die Reste auf den Tellern verkommen und in zuvor gut gelaunten, aufgekratzten Gesichtern nur noch zerknitterte Resignation zu erkennen ist. Fellini findet für diese gegensätzlichen Zustände, das Hochgefühl der schönsten Seiten des Lebens und den niederschmetternden Morgen danach, einige brillante Einzelszenen, in denen er beide Stimmungen miteinander verschmelzen lässt. In einer ikonischen Szene, die Filmgeschichte schrieb, folgt Hauptdarsteller Marcello Mastroianni (Die Nacht) der bildschönen Anita Ekberg (Krieg und Frieden) in einen Brunnen. Hier verstummt das Rauschen des Wasserfalls und scheint die ganze Welt für einen kurzen Moment stillzustehen, nachdem die Schauspielerin den Journalisten darauf hinweist, einfach nur zuzuhören. Zuhören wollen auch die Gäste auf einer Party von Marcellos Freund Steiner. Fasziniert lauschen sie seinen Aufnahmen von Gewitter und Vogelgezwitscher. Phänomene der Natur, denen sie im wirklichen Leben außerhalb ihrer gesellschaftlichen Rituale längst kein Gehör mehr schenken. Ebenso ernüchternd ist auch das Treffen zwischen Marcello und seinem Vater. Während die beiden über Stunden Zeit miteinander verbringen und ein gutes, inniges Verhältnis andeuten, offenbart Marcello einem Freund später, dass sein Vater früher oftmals auf Reisen war und er eigentlich gar nicht wisse, was dieser für ein Mensch sei. Wie in einem goldenen Käfig, aus dessen Gitterstäben sich der Protagonist nicht einmal nach tragischen Schicksalsschlägen befreien kann, beschließt der Regisseur sein Werk am Ende mit einem gleichermaßen ambivalenten wie ernüchternden Schlussmoment, an dem das Rauschen, das Marcellos Sicht der Dinge zuvor schon mehrfach trübte, noch ein letztes Mal alles übertönt, was diesmal vielleicht wirklich von Bedeutung sein könnte. [...]

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