Scarface - Kritik

Scarface

US · 1983 · Laufzeit 170 Minuten · FSK 18 · Kriminalfilm, Drama · Kinostart
Du
  • 8
    Filmsuechtiger: Filmsucht.org 15.03.2018, 17:11 Geändert 15.03.2018, 19:18

    [...] Schon das Original sorgte mit seiner Rasanz und der Gewaltdarstellung für Aufregung unter Zeitgenossen, doch De Palmas Adaption des Stoffes wurde noch in weitaus größerem Umfang als brutal und sogar gewaltverherrlichend gebrandmarkt. Allerdings unterscheidet sich der Gewaltgrad von Scarface nicht merklich von ähnlichen Produktionen - er wirkt lediglich aufgrund der kompetenten Inszenierung härter.

    Das beste Beispiel liefert die berühmt-berüchtigte Szene, in der ein Gangster von Konkurrenten in einer Apartmentdusche mit einer Motorsäge getötet wird. Was brutal klingt und sich auch so anfühlt, ist eigentlich eine Verbeugung De Palmas vor seinem Idol Alfred Hitchcock und dessem ikonografischen Duschmord in Psycho. Beide Sequenzen arbeiten auf eine ähnliche Weise und zeigen zu keiner Sekunde, wie das Mordinstrument den Körper des Opfers berührt - grafische Gewalt findet also gar nicht statt. In Psycho erzeugt erst der im Wortsinne messerscharfe Schnitt die Bilder im Kopf des Zuschauers, in Scarface bekräftigen das entsetzte Gesicht Pacinos und ein blutiger Duschvorhang das nicht sichtbare Geschehen. Durch den omnipräsenten Nihilismus und die harte Sprache der Gangster erhält De Palmas Werk einen agressiven, erbarmungslosen Tonfall; ein grausamer Film ist Scarface jedoch nicht.

    Auch am expressiven Schauspiel von Hauptdarsteller Al Pacino scheiden sich die Geister seit der Veröffentlichung, doch setzt Pacino wirklich auf konsequentes Overacting, weil er nicht subtiler spielen kann? Bei der Betrachtung sollte nicht vergessen werden, dass Tony Montana selbst ein Schauspieler ist, wie er selbst zu Beginn des Films zugibt: "I watch the guys like Humphrey Bogart, James Cagney. They, they teach me to talk. I like those guys." Montana, der nur mit der Kleidung auf seiner Haut in die Vereinigten Staaten immigriert, besitzt nichts außer seinem Ego. Es ist die einzige Waffe, die er ausspielen kann, um sich Vorteile zu verschaffen und sich gleichermaßen [...]

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    • 8

      [...]Regisseur Brian de Palma fängt dabei in „Scarface“ die Atmosphäre des Miamis der 80er Jahre gut ein, auch wenn das Setting an sich nur einen kleinen Teil der Stimmung mit sich bringt (und zudem durch den bisweilen fast schon nervigen Score auch immer mal wieder gedrückt wird). Der Titel lebt viel mehr davon, die Charakterentwicklung Montanas nachzuvollziehen. Hierbei erzählt das Script jedoch keinen kompletten Lebenslauf, sondern beschränkt sich auf einige Episoden der rasanten Karriere des Exil-Kubaners, die handwerklich gut umgesetzt sind, in ihrer Erzählart aber sehr schnell klar machen, wohin die Reise geht: in den Aufstieg und zugleich auch den Untergang des Montana-Imperiums. Ja, man muss leider sagen, dass „Scarface“ nicht gerade zu den unvorhersehbarsten Filmen des Genres zählt und dabei auch nicht so dicht und kompakt erzählt wird wie zum Beispiel Francis Ford Coppolas „Der Pate“. Auch die sozialkritische Komponente, die immer wieder einmal anklingt, verblasst irgendwann im Zuge des „The World Is Yours“-Mottos der Hauptfigur, welches klar im Vordergrund steht. Hier wäre wohl in beide Richtungen noch etwas mehr Luft gewesen, auch wenn dieser Umstand „Scarface“ noch lange nicht zu einem schlechten Film macht.[...]

      • 7 .5

        Al Pacino als Tony Montana. Die laufende "Chupa Chups"-Werbung. "Leck mich" ist hier die Devise und besser könnte man es nicht zum Ausdruck tragen. Das in Zusammenhang mit dem Spruch "Vom Tellerwäscher zum Millionär" ist eine Kombination die ihren ein oder anderen Höhepunkt besitzt. Das tolle ist, dass Regisseur Brian de Palma den Zuschauer nicht mit Sympathie ködern möchte. Montana ist ein Arschloch, durch und durch. Das von Anfang an. Man will ja auch keine nette Gangsterstory erzählen, man will ein sehr realistisches Szenario erschaffen das jeden in seinen Bann zieht der es anschaut.

        Ich habe vor einiger Zeit die Doku "Cocain Cowboys" gesehen, dort wurde gezeigt wie das Drogengeschäft in Miami zu florieren beging. Es war erschreckend da viele Filme die Realität doch sehr verzehrt hatten, ich musste bei der Doku das ein oder andere mal schlucken.

        Deswegen gibt es an dieser Stelle ein Lob an "Scarface". Man will nichts ins rechte Licht rücken, nichts schöner machen damit der Zuschauer sich ja um Gottes Willen wohlfühlt. Und doch kann man dem Film in Hinsicht der Sympathie etwas abgewinnen. Warum? Es sind die Sprüche Montanas. Sie kommen so schön herbe rüber, so als ob sie ihm grade eingefallen wären. Wäre man jedoch im Film, und nicht davor, sähe es bestimmt etwas anderes aus. Eine Freundschaft würde man mit dem Kerl aus normalen Gründen bestimmt nicht eingehen wollen.

        Es ist immer ein Spiel mit dem Feuer eine lange Laufzeit auszuwählen, es könnte vielen schnell zu langweilig werden. Knappe 160 Minuten läuft der Film. Kommt Langeweile auf? Nicht unbedingt. Man hat es geschickt eingefädelt, ruhige Passagen, die mir teils zu schlicht gemacht worden sind, wurden immer relativ kurz gehalten.

        Tony "Das Narbengesicht" (so hieß der Film anfangs in Deutschland wirklich) Montana ist eine Figur die man abstoßend und doch faszinierend findet. Der perfekte Protagonist für mich der eine äußerst ansehnliche Geschichte zu erzählen hatte.

        "Ich sage immer die Wahrheit, sogar wenn ich lüge."

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        • 9

          [...] Brian De Palma und Oliver Stone verherrlichen das Leben als Gangster zu keiner Zeit, sie reflektieren es hingegen. Sicher sehen wir Tony in einer flamboyanten Welt aus Sex, Drogen, Partys und Alkohol. Doch am Grund dieses bunten Cocktails, hinter dem farbenfrohen Schleier verbirgt sich ein düsteres Drama über die allesfressende Selbstzerstörung. Dramaturgisch im Kern natürlich ganz konventionell als „Rise & Fall“-Geschichte angesiedelt, greift „Scarface“ immer tiefer in seine Materie, in seine Hauptprotagonisten und lässt den Zuschauer Teil eines existenziellen Zerfalls werden; eines haltlosen Individuums, welches sich durch seine Besessenheit alle Träume im Rausch zerstören wird. [...] Die Nebenfiguren agieren dabei als Spiegel und akzentuieren Tonys charakterliche Disposition, seine Verrohung, seine Entmenschlichung, seinen Marsch in den eigenen Abgrund, der alles unhaltbar in sich zieht und in den Mühlen des Selbsthasses, der Verlorenheit zermahlt. Brian De Palma knöpft sich den amerikanischen Traum vor, stellt ihn ins hellste Licht, bereitet ihm ein Podium und demontiert diesen, wie Tony, nachhaltig. [...]

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          • 6 .5

            Tony Montanas bizarrer Kampf gegen sich selbst, und gegen die Welt, die er sich gefügig zu machen versucht, bis zum Anschlag, bis zum Verderben, bis zum Sturz in den Pool. Al Pacino spielt Tony Montana ambivalent zwischen verstörend-unheimlich und fürsorgend-besessen, personifiziert einen explodierfreudigen Vulkan und einen angriffslustigen Tiger ("Antonio Montana!") auf Ego komm' raus in Narzissmus und Egomanie, und stets mit ein bisschen Irrsinn und Wahnsinn in den Augen, indem er all diejenigen beschimpft ("Kackvögel!"), die Leute wie ihn als fingerzeigenden Bösewicht brauchen, damit das System so funktioniert, wie es funktioniert, ohne aus der Sicht Montanas zu wissen, dass Berge an Drogen, Stapel an Geld und Unendlichkeit an Macht am Thron menschlicher Selbstzerstörung sägen.

            Am Ende wird Montana demontiert, sein letztes Aufbäumen zur Unsterblichkeit von Kugeln durchlöchert; Montana sollte schießen, Montana nahm das Angebot an und stürzte vom amerikanischen Traum, der sich schlagartig ausgeträumt hat, zum amerikanischen Alptraum; Höhepunkt einer tragischen Figur, die De Palma nicht heroisiert, sondern auf Distanz hält, um sie mit all den Schattenseiten des Geschäfts zu konfrontieren. Abgesang auf einen Gangsterfilm in Neon. Diese Szene hat immer noch etwas Universelles, Gewaltiges, etwas Kraftvolles, sie überrumpelt. Elegant vor allem das Miami der 80er, exotisches Hawaiihemdenflair, fast eine Karikatur jener fatalistischen Umgebung, wo sich Nadelstreifengangster in schwarzen Anzügen in Hinterhöfen treffen. De Palma schüttelt alle Asse aus dem Ärmel, indem er seinen Ruf als vernarrter Kamera-Fetischist zementiert – überbordende Plansequenzen (die Kamera kreist in der Eingangssequenz schier sekundenlang um Montanas Gesicht), insbesondere dann, wenn der Regisseur mit der Suggestion experimentiert.

            So schwebt die Kamera (John A. Alonzo) in der berühmt-berüchtigten "Kettensägen-Szene" kurz vor dem entscheidenden Moment einfach durch das mit Jalousien verrammelte Fenster, um kurz darauf, also ungeschnitten im selben Take, einfach wieder zurückzuschweben. Die Pointe: Blutspritzer sind zu sehen, lediglich verzeinzelte Blutspritzer, alles andere fungiert ausschließlich als merklich grauenerregendere Imagination dessen. Unabhängig davon gefallen der überkandidelte Dekor grotesk verschwenderischer Genusssucht sowie die schmissigen Kulissenstücke beträchtlich. Der Film versammelt zudem einige nuancierte Nebenrollen. Michelle Pfeiffer überzeugt als verruchtes wie reizvolles Flittchen (sexy!), Mary Elizabeth Mastrantonio als Tonys glücklose Schwester (samt offensiv angedeutetem Inzest), Robert Loggia als Schampus saufender Mafiastratege und F. Murray Abraham als dessen schmieriger Handlanger.

            Diametral all jener popkulturellen Errungenschaften, die "Scarface" meist zu Recht Kultstatus verliehen, brilliert weder der Soundtrack (seine honigsüße Seifigkeit nervt gehörig, als dass sie die Szenerie verdichtet), noch ist Pacinos heimlicher Choleriker stets mit Wohlwollen zu ertragen. Das Erfinden, Erlernen und Brüllen absonderlicher Vulgarismen neigt bei der Figur des Tony Montana mal da und mal dort zur gestelzten Affektiertheit, umso länger der Film zur Tragödie voranschreitet. Ein weiteres Problem: Oliver Stones Drehbuch ist unheimlich geschwätzig, dessen Verquasseltheit sich besonders im Mittelteil, dem im Verhältnis zum deutlich zu kurz kommenden Aufstieg deutlich zu lang durchexerzierten wirtschaftlichen Erfolg Tony Montanas vom im wahrsten Sinne des Wortes verarmten Tellerwäscher bemerkbar macht, sobald die Handlung in unendlichen Dialogsequenzen auf der Stelle tritt, Klischees nachplappert, aber nicht so recht vorankommt. Die inszenatorische Verspieltheit De Palmas wird hauptsächlich in diesen Durststrecken nie ganz hochgefahren. "Scarface" ist nichtsdestotrotz ein guter, wuchtiger Film, dem allerdings nicht das zusteht, was ihm viele hosenheruntergezogene Halbwüchsige nachzusagen liebäugeln.

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            • 4

              Aufstieg und Fall eines kubanischen Flüchtlings in Miami, der sich die unbegrenzten (Karriere)Freiheiten der USA zu eigen macht und vom buchstäblichen Tellerwäscher zum Gangstermillionär hocharbeitet. Brian De Palma hat hier das Drehbuch von Hollywoods seinerzeit größter Koksnase Oliver Stone verfilmt, der "Scarface" als Satire auf den American Dream und das aufsteigende Yuppietum anzulegen schien. In einem Meer aus Vulgarismen, Drogen und Gewalt installiert sich Tony Montana sein eigenes Luftschloss in einer unsichtbaren Parallelgesellschaft: "The World Is Yours". Eine Gegenstimme verleiht der Film Michelle Pfeiffer, die als Sprachrohr des Publikums die Selbstüberschätzung und Absurdität der von Al Pacino nahezu unerträglich gespielten Titelfigur kommentiert, irgendwann aber auch einfach sang- und klanglos aus der Handlung verschwindet (an Frauen ist Stone sowieso noch weniger interessiert als De Palma). Seltsam, dass "Scarface" in jenen Zirkeln zum unangefochtenen Klassiker mutierte, deren Abgrund er so übersteuert zu skizzieren scheint. Das mag daran liegen, dass der Film – trotzdem er keine Zweifel an der Verachtung seiner Figuren und deren Handlungen lässt – die eigene Coolness und Ästhetik genüsslich auskostet. Tony Montana ist zwar wahnsinnig, aber es ist ein Wahnsinn, der einem doch ein "genial" abzugewinnen versucht. Der Film ist fasziniert von dieser Figur, und am Ende eines Ballerfinales (balla balla) ist er auch versucht sie zu heroisieren. Da verwundert es nicht, dass man "Scarface" geschätzte fünf Millionen Hip-Hop-Musikvideos zu verdanken hat, in denen sich die Prollkultur mit Goldkettchen und Fuffies im Club selbst feiert. Ohne "Scarface" gäbe es wohl keine Gangsterrapper, kein Grand Theft Auto und kein Tony-Montana-Poster in meiner Stammpizzabude. Ich möchte vorsichtig gestehen: Ein absolut verzichtbares Erbe.

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              • 8

                Warum die Uncut-Fassung immer noch auf dem Index ist, bleibt mir ein Rätsel. Eine SPIO- bzw. FSK 18-Plakette wäre ausreichend. So läuft „Scarface“ nur als despotisch zensierte Fassung im TV, mit schlechten Zooms und Schnitten, die teils grobe Logiklöcher zur folge haben. So schändet man einen Klassiker.

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                • 3

                  Mittlerweile zum dritten Mal gesehen, immer in der stillen Hoffnung, die allgemeine Begeisterung und der Kultfaktor möge sich doch auf mich übertragen - aber nix da. In der Quintessenz ist "Scarface" nichts anderes als filmgewordener Bushido-Quark a la "Vom Bordstein zur Skyline und zurück."
                  Keine Frage, "Scarface" beginnt relativ stark, hat zwischendrin immer mal wieder seine Szenen und ein paar klischeetriefende, aber passende Oneliner zu bieten, aber dazwischen...ja dazwischen erstickt er fast an seiner Behäbigkeit und einem unendlich großen Vakuum was Handlung, Spannung sowie ähnliche essentialia angeht - kurzum: nach 90 von unbeschreiblich langen 162 Minuten ertappte ich mich doch dabei, nebenher meine DVD´s neu zu sortieren und Strichliste über die Variationen von "fuck" in den Dialogen zu führen.
                  Und ja: Pacino ist gut, mich nervt er aber trotzdem durch seine cholerische Art und sorgt dafür, dass es im gesamten Film keinen einzigen Sympathieträger gibt.

                  Kann/soll/muss man sich wohl mal angesehen haben, weil schon irgendwie wichtig für die Popkultur und so, aber meins ist es nicht.

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                  • 7 .5

                    Spannend, blutig und in trashigem Ambiente der frühen 80er erzählt der Film die Lebensgeschichte des Tony Montana. Die etwas andere Mafia-Geschichte, die mehr von Pacinos nervöser Aggression lebt als von der gediegenen La Familia-Atmosphäre der Pate-Streifen. Montana ist natürlich ein unsympathischer Psychopath, der aber dennoch eine gewisse Faszination besitzt. Ein Blue-Collar-Mobster, dessen protzige Zuhälter-Attitüde ganz schön anstrengend ist. Pacino bekommt zwar den cubanischen Akzent nicht wirklich überzeugend hin und varriert hier nur sein bekannten Figuren, ist aber dennoch von ungeheurer Präsenz. Die Kameraarbeit und die grandiosen Sets sind alleine das Anschauen des Films wert.

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