In den Gängen - Kritik

In den Gängen / AT: In the Aisles

DE · 2018 · Laufzeit 125 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 8 .5

    Einer der schönsten Beiträge der 68. Berlinale 2018 und man möchte sagen wider Erwarten war der deutsche Film “In den Gängen” (Deutschland, 2018) von Thomas Stuber. Nur Freunde des deutschen Autors Clemens Meyer, nach dessen Kurzgeschichte der Film entstanden ist, hatten eine Vorahnung, wie hier Poesie und Alltag in einem nächtlichen Großmarkt zusammentreffen.

    • 8

      [...] In Bewegungsabläufen, die einer sanften, geschmeidigen Choreografie gleichen, fährt ein Gabelstapler in der Eröffnungsszene von Thomas Stubers In den Gängen durch die verschiedenen Regalreihen eines Großmarkts. Die bekannten Klänge von Johann Strauß' Walzer An der schönen blauen Donau verleihen den anfänglichen Bildern eine ruhige Gelassenheit sowie nahezu surreale Poesie, die dem denkbar unpoetischen Arbeitsalltag der Mitarbeiter in diesem Großmarkt eigentlich kaum ferner sein könnte. Doch genau darum, das unerwartet Schöne und Berührende zwischen dem für gewöhnlich Banalen und Unscheinbaren hervorzuheben, geht es dem Regisseur in seinem Drama. Umringt von feiner Melancholie, leiser Komik und unterschwelliger Tragik widmet sich Stuber den Menschen hinter den Arbeitern, von denen es scheint, dass sie sich durch die unterschiedlichen Abteilungen und Gänge einfach treiben lassen. Dabei wird der Großmarkt, in dem sich ein Großteil der Szenen ereignet, zum Mikrokosmos diverser Gefühle und Geschichten, von denen der Regisseur jede einzelne glücklicherweise so behandelt, als sei sie unbedingt erzählenswert. [...] Wenn die Verhältnisse zwischen Abteilungen wie Süßwaren oder Tiefkühlkost, das nur Sibirien genannt wird, in freundschaftliche oder feindselige Verbindungen zueinander gesetzt werden, verleiht der Regisseur ihnen dadurch umgehend die Qualität eigenständiger Länder oder Orte. Diese Kunst, den jeweiligen Orten und Plätzen innerhalb dieses überschaubaren und doch von ganz speziellen Merkmalen geprägten Mikrokosmos eine außergewöhnliche oder markante Bedeutung über ihre eigene Funktion hinaus zu verleihen, zeichnet Stubers Film genauso aus wie ein ungemein feinfühliger Umgang mit den Menschen, die diesen mit Leben füllen. [...] Die meiste Zeit überlässt der Regisseur den Film aber seinen drei großen Hauptdarstellern Franz Rogowski (Transit), Sandra Hüller (Toni Erdmann) und Peter Kurth (Herbert). Letzterer verkörpert seine Figur mit einer Mischung aus brummiger Sympathie, warmer Empathie und stiller Sehnsucht nach etwas Verlorenem, wobei Bruno zunehmend sowie gerade gegen Ende des Films für die emotionalsten Erschütterungen verantwortlich ist. Rogowski und Hüller spielen Christian und Marion als Gegensätze, die sich trotz aller Unwahrscheinlichkeiten anziehen und über lange Blicke oder kurze Berührungen gegenseitig erkunden. In kaum einer anderen Szene von In den Gängen wird diese zärtliche Spannung, die Rogowski und Hüller ganz fantastisch zum Ausdruck bringen, deutlicher als an Marions Geburtstag, an dem sie in der Küche vor dem Kaffeeautomaten von Christian mit einem Yes-Törtchen überrascht wird, das dieser mit einer einzelnen Kerze zum Geburtstagskuchen gestaltet, den er mit seinem Teppichmesser in zwei Hälften schneidet. Einzig und allein die Blicke und Bewegungen der Schauspieler genügen in diesem Moment, um etwas vollständig ohne Kitsch aufflammen zu lassen, das schon kurz danach zwischen Getränkekästen, Hubwägen und Gabelstaplern, einem Aquarium voller Fische sowie zahlreichen Nudelsorten, die sich kaum auseinanderhalten lassen, wieder verschwindet. [...]

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      • 7 .5

        Gleichzeitig versteht es Regisseur Stuber, die Supermarktliebe in Bild und Ton atmosphärisch einzufangen. [Christine Stöckel]

        • 8

          Die genaue Sprache trifft sich in Stubers Inszenierung mit einer durchdachten Optik, für die Peter Matjasko an der Kamera höchstes Lob verdient.

          • 8

            Ein wundervoller Film: realistisch und poetisch, lakonisch und sehr berührend. [Krischan Koch]

            1
            • 7

              Dem jungen Regisseur gelingt es, den Arbeitsalltag seiner Helden und Heldinnen zum Ballett zu choreografieren, ohne ihn zu beschönigen. [Anke Leweke]

              1
              • 8

                Franz Rogowski verleiht dem Gabelstaplerfahrer, der am liebsten ganz tief stapelt, eine zarte Zurückhaltung [...]. [Stefan Benz]

                1
                • 8

                  Vor allem aber beantwortet die ästhetisch reflektierte Inszenierung die Frage, wie sich einem gewöhnlichen Arbeitstag atmosphärischer Zauber und sogar Anmut abgewinnen lässt. [Heidi Strobel]

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                  • 7 .5

                    Franz Rogowski, dieser absolute Alleskönner von Schauspieler [...], begeistert auch in dieser nüchternen Alltagslyrik von In den Gängen wieder. [Günter H. Jekubzik]

                    1
                    • 8

                      In den Gängen ist ein Film über Menschen, die im Kino eigentlich nicht vorkommen. Bei Stuber und Meyer bekommen sie aber, was ihnen zusteht: die große Leinwand. [Andreas Fischer]

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                      • 7 .5

                        Franz Rogowski und Sandra Hüller bezaubern als Traumpaar der Warensortierer. [Britta Schmeis]

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                        • 8

                          ... zeigt sich „In den Gängen“ mit viel Einfühlungsvermögen für seine Figuren. (...) Besonders viel Gefühl gibt Stuber der zarten Romanze zwischen Christian und Marion mit. (...) Wir haben es mit einem Ensemblefilm zu tun, in dem jede einzelne Figur treffend porträtiert ist, und doch stechen Peter Kurth, Sandra Hüller und Franz Rogowski heraus – verständlich, da auf ihnen der Fokus liegt. ... feinfühliges und lakonisches Kleinod des deutschen Kinos ...

                          Ausführlich bei DIE NACHT DER LEBENDEN TEXTE.

                          • 8

                            „In den Gängen“ erzählt die eigentlich unspektakuläre Geschichte eines jungen Mannes, der in einem Großmarkt anfängt und sich in seine Kollegin verliebt. Das Drama verbindet dabei grauen Alltag mit poetischen Elementen, wird trotz einer sehr überschaubaren Handlung zu einem sehenswerten und rührenden Mikrokosmos über Menschen, die nicht viel und doch alles haben.

                            • 9

                              In einem schlafwandlerischen Balanceakt zwischen Wahrhaftigkeit des Lebens und Magie des Kinos fängt der Film den Arbeitsalltag und die Lebensdramen der Angestellten in einem Großmarkt in der ostdeutschen Provinz ein. [Anke Sterneborg]

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                              • 8

                                In den Gängen ist eine einzige Lektion in Menschlichkeit, und das vor einer ganz besonderen historischen Folie. [...] Die besondere Kollegialität, die ruppige Herzlichkeit und verschmitzte Widerständigkeit rettet der Film hinüber in die kalte Welt des Warenkapitalismus und liefert damit auch ein politisches Statement. [Christina Tilmann]

                                • 8 .5

                                  In den Gängen ist voller zärtlicher Beobachtungen und menschlicher Empathie für seine unterdrückten Protagonisten. [Stephen Dalton]

                                  • 8

                                    In den Gängen ist ein sehr authentischer Film, sehr zärtlich, der trotz der eher zweckmässigen Kulisse, in der er spielt, viel Wärme ausstrahlt. [Julia Stache]

                                    • 9

                                      Liebeswerte Figuren. Großartige Darsteller. Einfallsreiche Regie. Umwerfende Dialoge. Poetische Momente. So entsteht im Mikrokosmos Großmarkt einer der bewegendsten deutschen Filme der letzten Jahre. [Dieter Oßwald]

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                                      • 8 .5
                                        Edward Nigma: CinemaForever 27.02.2018, 13:50 Geändert 27.02.2018, 13:51

                                        [...] Thomas Stubers In den Gängen, der letzte Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale, ist gleichzeitig auch mein bisheriger Festivalhöhepunkt. Der vierte deutsche Film im Wettbewerb ist eine einfühlsame Studie über jene, die von der Gesellschaft oft übersehen werden, ein Film über die fast unsichtbaren Arbeiter in Großmärkten und ihren vor den Blicken der Kunden verborgenen Mikrokosmos. Regisseur Thomas Stuber sucht in seinem Film die Größe im Kleinen – Bilder des erwachenden Großmarktes werden pompös mit klassischer Musik untermalt. Aus den Lautsprechern tönt Johann Strauss‘ An der schönen blauen Donau und weckt sofort Erinnerungen an Stanley Kubricks Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum. Stuber lässt den Zuschauer eine neuen Welt erkunden, jedoch geht es nicht in ferne Galaxien, er öffnet uns lediglich Türen zu verschlossenen Arealen des scheinbar Vertrauten. Die eisigen Weiten der Tiefkühlabteilung (von den Mitarbeitern scherzhaft Sibirien getauft), ein geheimes Meer (die Aquarien der Fischabteilung) oder einfach nur ein Ausflug an den Kaffeeautomaten, der zum stetigen Mittelpunkt der kleinen Welt wird, die sich der wortkarge Protagonist Christian (großartig: Franz Rogowski, der im Zusammenspiel mit Sandra Hüller wirklich brillieren kann) langsam erschließt, werden zu melancholischen Zufluchtsorten im stressigen Arbeitsalltag. Die größte Stärke von Thomas Stubers In den Gängen liegt jedoch in seiner grandiosen Figurenzeichnung. Der Regisseur dirigiert gleich ein ganzes Figurenkabinett liebevoller Außenseiter, zumeist Wendeverlierer, die in ihrem Großmarkt irgendwo in Ostdeutschland eine Ersatzfamilie in ihren Mitarbeitern gefunden haben. Dabei werden dem Zuschauer nie mehr Informationen als zwingend nötig gegeben, Konflikte bleiben unausgesprochen, Motivationen können nur erahnt werden. Doch irgendwann ist jede Schicht zu Ende, dann müssen alle zurück in die Wirklichkeit. In den Wohnungen gibt es keine Poesie, hier herrscht karge Tristesse, aus dem die Arbeiter erst am nächsten Morgen, mit Beginn der nächsten Schicht, wieder erwachen dürfen. [...]

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