Pfahl in meinem Fleisch - Kritik

Bara no Sōretsu / AT: Funeral Parade of Roses

JP · 1969 · Laufzeit 104 Minuten · FSK 18 · Drama · Kinostart
Du
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    [...] Rauschhaft und fragmentarisch öffnet Toshio Matsumoto (Shura) in seinem Film Pfahl in meinem Fleisch die Pforten in eine Parallelwelt, die abseits gesellschaftlicher Normen als Himmel und Hölle zugleich erstrahlt. Im Tokio der 60er Jahre beleuchtet der japanische Regisseur die wilde Subkultur der Transvestiten-Szene, in der fleischliche Gelüste zwischen den Grenzen der eindeutig zuordenbaren Geschlechter verlaufen. Bereits die Eröffnungsszene des in kühlen Schwarz-Weiß-Bildern gedrehten Films ist eine laszive Täuschung der Sinne, bei der sich das augenscheinliche Liebesspiel zwischen einem Mann und einer Frau als Akt zwischen zwei Männern entpuppt, nachdem der Oberkörper der Person mit den weichen Gesichtszügen und den langen Frauenhaaren eine flache Männerbrust zum Vorschein bringt. Dieser Auftakt, der für sinnliche Verschleierung und trügerische Maskerade steht, enthält die Kernmotive von Matsumotos ungestümen Experimentalfilm, der in avantgardistischer Manier gegen die Sehgewohnheiten des Zuschauers rebelliert, ähnlich wie die schrägen Paradiesvögel, gescheiterten Draufgänger und in isolierter Einsamkeit lebenden Außenseiter, denen Pfahl in meinem Fleisch verschrieben ist. Inspiriert wurde der Regisseur dabei maßgeblich von den französischen Filmen der Nouvelle Vague, wobei vor allem der Stil von Jean-Luc Godard (Außer Atem) unübersehbare Spuren in Matsumotos Werk hinterlassen hat. Neben der ausgefallenen, an Godards Jump-Cuts geschulten Montagetechnik, die einer eigenwilligen Logik der blitzartigen Assoziationen folgt und eine schlüssige Chronologie der Geschehnisse nur noch erahnen lässt, setzt der Regisseur ausgiebig auf unkonventionelle Stilmittel wie Bildverfremdungen und Zeitraffer, um den Eindruck einer fremdartigen Welt, die ein Schattendasein inmitten der uns bekannten Realität fristet, nur noch zu intensivieren. In extravaganten, schrillen Etablissements wie die Schwulenbar, in der sich Matsumotos transsexuelle Figuren vorwiegend aufhalten und Kunden durch ihre ausgelassene Art bespaßen, spürt der Regisseur einer gesellschaftlichen Gegenbewegung nach, die sich über eindeutige Gender-Klassifizierungen hinweg erhebt und im taumelnden Tanz des Drogenrauschs nach unabhängiger Selbstverwirklichung und Anerkennung strebt, während immer wieder fratzenartige Gesichter von Außenstehenden als psychedelische Bedrohung auftauchen. [...] Als avantgardistisches Feuerwerk der Inszenierung ist die assoziativ montierte Geschichte mitunter schwer verständlich, doch Matsumotos Film erweist sich zwischen radikalen Stilbrüchen und spielerischen Meta-Ebenen als Liebeserklärung an eine unangepasste Subkultur, deren ganze Schönheit und zugleich Tragik der Regisseur trotz kalter Schwarz-Weiß-Bilder mit warmer Empathie erstrahlen lässt. [...]

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      Bin ja kein ausgewiesener Freund von Promotion-Aktionen, aber angesichts der einstelligen Anzahl an Bewertungen für einen wunderbaren Film, möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die OOP-Masters-of-Cinema-DVD (die einzige im Moment überhaupt großräumiger gehandelte Veröffentlichung) von FUNERAL PARADE OF ROSES nach langer Zeit mal wieder für erschwingliche Preise zwischen 14-25€ bei einigen Onlineshops vorrätig ist.

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