Edward II - Kritik

Edward II

GB · 1991 · Laufzeit 90 Minuten · FSK 16 · Drama · Kinostart
Du
  • 8
    Stefan Ishii 05.11.2017, 08:49 Geändert 05.11.2017, 23:01

    Heute, am 5.November, hat Tilda Swinton Geburtstag. Ihr zu Ehren entstand im Rahmen einer Community-Schreibaktion eine Reihe von Texten (https://www.moviepilot.de/news/wir-kuren-tilda-swinton-zur-konigin-der-verwandlung-198133). Meine Wahl fiel auf "Edward II" von Derek Jarman - auch wenn Swinton hier lediglich eine (allerdings bedeutende) Nebenrolle hat, da ihre langjährige Zusammenarbeit mit Jarman einen sehr starken Einfluss auf ihre Karriere gehabt haben dürfte. Ihren ersten Kinoauftritt hatte sie ebenfalls in einem Jarman-Film, in "Caravaggio" im Jahre 1986. Zuvor spielte sie bereits Theater und machte wohl wegen ihrer Transgenderrollen einen starken Eindruck auf den homosexuellen Künstler. Für mich sind ihre Auftritte in den Filmen Jarmans das, was Tilda Swinton und ihre Figurenauswahl ausmacht.

    Dass Tilda Swinton nicht kategorisierbar ist, sollte einleuchten. Mal zeigt sie ihr Können in Hollywoodfilmen, mal ist sie Göttin des Arthouse. Sie hat etwas an sich, dass sie für so viele unterschiedliche Ansprüche und Rollen interessant macht: Eine Persönlichkeit, eine Ausstrahlung und eine uneingeschränkte Hingabe. Eine weitere Eigenschaft sollte man nicht vergessen: Ihr Liebe für das Außergewöhnliche, den etwas anderen Film und die Hinwendung zur Experimentierfreudigkeit. Typisch für diese Neigung war ihre Zusammenarbeit mit dem vielseitigen Künstler und Filmemacher Derek Jarman. In der Kooperation mit Jarman entstanden acht Filme. Insbesondere Swintons Androgynität musste sie für den Engländer als geradezu prädestiniert erscheinen lassen, da sich dessen zentrale Motivation aus den Themen Homosexualität und Kunst erschöpfte.

    „Edward II“ war in dieser Hinsicht vielleicht Jarmans politischster Film. Der Film setzt sich für jeden offensichtlich für eine Stärkung des homosexuellen Aktivismus ein. Bezeichnend dafür läßt sich im Film beispielsweise eine Demonstration finden, die sich für die Rechte Schwuler einsetzt.

    Jarman verfilmte mit „Edward II“ eines der frühesten englischen Theaterstücke, geschrieben im 16. Jahrhundert von Christopher Marlowe, einem Zeitgenossen William Shakespeares. Genauso wie der etwas berühmtere Engländer - und Derek Jarman - übte das Thema der Homosexualität eine starke Faszination auf Marlowe aus, was sich in dessen Werken sehr stark wiederfinden läßt. „Edward II“ erzählt vom gleichnamigen jungen König aus dem 14. Jahrhundert, dessen obsessive Liebe zum adligen Piers Gaveston sowohl Machthabende als auch Kirche gegen sich aufbringt und das Land in Unruhe versetzt. Eine zentrale Rolle in den Widerständen, die in weitreichender Homophobie begründet liegen und in menschenverachtender Gewalt gipfeln, spielt die Königin Isabella, die sich in ihrer Situation von ihrem Mann verschmäht fühlt und sich mithilfe des machtversessenen Lords Mortimer an Edward rächen möchte. Jarmans Muse Tilda Swinton verkörpert Königin Isabella auf perfekte Weise. Sie zeigt sie zunächst enttäuscht und verletzt. Später verleiht sie ihr eine eiskalte Aura und läßt sie als Racheengel erscheinen. Swintons Figur ist sicherlich diejenige, die sich im Verlauf der Handlung am stärksten wandelt. Verstärkt wird diese Wahrnehmung noch durch den Einsatz von Licht, Kleidung oder anderen Accessoirs, doch ohne Swintons faszinierende Spielweise käme die Persönlichkeit Isabellas wohl weitaus weniger zur Geltung.

    Überhaupt präsentiert Jarman, dessen Filme sowohl thematisch wie auch (zumindest teilweise) inszinatorisch an das Schaffen eines durchaus vergleichbaren Filmküstlers erinneren, nämlich Peter Greenaway, das Geschehen von „Edward II“ vor dem Hintergrund einer sehr künstlichen Welt. Die Figuren bewegen sich größtenteils in kaum dekorierten, düsteren Räumen, deren Wände nicht einmal verputzt wurden. An Requisiten gibt es nur das Nötigste. Der Kontrast zwischen dem dreckig-dunklen Hintergrund und den Kostümen der Figuren könnte größer nicht sein. Dies erzeugt eine merkwürdig verfremdete, künstliche Atmosphäre. Dieses Gefühl wiederum wird durch den Einsatz von moderner Kleidung und anderen, überhaupt nicht zur Zeit der Handlung passenden Objekten punktuell nochmals überhöht. Jarman verweist damit nicht zuletzt auf die stets aktuelle Dringlichkeit seines Stoffes. Chaos, Empathielosigkeit und entmenschlichte Gewalt gegenüber leidenschaftlicher Liebe, enttäuschter Verzweiflung und hilfloser Empörung. Ein künstlich wirkender, zurückgenommener Inszinationsstil, der als Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Aufruf für mehr Verständnis wahrgenommen werden kann.

    10
    • 8 .5

      Das Drama um den schwulen englischen König nach Vorlage von Marlowe hat Derek Jarman in eine zeitlose Tragödie um Liebe und Macht, Zuneigung und Sexualität und Treue und Verrat verarbeitet. In einer kahlen, monumentalen Ausstattung arbeitet er mit starken Verfremdungseffekten aus der Jetzt-Zeit: es wird geraucht und man ist modisch gekleidet. Es gibt kleine Spielroboter und Erschießungskommandos, Schwulendemos und echte Fotos. Der angenehme Höhepunkt dieser V-Effekte ist der Song von Annie Lennox und das Überraschendste der Weihnachtsbaum von Rocher. Daneben gibt es groteske Ballettszenen, in denen man ein Streichquartett sieht, aber eine Hammondorgel hört. Die abgewiesene Ehefrau (wunderschön Tilda Swinton) schmiedet eine Dreieropposition. Mit dem Heerführer teilt sie Thron und Bett - vorübergehend und den Bruder des Königs beseitigt sie mit einem Vampirbiss. Den wahren Tod dieses Königs deutet Jarman nur im Traum an. Es ist dies die härteste Bestrafung für einen Homosexuellen und sie hinterlässt äußerlich keine Spuren. Von Marlowe bleiben eigentlich nur noch einige Dialoge. Zeitlos genial, Arthouse total.

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      • 6

        Edward II. war ein inkompetenter Herrscher. In seinem Theaterstück machte Christopher Marlowe (ungewöhnlich) explizit Edwards Homosexualität und Hörigkeit seinem Liebhaber gegenüber für seine schwache Regierungsleistung verantwortlich. Jarman übernimmt die Interpretation, dass Edwards sexuelle Obsession dafür verantwortlich ist. Er verbindet das Stück jedoch mit der Homobewegung und fügt hinzu, "gay desire is no crime", d.h. die sexuelle Orientierung an sich ist nicht schuld an Edwards Versagen als König. Insofern ist Jarmans Version eine wichtige Interpretation des Stoffes.
        Davon abgesehen, ist mir die filmische Umsetzung zu pur und theaterartig geraten. Ich stehe nicht auf Kostümfilme und plädiere somit nicht für ein Opulenzwerk, in dem die Ausstattung vom Inhalt ablenkt. Verglichen mit "Caravaggio" fehlen mir jedoch nach dem fulminanten Start des Films im weiteren Verlauf die brillianten, kreativen Blitze, die Gimmicks, die Bilder oder Aussagen, die mich faszinieren.

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          Christopher Marlowes "Edward II." ist zweifellos ein respektables Drama, das noch heute erfolgreich auf die Bühne gebracht werden kann. Aber solange man nichts anderes daraus macht als ein bloßes Theaterstück, hat es auf der Leinwand nichts verloren. Kinofilme haben mit Recht andere Zuschauererwartungen zu erfüllen als Bühneninszenierungen, denn (unter anderem) müssen sie nicht mit den Einschränkungen einer engen Bühne kämpfen, sie eröffnen den Schauspielern sehr viel subtilere Darstellungsmöglichkeiten und sie brauchen sich auch nicht bemühen, die Umziehpausen nicht zu lang werden zu lassen. Theater kann nicht vollkommen realistisch sein, es muss notwendigerweise immer die Vorstellungskraft des Rezipienten mitbemühen – für das Kino hingegen ist dieser Rückgriff auf die Zuschauerphantasie nur ein Erzählmittel unter vielen, und zwar eines, das mit Bedacht und nicht zu oft eingesetzt werden sollte.
          Es gibt daher keinen Film, bei dem die Übertragung der Theaterästhetik ins Kino nicht grandios gescheitert wäre; jedenfalls kenne ich keinen. So etwas bleibt immer nur leere, formale Spielerei, von der allenfalls rotweintrinkende Pseudointellektuelle behaupten, dass sie ihnen "etwas sagt", weil derartiger Unsinn unter ihresgleichen en vogue ist. Alle, die ihre Zeit sinnvoll nutzen wollen, können aber ganz gut darauf verzichten.