Rashomon - Das Lustwäldchen - Kritik

Rashômon

JP · 1950 · Laufzeit 88 Minuten · FSK 16 · Drama · Kinostart
Du
  • 9

    [...] Akira Kurosawa ("Die sieben Samurai") packt sein komplettes Können als Geschichtenerzähler aus und verschachtelt die für sich genommen simplen Teilaspekte so geschickt ineinander, dass eine deutlich komplexere Struktur entsteht. Doch damit nicht genug, durch geschickte Kameraperspektiven und Figurenkonstellationen setzt „Rashomon“ seinen Zuschauer oftmals selbst in die Rolle des Entscheiders, beispielsweise indem er die Szenen vor Gericht aus der Sichtweise des gar nicht erst zu sehenden Richters zeigt. Denn das ist eine weitere Stärke des inhaltlichen Aufbaus, obgleich komplex verschachtelt hält er sich in der Menge der auftretenden Charaktere angenehm zurück. Dadurch gelingt es dem Film den übrigen Figuren genügend Platz einzuräumen und diese tiefergehend zu charakterisieren. [...] Die restlichen Darsteller erreichen zwar niemals den Grad an überbordende Ausdruckskraft wie Mifune, doch auch sie bemühen sich redlich um plastische und bedeutungsvolle Darbietungen, was wohl zu großen Teilen Kurosawas gekonnten Regieanweisungen zu verdanken ist. Die suggestiven Schauspielleistungen tragen unverkennbar zur Klasse des Films bei, ermöglichen sie es doch auf unnötige Dialoge zu verzichten und einen Großteil der Emotionen, Reaktionen, Meinungen und Beziehungen auf rein bildlicher Ebene dazustellen. [...] Final erweist sich „Rashomon“ neben seiner inszenatorischen und technischen Qualität vor allem als ein unglaublich intelligenter Film. Die individuellen Aspekte von Wahrheit und Erinnerung reflektiert er ebenso feinfühlig wie er die tiefere Bedeutung dieser für den Zuschauer erfahrbar macht. Eindrucksvoll zeigt Kurosawa, dass es für alle Situationen unterschiedliche Sichtweisen gibt und dass sich die objektive Wahrheit im Gewirr der persönlichen Motivationen oftmals nicht ausmachen lässt. Denn letztlich stellt sich immer noch die Frage, ob die einzelnen Parteien absichtlich lügen oder ob ihre Version schon längst zur eigenen Wahrheit geworden ist. Fakt ist, dass jeder Charakter in seiner eigenen Geschichte als ehrenwerte Figur auftritt. Ob das nun beabsichtigte Selbstdarstellung oder bereits unterbewusste Einbildung ist bleibt offen. Und genau das macht „Rashomon“ auch so interessant. [...]

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    • 8

      […] Über die Geschichte selbst sollte hier jedoch wenig Text verloren werden, da es elementar wichtig erscheint, dass die Geschichte sich für den Zuschauer bei einer Erstsichtung frei entfalten kann. Besonders (vor allem im Erscheinungsjahr) ist hier jedoch, dass der Film mehrere Versionen einer Geschichte erzählt, jeweils abgeänderte Fassungen, die von Figuren selbst erzählt werden und der Zuschauer letzten Endes zu entscheiden hat, wem er Glauben schenken soll. „Film ist die Wahrheit 24 mal in der Sekunde“ hat der König des selbstreflexiven Films Jean-Luc Godard berühmterweise mal gesagt. Zehn Jahr zuvor beweist Kurosawa dem Publikum bereits das Gegenteil. Nichts an diesem Film muss der Wahrheit entsprechen. Wahrscheinlich ist, dass drei Viertel des Werkes das auch nicht tun. […] Tatsächlich ist der knapp anderthalbstündige Film ein ungemein vielschichtiger Film geworden, der wahrlich intelligent daherkommt, viel erzählt aber noch mehr erfahrbar macht und quasi als Parabel angesehen werden kann. Die Gerechtigkeit ist eines der großen Themen des Films. Die Frage nach ihr, die Frage, ob sie existiert. Ob Menschen überhaupt im Stande sind, sie zu erkennen und zu vollstrecken. Oder ob sie eine übergeordnete Instanz dafür benötigen - einen Gott, sofern er uns noch nicht verlassen hat. Immer wieder schaut der Bandit (Mifune) mit einer Mischung aus Wut und Sehnsucht in den Himmel. Auf der Suche. (Die Legende besagt, Kurosawa sei der erste gewesen, der in die Sonne gefilmt habe.) Hand in Hand mit der Thematik geht der zweite Komplex des Films, der als Glauben zusammenzufassen ist. Optimismus trifft auf Realismus, der Glauben wird mit Zweifeln konfrontiert (bzw. von ihm bedingt) und Hoffnung trifft auf Enttäuschung trifft auf Hoffnung. Der dritte thematische Stamm des Films behandelt die japanische Kultur selbst und verbindet somit traditionelle Kultur mit modern-westlicher Filmsprache. Die bittere Erbarmungslosigkeit, mit der Kurosawa schließlich den japanischen Ehrenkodex auseinandernimmt und seiner Zerbrechlichkeit preisgibt, hat etwas sehr Orientierungsloses. Japanisches Nachkriegskino eben.
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      • 8

        [...] „Rashomon“ (Der Zusatz „Das Lustwäldchen“ ist laut Wikipedia übrigens ein Übersetzungsfehler), gehört zu den Filmen, die nach dem ersten Anschauen noch deutlich wachsen, wenn man sich vor philosophischem und historischem Hintergrund mit ihnen beschäftigt. Da ist es dann auch zweitrangig, dass der Film nicht den heutigen westlichen Sehgewohnheiten entspricht.

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