Paterson - Kritik

Paterson

US · 2016 · Laufzeit 113 Minuten · FSK 0 · Drama · Kinostart
Du
  • 8

    Paterson ist die Stadt. Paterson ist der Mensch. „Paterson“ ist der Film von Jim Jarmusch, angelegt als Hommage an Stadt, Mensch, Fluss. Angelegt als Hommage an William Carlos Williams „Paterson“, Vorbild für den busfahrenden Poeten aus „Paterson“: Paterson. In den Alltagsstrukturen sieht dieser nicht Monotonie, Repetition, endlose Wiederholungsschleifen, in denen der Wahnsinn nur durch die Zeit auf Distanz gehalten wird. Er sieht nicht zermürbende Leere, lästige Pflicht, Stillstand in der Bewegung. Paterson sieht nicht jeden Tag gleich, und Jarmusch inszeniert nicht jeden Tag gleich. In den Alltagsstrukturen von Paterson werden die Variationen und Feinheiten des Lebens sichtbar, die im Außerhalb verborgen bleiben, wenn der Blick nicht zur Seite geht. Im Nacken von Paterson wird die Zukunft einer Liebe geschmiedet und die großen philosophischen Themen angepackt. In den Bars von Paterson, unter den wachsamen Augen von Paterson, wird die Zukunft einer Beziehung verhandelt und zum Scheitern verurteilt. Paterson, also die Stadt, ist aber auch Jarmusch-Town, bevölkert von stilbewussten, interessanten Menschen und dichtenden Fünftklässlerinnen. Backsteingebäude und Arbeiterschicht. Philosophie-Studenten und Designer-Vorhänge. Und „Paterson“, also Jarmusch, gesteht dem Alltag seine Liebe. Und er formuliert ein hehres Ziel: das Kleine im Großen erkennen, das Besondere in zyklischen Wiederholungsmustern. Und dieses Besondere kurz festhalten, um dann zu erkennen, dass es nicht für ewig währt. Und dann nicht zu resignieren, sondern stoisch seinen Weg zu gehen. Eine Zeile nach der nächsten, ein Wort auf das andere. Auf jede gute Formulierung folgt eine missratene, auf jede missratene... eine gute.

    6
    • 10

      [...] Auf den ersten Blick scheint Jarmusch „nur“ die Aussage zu machen, dass man tief unter die Oberfläche schauen muss, weil die Schönheit überall versteckt liegt. Kennt man ihn und sein (mittlerweile Lebens)werk, drängt sich jedoch die Vermutung auf, dass die Botschaft noch viel weitreichender sein könnte. Wer wirklich hinsieht und sich nicht ablenken lässt (ganz bewusst verweigert sich Paterson in seinem filmischen Kosmos Smartphones, PCs, etc.), wird Schönheit gar nicht erst suchen müssen – sie ist überall, in Menschen, in Orten, in Objekten, weil das Leben etwas großartiges ist.

      In Zeiten des geradezu zwanghaften Pessimismus mag diese Message vielleicht als kitschig oder pathetisch empfunden werden, die Art wie Jarmusch sie seit jeher über die Lebenswege seiner knuffigen Außenseiterfiguren in die Welt kommuniziert, lehrt den Zweifler jedoch eines besseren. [...]

      32
      • 6 .5

        Allem Lebendigen sei das Zentrum der Welt gemein, schrieb Friedrich Nietzsche. Die Grenzen der menschlichen Erkenntnis erschöpfen sich an ihrer Barriere, dass Wahrnehmung ausschließlich zentralistisch und deshalb ausschließlich interpretatorisch gedacht werden kann. Wie der eigene Standpunkt eine gleichsam absolute erkenntnistheoretische Perspektive einnimmt, avanciert in "Paterson" ebenso zum Zentrum einer Erzählung ohne Spuren einer großen Erzählung. Adam Driver schlüpft in einen Anzug des Zyklenläufers, der jeden Tag deckungsgleiche Hürden seiner familiären wie beruflichen Existenz umspringt. Paterson, so sein richtiger Name, ist in Paterson, der Stadt, verwurzelt, gefangen, kulturell verstöpselt. Wie könnte es auch anders sein. Von Montag zu Montag zeigt er sich in seiner determinierten Rolle als Busfahrer, Lyriker, Freund, Hundenörgler und Kneipenkumpel. Driver mimt diesen allgewaltig am Chaos vorbei sinnierenden Zufriedenheitsbummler mit der Kunst des Nichtergebnisses, mit der Attitüde geheimnisumnebelten Eigensinns. [...]

        10
        • 8 .5

          So richtig Action gibt's zwar nicht,
          dafür ab und an mal ein Gedicht.
          Ruhe, dann wieder ein Redeschwall,
          wir sehen uns am Wasserfall.

          • Im Podcast besprochen:

            "Zum allerersten Mal widmen wir Kult-Regisseur Jim Jarmusch für seinen neuesten Film PATERSON eine ganze Folge. In der kommt zwar der Palm Dog-Gewinnerhund Nellie als Marvin etwas zu kurz, dafür sprechen wir ausführlich über unsere Erfahrungen, Einschätzungen und Verständnisse der Figuren, warum die Hauptfigur heißt wie die Stadt, in der sie lebt, und über Poesie und Melancholie des Alltags."

            1
            • 10

              [...] "Paterson" dreht sich um die Poesie, und wie sich das für einen Film von jim Jarmusch gehört, verschmelzen Geschichte und Bilder letztendlich auch genau dazu: Poesie. Adam Driver spielt wunderbar zurückhaltend, während seine Mimik auf subtile Weise Bände spricht. Golshifteh Farahani ist pure Lebensfreude und ein Lichtblick im trüben Herbst. Heimlicher Held dürfte aber Bulldogge Marvin sein, die sich als komödiantisches Gegenstück zu Driver in die Herzen spielt. Ein wundervolles Werk über die Schönheiten des Alltags, eingefangen in traumhafte Bilder.

              8
              • 7

                Das kleine, warme Zentrum bietet [Patersons] abendlicher Gang zur Bar, wo pure Gelassenheit von beruhigendem Blues und umhüllenden Lichtern eingebettet wird. Ja, die Highlights des Filmes sind die Momente der Entspannung des Protagonisten. Das klingt nicht nur nach der vollkommenen Effektivität Jarmuschs grundgedanklicher Stilistik, sondern intensiviert das eigene Teilnahmegefühl der Ausgeglichenheit.

                • 7

                  [...] Jim Jarmusch kehrt zurück – und zweifelsohne bringt Paterson alles mit sich, was waschechte Fans der Independentikone an ihm schätzen. Sein neuester Film behandelt eine Woche im Leben des dichtenden Busfahrers Paterson, sieben Tage gefüllt mit den alltäglichen Abenteuern eines eigentlich ganz alltäglichen Menschen. Ja, Jarmusch beherrscht ebenso wie seine Hauptfigur die Kunst etwas scheinbar Banales mit allen probaten Mitteln der Kunst zu echter Poesie zu erheben. [...] Paterson liefert nicht mehr, aber auch nicht weniger, als einen einwöchigen Einblick in dessen Leben. In seiner repetitiven Struktur läuft er dadurch schnell Gefahr sich in Langeweile und Belanglosigkeit zu verlieren, doch Jarmusch gelingt es geradezu meisterlich die kleinen Momente im Leben hervorzuheben und dadurch immer wieder für Abwechslung zu sorgen. Wer bisher wenig mit dessen Schaffen anfangen konnte, wird sicherlich auch mit diesem Film keine Freude haben, denn anstelle einer nach allen gängigen Regeln der Dramaturgie aufgebauten Geschichte bekommen wir erneut einen wunderbar ruhig erzählten Film, der sich spannungstechnisch durchgehend auf dem Nullniveau befindet. Gerade das macht jedoch seinen Reiz aus, denn in nuancierten Augenblicken ergründet Jarmusch all jene Facetten, die ein Leben überhaupt erst lebenswert machen. [...]

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                  • 9

                    Das Gesicht Adam Drivers, wie er konzentriert auf den Verkehr achtet oder im Rückspiegel die Fahrgäste beobachtet, lohnt für sich genommen schon den Film. [Tim Caspar Boehme]

                    • 8

                      Je länger der Film seinem stillen Helden folgt, desto mehr schärft sich der Blick für die Variationen im Immergleichen, für ein Muster, das sich über die Alltagstätigkeiten schiebt. [Sabine Horst]

                      • 9

                        [...]Jarmuschs beste Arbeit seit Langem: Oft wirkt die schwebende Zen-Atmosphäre seiner Filme angestrengt, hier geht sie ihm ganz locker von der Hand. [Andrey Arnold]

                        • 7 .5

                          Paterson ist jedenfalls eine der entspanntesten Arbeiten des ohnehin schon immer sehr entspannten Jarmusch. [Michael Pekler]

                          • 8 .5

                            Selten kam Bekanntes so unterhaltsam, raffiniert und geistreich daher wie in diesen sieben Tagen von Paterson. [Günter H. Jekubzik]

                            • 8 .5

                              Es ist schon famos, mit wie wenig Story-Substanz Jim Jarmusch ein berührendes Drama aus dem Hut zaubert. [Dieter Oßwald]

                              • 8

                                Zeile für Zeile, Tag für Tag verzaubert Jim Jarmusch den Zuschauer mit einer zarten Poesie des Banalen. [Stefan Benz]

                                • 8

                                  Mit Paterson schreibt Jim Jarmusch eine bezaubernde Film-Ode an die Provinz. [Jörg Schöning]

                                  • 8

                                    "(...) Ähnlich wie die jüngeren Werke von Terrence Malick gewinnt Jim Jarmuschs aktueller Film durch seine praktisch inhaltsleeren Bilder einen meditativen Charakter. Allerdings muss man sich in diesen erst einfinden – und ihm wohlgesonnen sein. Für Fans des Regisseurs ist Paterson folglich genauso empfehlenswert wie für Freunde ruhiger, bedachter Charakterporträts (...) Insofern schließt sich der Kreis, auf eine nahezu poetische Art, wenn Paterson nicht nur ein Film über Dichter im Plural wie Singular ist, sondern im Zuge seiner Laufzeit selbst zum cineastischen Gedicht avanciert."

                                    • 8

                                      Paterson erweist sich als repetitiver Ruhepol, als ereignisloses Meditationsstück von Independent-Film. [...] In seinem tragikomischen Neuling [...] liefert [Jarmusch] lakonische Poesie in Vollendung. [Maximilian Haase]

                                      • 8

                                        Aus einer ziemlich ereignislosen Woche im Leben eines Kleinstadt-Busfahrers macht Indie-Ikone Jim Jarmush mit »Paterson« eine berührende Ode an die Monotonie des Alltags. Das Immergleiche steckt voller poetischer Momente, die mit leisem Humor und entspannter Schlichtheit zelebriert werden. [Frank Schnelle]

                                        • 6

                                          [...] Viel mehr äußert sich Paterson als Gesamtbild mit einer Bescheidenheit, die sich nicht übermäßig in Dramatisierung üben muss, selbst in vermuteten Momenten baldigen Geschehens nicht auf filmische Klischees eingeht. Stattdessen wird die zuvorkommende Beobachtung unter Menschen der Fokus, ein gemütlich umherwandernder, helfender und mit jedermann kommunizierender Paterson die Zentrale der Empathie, die sich neben ihrer Sanftheit auch durch ihre Schwächen auszeichnet. [...] So schwingt auch das Pendel des gesamten Films eben zwischen Wahrhaftigkeit und verkappter Einfältigkeit, wenn der Stellenwert der Kunst auf den regionalen Querschnitt umgesetzt wird, selbst Hip-Hop als moderne Dichtungskunst die Plattform überlässt und im Grunde eine optimistische Variante Kafka light an der Erfassung des Menschseins übt. Es ist zumindest kein Fehler ohne Wiederkehr, einen derartig gemäßigten Pathos nachzufühlen, wenn der Film dazu auf die Güte, kreative Möglichkeiten und Kommunikation der Vergebung innerhalb der menschlichen Spezies hinweist [...]

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                                          • 8 .5

                                            Es ist ein ewiger Kreislauf, dieses Leben. Niemand kann sich ihm entziehen. Auf jeden Montag folgt ein Dienstag, der wiederum von einem Mittwoch, Donnerstag und Freitag abgelöst wird, bevor Samstag und Sonntag den Weg für den nächsten Montag ebnen. Die Woche hat sieben Tage, jeder dieser Tage 24 Stunden und dazwischen existieren noch 1440 Minuten und 86400 Sekunden, die vergehen - ja, immer wieder von vorne vergehen. Dennoch gleicht dieser ewige Kreislauf einem Paradox, denn alles fließt, befindet sich in Bewegung und wird niemals bleiben. Das Erleben eines jeden neuen Tages scheint trotzdem ein mühseliges Schicksal zu sein. Eine anstrengende Aufgabe, die schnell zu trister Eintönigkeit führt.

                                            In der Wiederholung liegt der Ausbruch jedoch bereits verborgen. Um dieses Geheimnis zu entdecken, braucht es allerdings Zeit - und Zeit ist etwas, mit dem Jim Jarmusch seit Anbeginn seines Schaffens sehr bewusst und effektiv umgeht und umgehen kann, so auch bei seinem jüngsten Werk, Paterson, einer nachdenkliche wie berührenden Meditation auf den ewigen Kreislauf des Lebens. Der Film erzählt aus dem Alltag des titelgebenden Busfahrers, der nach der Stadt benannt wurde, in der er lebt und aufgewachsen ist. Adam Driver schlüpft nach seinen unbeherrschten Wutausbrüchen in Star Wars: The Force Awakens mit einer ebenso einnehmenden, aber deutlich zurückhaltenderen Performance in die Rolle des Protagonisten, der geradezu mit seiner Heimat verschmilzt und trotzdem ein Fremder ist. [...]

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                                            • 8

                                              "Adam Driver, der für große Gesten, expressive Mimik und Rollen mit hohem exzentrischem Sprachanteil bekannt ist, bekommt wenig zu spielen. Aus der untergrabenen Erwartung, aus dem Potenzial, das seinem stillgestellten Körper noch abzulesen ist, schöpft Jarmusch. Er inszeniert Paterson nicht als gemütlichen, sondern als freiwillig glücklichen Menschen, dem genug wirklich genug ist." [Frédéric Jaeger]

                                              • 9

                                                Jim Jarmuschs Paterson [...] kommt einem künstlerischen Manifest des Regisseurs bislang am nächsten. [Bilge Ebiri]

                                                • 9 .5

                                                  Jarmusch hat einen Film gedreht für jeden, der sich mal nicht im Takt mit der Welt gefühlt hat — was bedeutet, einen Film für jeden. [Justin Chang]

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                                                  • 7 .5

                                                    Jim Jarmuschs bescheidenes und eigentümliches New Jersey-Drama bietet feinen Genuss für Fans des New Yorker Indie-Regisseurs, der es immer wieder schafft, seinen ganz eigenen Weg zu gehen. [Todd McCarthy]