Good Time - Kritik

Good Time

US/LU · 2017 · Laufzeit 101 Minuten · FSK 12 · Kriminalfilm, Drama, Thriller, Actionfilm · Kinostart
Du
  • 7 .5

    Das Erfolgswerk des diesjährigen Cannes-Festivals befördert brummende Synthies und grelle Stadtlichter einer Nacht, wie sie schwärzer nicht sein könnte. So in etwa kann man sich die Audiovisualität von Good Time vorstellen, dem neuen Film der Safdie-Brüder. Nachdem sich das Duo mit ihrem ersten Film Heaven Knows That einen kleinen, verehrenden Anhang eignen konnten, ist ihr zweiter Kinofilm ein Nerven fordernder Thriller geworden, der großes Durchhaltevermögen verlangt.

    Good Time besitzt viele Besonderheiten, die ihn teils von anderen Genre-Vettern abgrenzt. Ganz nach den bekannten Charakterzügen des 2010er-Kinos bildet sich der Score aus wilden, synthetischen Tönen, die die knallbunten Bilder der zur Kontrast stehenden Nacht untermalen. Auch wenn es seit Nicholas Winding Refns Drive ein fester Bestandteil unseres aktuellen Jahrzehnts geworden ist, schafft Komponist Daniel Lopatin einen einnehmenden Sound, für diesen er in Cannes letztlich preisgekrönt wurde. Träumerische Dur-Akkorde sollten jedoch nicht erwartet werden. Stattdessen nagt Lopatin an den ohnehin bereits aufgewühlten Nerven, wie es anstrengender und Kräfte fordernder dieses Kinojahr nicht mehr werden kann. Zartbesaiteten sei darum der Gang zum Kino eher abzuraten; Good Time projiziert hemmungslos Stress und Angst.

    Sobald die erste Szene beginnt, ist bis zum Abspann keine Pause in Sicht. Der adrenalinausschüttende Rauschzustand, in welchen Good Time den Zuschauer befördert, war seit Sebastian Schippers One-Take-Thriller Victoria nicht mehr so intensiv am eigenen Leib zu spüren. Grund dafür ist seine konsequente Authentizität. Statt smarter Coolnes sind hecktische Notlösungen zu sehen, die das Gefühl vermitteln, man entferne sich mit jedem Schritt weiter weg von der Illusion einer kommenden „guten Zeit“. Pattinsons Charakter rennt dafür, für das eigenene Wohl und das seines Bruders, durch halb Queens. Dabei wird wiederholend festgehalten, dass er mit seinen Taten jede zufällig beteiligte Person in den Dreck zieht. Seine Darbietung verdient mit dieser trotz alledem spannenden Flucht, bei der man sich den bestmöglichen Ausweg für den Protagonisten wünscht, einen großen Respekt. Gleichermaßen sollte nicht vergessen werden, dass sein psychisch labiler Filmbruder von einem der Regisseure selbst gespielt wird – und das mit Überzeugung.

    Man darf gespannt sein, wie viel Aufmerksamkeit dieser Ausnahme-Thriller in Hollywood gewinnen wird. Eine verdiente, jedoch unwahrscheinliche Oscar-Nominierung sei dem Original-Song von Lopatin und Iggy Pop, The Pure and the Damned, gewünscht. Ebenso ungewöhnlich gut ist die gesamte Bildgestaltung und täuschende, Gefahr andeutende Kameraarbeit. Auch wird manch ein Geschehen aus sonderbar distanzierten Perspektiven beobachtet, was eine vollkommen neue Art des Teilnahmegefühls erschafft.

    Die Gebrüder Safdie haben mit Good Time einen einzigartigen Kinofilm gedreht, dessen Bildatmosphäre und musikalische Untermalung fasziniert. Nicht nur das Horror-Genre kann viel vom Independent-Kino lernen, sondern seit diesem Jahr nun auch das Thriller-Genre. Der Abspann beginnt, doch ist ein Ende nur narrativ gefunden. Good Time wirkt nämlich noch eine ganze Zeit nach – so viel steht fest. Dass dies bei wiederholter Sichtung erneut der Fall ist, ist jedoch zu bezweifeln. Dafür ist der Thriller zu übersichtlich. [Robin Längert]

    4
    • 3

      Langatmiger und irgendwie abgefahrener Film, der sich uns leider nicht wirklich erschlossen hat. Uns hat „Good Time“ nicht abgeholt. Die vielgelobte Atmosphäre scheint an uns vorbei gegangen zu sein.

      Die vollständige Kritik zum Fazit gibt es im Original.

      • 7

        Was thematisch ähnliche Filme mit Underdog-Helden, die erbarmungslos die Fäuste fliegen lassen, oft falsch machen, haben die beiden Regisseure beachtet: Sie setzen nicht auf coole Sprüche und kaum auf die Faszination der performativen Gewalt im Actiongenre. [Jenni Zylka]

        • 7

          Trotz seines Thrillerplots, in dem ein Missgeschick auf das nächste folgt, bildet die Beziehung der Brüder das Herz des Films. [Dominik Kamalzadeh]

          • 7
            SpiegelOnline 03.11.2017, 08:16 Geändert 03.11.2017, 08:17

            Pattinson lädt den Film auf mit einer nervösen Energie, mit einer Ahnung davon, dass jede Ruhe nur vorübergehend sein kann und dass sie genutzt werden muss, um die nächste Handlung zu planen, so dass sich die Bewegung stattdessen im Denken, im Inneren vollzieht. [Tim Slagman]

            • 8

              Die Filmemacher Ben und Joshua Safdie treiben in ihrem Heist-Movie ein von "Twilight"-Star Robert Pattinson angeführtes grandioses Underdog-Ensemble durch eine New Yorker Nacht, die immer finsterer, immer dreckiger und immer hoffnungsloser wird. [Andreas Fischer]

              • 7

                Zwei Brüder, ein Bankraub, ein Rattenschwanz an Katastrophen. Wenn in „Good Time“ ein Kleinganove eine nächtliche Odyssee antritt, ist das inhaltlich eher überschaubar. Die sozial-naturalistischen Szenen, das hohe Tempo und der Synthiescore machen den Thriller dann aber doch zu etwas Besonderem – und natürlich Robert Pattinson, der hier als schmuddeliger Verbrecher erneut seine Wandelbarkeit unter Beweis stellt.

                • 8

                  Wer sich auf die ungewöhnliche Erzählweise als Trip mitsamt noch ungewöhnlicheren Kameraeinstellungen einlässt, kann dem Film eine Menge abgewinnen. [Michael Dlugosch]

                  • 7
                    FilmDienst.de 26.10.2017, 12:01 Geändert 26.10.2017, 12:01

                    Wie schon in ihrem Drogendrama Heaven Knows What stehen die Regisseure für kompromisslos raues, sprödes Independent-Kino, das Konzentration fordert und einfache Auflösungen verweigert. Kameramann Sean Price Williams fängt Gesichter in fast schmerzhaften Nahaufnahmen ein, die jedes unattraktive Detail zeigen. [Marius Nobach]

                    • 6

                      Nach einem gescheiterten Banküberfall will ein Kleinkrimineller seinen Bruder aus der Haft befreien. Ein rasanter, schmerzhaft-sinnloser Trip ins Nirgendwo, von Joshua und Ben Safdie klaustrophobisch inszeniert. [Frank Schnelle]

                      • 7

                        [...] Im Gegensatz zu ihren vorherigen Filmen, die in der Regel von schonungslosem, mitunter schmerzhaftem Realismus geprägt waren und keinen herkömmlichen Genres zugeordnet werden konnten, legen die Safdies ihre fünfte gemeinsame Regiearbeit als rastlosen Gangster-Thriller an. Mit der überwiegend nervösen Getriebenheit von Protagonist Connie erscheint Good Time zumindest inhaltlich als Vertreter des klassischen 70er-Jahre-Genrekinos, in dem aufgrund von unentwegten Fehlentscheidungen eine bittere Abwärtsspirale als Konsequenz entsteht. Auch Connie reiht sich mühelos in die Riege jener Figuren dieser filmischen Ära ein, die in hektischen Situationen aus impulsiver Unüberlegtheit handeln und immer tiefer in eine nahezu ausweglose Katastrophe rutschen. Robert Pattinson (Cosmopolis) spielt den optisch verschlagenen New Yorker Kleinkriminellen, dessen Vergangenheit die Regisseure genauso unkonkret halten wie die seines geistig benachteiligten Bruders Nick, herausragend als verdorbenen, naiven Charakter, der für seine Ziele ebenso als perfider Manipulator vorgeht wie er immer wieder kurz davorsteht, seinen eigenen Kopf zu verlieren. Dem Zuschauer bleibt in diesem Zusammenhang selbst überlassen, ob er das Verhalten der Figur als liebevolle, selbstlose Aufopferung für dessen Bruder deutet oder zu dem Entschluss kommt, dass er das Leben von sich und Nick absichtlich erheblich gefährdet und zum noch Schlechteren wendet. Connies gehetzte Odyssee durch das Nachtleben der Millionenmetropole, die von diversen Komplikationen und ständigen neuen Verwicklungen begleitet wird und bei der der Erzählfluss gelegentlich auch radikal ins Stocken gerät, denken die Safdies dabei zuallererst in Bildern und Tönen. Das stellenweise recht altbekannte, konventionelle Handlungsgerüst zerlegen die Regisseure hierbei auf handwerklicher Ebene in Einzelteile, dem das Duo mit betont überstilisierten Mitteln eine fiebrige Energie injiziert. Der durch zahlreiche close-ups und entfesselte Handkameraaufnahmen entstehende Eindruck eines hyperrealistischen Szenarios wird unentwegt durch spiegelnde Reflektionen, fluoreszierende Neonlichter oder befremdliche Schwarzlicht-Impressionen aufgebrochen. Angepeitscht oder eindringlich rhythmisiert werden die virtuos zwischen dreckigem Realismus und grellem Surrealismus schwankenden Einstellungen zusätzlich von Daniel Lopatin. Der unter seinem Künstlernamen besser als Oneohtrix Point Never bekannte Musiker bereichert Good Time mit einem elektronisch-experimentellen Score, der klingt, als hätte man die Synthesizer-Stücke eines John Carpenter (Assault - Anschlag bei Nacht) aus den 80ern unter dem Einfluss aufputschender Drogen neu interpretiert und zu albtraumhaft übersteuerten Kompositionen verzerrt, die unmittelbar sowie geradezu körperlich spürbar in die Ereignisse hereinbrechen. Es ist dieses Gefühl, als würde der gesamte Film immer wieder ungezügelt aus dem Ruder laufen und ebenso hypnotisch wie ekstatisch über den Zuschauer hereinbrechen, den die Safdies als ästhetischen Dauerzustand verstanden wissen wollen und mit dem sie Good Time vor allem für ein Publikum konzipiert haben, das den inszenatorischen Taumel anstelle der erzählerischen Greifbarkeit schätzt. [...]

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                        • 7 .5

                          Diese elegante Verbeugung vor dem guten alten Genre-Kino bietet rasante Spannung ohne Hänger, eine visuelle Wundertüte mit Wow-Effekten sowie einen vibrierenden Score. So gerät der Titel für das Kinopublikum (im Unterschied zum verzweifelten Helden) durchaus zur Verheißung. [Dieter Oßwald]

                          • 2

                            Good Time, wie so viele Filme seiner Art, schwelgt in seinen hässlichen, männlichen Charakteren. Die Safdie Brüder versuchen schwarzen Humor aus diesen Kerlen zu pressen, aber haben scheinbar kein Bewusstsein dafür, wie abstoßend sie ihre Hauptfigur gemacht haben. [April Wolfe]

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                            • 5 .5

                              Manchmal stellt Good Time seine Klischees zu sehr zur Schau, manchmal versteckt der Film diese mit visuellen Texturen, wackelnden Kamerabewegungen, sodass sich diese aufregende Genre-Fahrt wie etwas Gewagtes und Neues anfühlt. Dabei ist sie das nicht. Sie ist fad, leer und kalt. [A. O. Scott]

                              • 7 .5

                                [Die Filmemacher] haben [mit Good Time] einen seltenen Genre-Film gemacht, der sich weigert, Unterhaltung mit einer Realitätsflucht gleichzusetzen oder eine Erzählung über zwei törichte Mäner in eine Feier der Dummheit zu verwandeln. [Justin Chang]

                                • 7

                                  [Good Time ist] fesselnder Thriller mit einem Wettlauf gegen die Zeit und klopfendem Herzen. [David Rooney]

                                  • 7 .5

                                    Die Balance zwischen moralischer Biegsamkeit und Gewissenhaftigkeit ist komplex in Good Time. Die wahrscheinlich größte Errungenschaft des Films, ist das er sowohl auf sozialer und psychologischer Ebene als auch als atemlos verbeulter Pulp-Thriller funktioniert, der präzise auf 100 Minuten geschnitten wurde, die sich immer noch kurz und ruhelos anfühlen. [Guy Lodge]

                                    • 8

                                      Good Time unterhält formidabel für 100 Minuten und lässt den Zuschauer am Ende ein bisschen gerädert zurück. Das hier ist lebendiges Kino, das nicht so schnell vergessen wird. [Christoph Schelb]

                                      • 7

                                        "Hundemüde, aufgekratzt, reizbar – Robert Pattinson. Die Brüder Josh und Bennie Safdie haben einen sehr körperlichen New York-Film gedreht." [Lukas Stern]

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