Ekel - Kritik

Repulsion

GB · 1965 · Laufzeit 105 Minuten · FSK 18 · Thriller, Horrorfilm, Drama · Kinostart
Du
  • 9

    [...] Ekel vereint eine Vielzahl an Einflüssen und Stilelementen. Seine intensiven schwarz-weiß Bilder sowie das kontrastreiche Spiel mit Licht und Schatten erinnern an den deutschen Expressionismus, während der exzessive Kontrollverlust und die konstante Wahnsteigerung an die gängige Dramaturgie des Horrorfilms angelehnt ist. Immer stärker verlieren sich die Bilder in einem surreal angehauchten Rausch, der den Realitätsverlust der Protagonistin eindringlich verdeutlicht. In diesem Zwischenraum aus Realität und Einbildung findet der wahre Horror statt, der Polanskis Meisterwerk zu einem dermaßen wirkungsvollen und beängstigenden Filmerlebnis macht. Die dichte Atmosphäre ist stets greifbar, verdeutlicht das Unmittelbare und verleiht dem Geschehen etwas Albtraumhaftes. Besonders eindringlich sind dabei jene Momente, in denen Hände aus den Wänden und der Decke dringen, nach der völlig verstörten Carol greifen und ihr Geisteszustand dadurch wirkungsvoll verdeutlicht wird. Die Quelle der Angst lauert bei Ekel nicht etwa in dunklen Ecken, feuchten Kellern oder auf knarrenden Dachböden, sondern ist in der Psyche der Hauptfigur selbst verankert. Es gibt kein Entkommen, keine Möglichkeit sich zu verstecken oder die Bedrohung zu besiegen, weil sie letztlich nur in den Abgründen der eigenen Person lauern. Ekel offenbart seelische Risse und zeigt, wie diese letztlich zum geistigen Verfall eines Menschen führen. Obwohl wir uns deutlich im Sujet des Horrorgenres bewegen, ist Ekel in erster Linie ein psychologisches Drama, eine Charakterstudie über einen geschundenen Geist, bei der es weniger darum geht, dem Leiden einen Hintergrund zu geben, es zu erforschen und zu verstehen, sondern vielmehr seelische Wunden offenzulegen und auf immersive Art für den Betrachter erfahrbar zu machen. [...]

    13
    • 7 .5

      Die Geräusche in der Dunkelheit, das Knarren der Dielen, die tropfenden, nie still schweigenden Wasserhähne verfolgen sie bis in die Nacht. Vor allem in die Nacht. Polanski meidet die Eindeutigkeit, er codiert, verschleiert und verlautbart den fatalen Wandel seiner makellosen Schönheit viel weniger, als dass er ihn sukzessiv, manchmal kaum wahrnehmbar vollzieht und ihn karge Schwarz-Weiß-Gemälde taucht. Jedes Frame ist herausragend montiert, der Spannungsmoment anhaltend, selten nach vorne preschend, aber immer präsent. Er nistet sich ein, in der Magengegend. Vornehmlich in der Magengegend.

      Und die Nacht, das Wachliegen in der (Gott)verlassenen Apartment-Wohnung, erscheint wie das Abgleiten in einen anderen, Zeit-entbundenen Kosmos; eine andere Welt. Diese Welt mit ihrem hörbaren Lustspiel, den leisen Schritten, der Schatten-geteilten Visage dieser jungen Unschuld, der die Vorahnung buchstäblich ins blasse Gesicht geschrieben steht. Denn die Augen sind geweitet und starr und irgendetwas wird passieren. Und dann verkehrt Polanski die Erwartungen ins Gegenteil, stülpt die Innereien nach außen und lässt den Zuschauer los. Denn an was er sich zunächst zu krallen können glaubte, windet sich plötzlich, rotiert und bricht aus dem Rollenklischee der hilflosen Blondine aus. Plötzlich ist sie beides und der Zuschauer allein. Eine Gefahr für sich und für Andere.

      Ein sich langsam zersetzendes, immer brüchiger werdendes Appartement wird mehr und mehr zur Bedrängung – und zum Schlachtfeld. Polanski appelliert an das Kind in mir und dir. Die Angst vor dem Allein-Sein, dem leeren Haus, der leeren Wohnung. Die Eltern sind als immerwährende, Halt-bietende Konstante ausgezogen. Und dann Schritte, Schatten, greifende Hände. Das so unerfahrene Gemüt erblickt Spiegelbilder wo keine sind und verliert damit auch den Blick auf sich selbst. Sexualität bedeutet immer auch Zwang und Qual, der Blick durch das Schlüsselloch verheißt nichts Gutes.

      Selbst die seelische Vergewaltigung war nur Vorbote, gerät plötzlich zur ganz körperlichen Konfrontation. Platz für Machos gibt es hier nicht, selbst der galante Schönling – der Anzug sitzt wie angegossen, das Auto frisch gebohnert, die Zähne weiß – muss kurzerhand dran glauben. Ausbruch aber ist nie eine Option, die Wohnung bleibt selbst gewähltes Exil, (inneres) Gefängnis und die Wände kommen näher, die Nachbars-Meute gafft und gafft und gafft. „Repulsion“ ist kaum greifbarer, fast kryptischer Alptraum, der sich verzerrt und verbiegt, bis er sich bis zur Unkenntlichkeit in seine Bestandteile aufgelöst hat.

      10
      • 9 .5

        - "Warum hast du Michaels Sachen weggeworfen?"
        - "Ich will nicht, dass sie hier sind."

        Der pure Horror abseits des gängigen Genrefilms. Roman Polanski zelebriert bei "Ekel" eine Horrorshow jenseits von Blut, affektierten Schocks und jeglichen Gepflogenheiten aus dem Einheitsbrei, was ja durchaus Spaß macht, den Anspruch verfolgt er aber gar nicht und das ist auch gut so. "Ekel" ist eine unfassbar intensiv vorgetragene Seelensezierung, die Polanski nicht nur sichtbar macht, sondern spüren und vor allem erleben lässt. Erleben. Wir erleben Carol zunächst als etwas eingeschüchterte, introvertierte junge Frau. Bildhübsch, dennoch sehr verschlossen, speziell gegenüber des anderen Geschlechts. Was sich augenscheinlich als normale, eventuell leicht verklemmte Distanz aufgrund von Unsicherheit charakterisieren lassen könnte, offenbart sich im weiteren Verlauf nicht nur als Neurose, sondern als abgründige Psychose, deren wahres Ausmass in einem grauenvollen Höhepunkt mündet. Die Wohnung ihrer Schwester wird vom leicht maskulin-infiltrierten Rückzugsort zum Gefängnis, zerbröckelt und zereisst bildlich wie ihr eigener Verstand, immer tiefere Kluften bilden sich in ihr, bis der Wahnsinn die Oberhand gewinnt.

        Polanskis Kunststück liegt darin, nicht gänzlich der Surrealität zu verfallen, sondern den schmalen, kaum möglich Grat zu bewandern, der sich zwischen den Ebenen auftut. Carols grausamer Höllenritt wird visualisiert, ist greifbar, dennoch verliert der Zuschauer nie Realität aus den Augen, die für Carol schon lange nicht mehr sichtbar ist. Irgendwie sind wir distanziert wie involviert, erleben beide Seiten und bemerken umso schmerzhafter, was mit der Protagonistin passiert. Polanski setzt dabei auf Details, die immer dann besonders hervortretten, wenn der Wahnsinn seinen Höhepunkt erreicht. Ein pochend-tropfender Wasserhahn, eine schauerlich-tickende Uhr, eine penetrant-summende Fliege, ein fast apokalyptisch-wirkender Glockenschlag...monoton-dominante Geräusche hüllen das Grauen auf seinem Siedepunkt ein. Der Horror kommt hier auf subtilen Sohlen, drängt dabei so extrem in die Ecke und schockiert auf psychischer Basis enorm.

        Catherine Deneuve liefert eine Glanzleistung ab, spielt ihre schwierige Rolle mit wuchtiger Hingabe, verletzlich, verletzt und in letzter Konsequenz verletzend. So konsequent, wie sich auch der Film am Ende darstellt. In der letzten Einstellung appelliert Polanski nochmal an die Intelligenz wie Empathie des Zuschauers, liefert Erklärung, ohne zu erklären. Das drückt den Daumen ein letztes Mal tief in eine Wunde, die über 100 Minuten zunächst sachte, dann aber mit voller Gewalt aufgerissen wurde.

        Beängstigend, schauderhaft, wahnsinnig gekonnt inszeniert. Schrecklich, deshalb außergewöhnlich.

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        • 9

          [...] Polanskis inszenatorisches Feingefühl für angsteinflößende Schattierungen und die Einschübe von gesellschaftskritischen Untertönen, kommen dabei immer in vollem Maße zu tragen. Die Symbiose des unbehaglichen Klimas von Carols Situation und die eigentliche Sympathie für die leidende Carol, gestalten den Reiz des Geschehens und machen jede emotionale Facette umso deutlicher am eigenen Leibe fühlbar. Polanski geht der plumpen Kategorisierung unter dem schwammigen Deckmantel eines Horrorfilmes konsequent aus dem Weg, denn auch wenn das Gefühl des Zuschauers ihm hier unterschwellig zu verstehen gibt, ein Werk dieser Rubrik zu sehen, so ist die Umsetzung Polanskis doch ein viel komplexeres und tiefgreifenderes Mosaik aus distanzierten Charakterzügen im Verhalten Carols. [...]

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          • 9

            Roman Polanskis "Ekel" ist einer der psychologisch dichtesten Dramen, die ich je gesehen habe. Wie es hier gemeistert wird, von einer psychotischen jungen Dame zu erzählen, ihre Einsamkeit in Bilder zu fassen und ihre Berührungsängste mit Männern zu verdeutlichen, ist bis heute einmalig. Das ist vor allem auch der brillanten Darbietung Catherine Deneuves zu verdanken, die ihre Rolle unfassbar glaubwürdig meistert. Zwischen mitleiderregend und abstoßend spielt sie die Jungfrau Carol mit einer Leidenschaft, die nicht selten schockiert. Zudem ist dieses angsteinflößende Schicksal heute noch ebenso aktuell und wichtig wie im Erscheinungsjahr 1965. Ein zeitloser Klassiker, den Polanski da gedreht hat. Durch und durch.

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            • 6 .5

              Stilistisch irgendwo zwischen der jugendlichen Experimentierfreude der Nouvelle Vague („Außer Atem“, „Sie küßten und sie schlugen ihn“) und dem Hitchcockschen Suspense-Kino („Im Schatten des Zweifels“, „Psycho“) inszeniert Roman Polanski mit seinem ersten englischsprachigen Film einen Albtraum, der unscheinbar beginnt und sich dann immer weiter zuspitzt. „Ekel“ ist einer dieser Filme, die im Grunde nur daraus bestehen, auf ihr Finale hinzuarbeiten. Das Finale bietet dann keine wirkliche Überraschung mehr, so bleibt nur, sich an der Atmosphäre, den Effekten und vielleicht noch der Attraktivität der Hauptdarstellerin zu ergötzen. [...]

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              • 8 .5

                In den letzten Tagen gab es hier viel zu lesen von Meisterwerken und von Klassikern - und doch verkennen all diese Auseinandersetzungen eines: Es gibt keinen Klassiker im Hier und Jetzt, maximal Kandidaten, die das Potential dazu haben, zu ebensolchen heranzureifen. "Repulsion" hat diese Feuertaufe bereits hinter sich gebracht und es in meinen erlauchten Kreis der Meisterwerke geschafft, denn er ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie ein Medium auch nach über 40 Jahren noch die gleiche Wirkkraft haben und behalten kann, wie damals (etwas, was auch die Damen und Herren von der FSK so sahen, und den Film nach wie vor nur für Erwachsene freigeben).
                Es sind nicht die vordergründigen Schockeffekte oder Gewalt, die "Repulsion" zu dem machen, was es ist - es ist die einzigartige Atmosphäre, das bedrückende Gefühl in Polanskis Panoptikum der Angst und des Wahnsinns gefangen zu sein. Schleichend wie Gift und unaufhaltsam in seiner Wirkung zwingt einem "Repulsion" die komplette Bandbreite an menschlichen Emotionen auf, nur um schlußendlich doch in der Katastrophe zu gipfeln.
                Ein Film so trist und bösartig wie das Schwarz-Weiß in dem er gezeichnet ist und trotzdem von einer hypnotischen Wirkung, der man sich nicht entziehen kann.
                Kein Werk, das man nebenbei laufen lassen kann, vielmehr eines, das man sich vornehmen muss - nichtsdestotrotz gehört "Repulsion" in den Kanon an Filmen, die sich keiner entgehen lassen sollte.

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