Seefeuer - Kritik

Fuocoammare / AT: Fire at Sea; Oltre Lampedusa

FR/IT · 2016 · Laufzeit 108 Minuten · FSK 12 · Dokumentarfilm · Kinostart
Du
  • 5

    [...] Das Konzept von Gianfranco Rosi (Das andere Rom) mutet schon zu Beginn merkwürdig an. Obwohl er auf sehr dokumentarische, fast schon hyperrealistische Bilder setzt und dadurch einen Anschein von Echtheit suggeriert, agieren die Figuren, allen voran der 12-jährige Samuele mit einer kruden Mischung aus aufdringlicher Symbolik und gestellter Natürlichkeit. Der Regisseur scheint formal darauf zu beharren den Alltag der Mittelmeerinsel Lampedusa einzufangen, aber was die Charaktere tun und sagen stammt eindeutig aus einem Drehbuch. Dadurch entsteht eine Kluft, die niemals zusammenfindet, eine Divergenz zwischen Absicht und Wirkung. Mittendrin finden sich dann doch immer wieder wirkungsvolle Bilder, welche uns das grausige Schicksal der unzähligen namen- und gesichtslosen Flüchtlinge eindringlich vor Augen führt. Doch auch die wollen nicht wirklich zum restlichen Film passen, was Seefeuer fast wie ein Stückwerk erscheinen lässt. Ja, die Aussage dahinter stimmt und auch Preise lassen sich damit offensichtlich leicht gewinnen, doch in wenigen Jahren wird den Film keiner mehr im Gedächtnis haben. [...]

    5
    • 7

      [...] “Lampedusa”, ein Wort, das heutzutage nur noch auf seine Funktion als Auffangort für Flüchtlinge reduziert wird. Wir sind darauf konditioniert beim Wort “Lampedusa” an Flüchtlinge zu denken. Und trotzdem ist Lampedusa in erster Linie einfach eine italienische Insel im Mittelmeer. Das will uns Gianfranco Rosi auch zeigen. Er zeigt einen kleinen Jungen, Samuele, wie er auf der Insel aufwächst, mit seiner Zwille auf Kakteen schießt und zum Augenarzt geht. Und doch ist Lampedusa eben für alle Zeit nicht mehr einfach eine Insel. Dieser Ort ist eben längst fester Teil eines Diskurses geworden und auch das zeigt uns “Seefeuer”. Eindringliche Bilder von Flüchtlingen. Wir sehen lebene Flüchtlinge, die fast schon mit industrieller Routine abgefertigt werden und die Tore nach Europa passieren dürfen. Wir sehen auch tote Flüchtlinge. Wir sehen spektakuläre Rettungsaktionen, mit einer Kamera auf einem Motorboot, mitten im Getümmel. Hier hat dieser ansonsten eher ruhige, wenig reißerische Film seinen Sensationswert. Was wir nicht sehen, sind Flüchtlinge als Individuen. [...]

      2
      • 6

        Ein denkwürdiger, Film, einer, der noch nicht zu Ende ist.

        • 8 .5

          (..) Ein Jahr verbrachte der italienische Regisseur afrikanischer Herkunft auf der kleinen italienischen Insel Lampedusa. Und wenn seinen Aufnahmen der rauen Insellandschaft und des behüteten Insellebens Bilder von Invasion, Aufständen und massenweise Toten in den Rettungsbooten gegenüber gestellt werden, macht er damit nicht nur die Gefühle der einheimischen Bevölkerung, über deren Köpfen das alles geschieht, mehr als verständlich, sondern rüttelt damit auch an den Synapsen seines Publikums: Oft bleibt nur ein Kopfschütteln. Aber Gianfranco Rosi sorgt darüber hinaus für ein Unwohlsein, für ein Aufrütteln. Mit „Fuocoammare“ ist ihm ein wichtiges, ehrliches und humanistisches Pamphlet im Sinne des Vernunftstrebens nach Immanuel Kant gelungen, die Augen zu öffnen und Helfen zu müssen. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde. Rosi kommt den direkt Betroffenen mit seiner Langzeitbeobachtungsehr nahe, gibt ihnen ein Gesicht, dem zwölfjährigen Fischersohn, dem vor Ort tätigen Arzt und auch den zahlreichen dehydrierten Flüchtlingen. Somit ist „Seefeuer“ großes, wichtiges, humanistisches Kino, tief berührend mit langer Nachwirkung, das sofort in die Lehrpläne aller weiterführenden Schülen gehört. Nicht verpassen!

          • 6 .5

            Den drängenden Fragen im Hintergrund kommt Rosi mit seinem Film nicht unbedingt näher [...]. [Barbara Schweizerhof]

            1
            • 6 .5

              [...] Rosi geht es mit seinem gespaltenen Konzept eben darum aufzuzeigen, wie sehr sich Europa mit den Katastrophen im Mittelmeer arrangiert hat, wie sehr diese zum bloßen Hintergrundrauschen verkommen sind. [Andrey Arnold]

              1
              • 6 .5

                Die Toten [...] bezeugen eine nackte Realität, von der dieser seltsam rhapsodische Film nur einen dürren Ast einfängt. [Dominik Kamalzadeh]

                1
                • 6 .5

                  Ein Film, der aufrüttelt, keine Frage. [Christiane Peitz]

                  • 7

                    Die Balance zwischen Alltag der Inselbewohner und dem Schicksal der Flüchtenden gelingt Rosi nicht ganz, die Opfer bleiben auch bei ihm namenlos, aber nicht ohne Gesicht und Geschichten. [Lars Tuncay]

                    • 6 .5

                      Es gibt keinen Kommentar, der den Blickwinkel vorgibt. Rosi lässt seine Bilder sprechen. [Lida Bach]

                      • 5 .5

                        Künstlerisch ist Fuocoammare mit Vorschusslorbeer und Trophäengold klar überschätzt. Der Film mag wichtig sein, besonders eindringlich ist er nicht geraten. [Stefan Benz]

                        • 5

                          Wirklich überzeugend ist nur die Erzählebene um Samuele, seine Freunde und Familie. [Jörg Taszman]

                          • 7 .5

                            Die Kunstfertigkeit des Films erschließt sich im nicht Gezeigten: Auch wenn sie kaum jemand sieht, sind die Flüchtlinge natürlich da. [Andreas Fischer]

                            • 8

                              Ohne belehrenden Kommentar wirken die Bilder für sich, auch auf dramatisierende Musik verzichtet der Regisseur. Die Gegenüberstellung an sich harmloser Alltagsverrichtungen der Inselbewohner mit dem Alltagsdrama der Flüchtlinge auf See wirkt nachhaltig und braucht keine künstliche Verstärkung der Dramaturgie. Wer die humanistischen und humanitären Grundlagen in seinem Inneren mit sich trägt, versteht auch so. Filmguckern ohne menschenfreundliche Gesinnung hilft auch keine plakative Inszenierung.

                              Ausführlich bei DIE NACHT DER LEBENDEN TEXTE.

                              • 7 .5

                                "(...) Rosi gelingt es, das nicht alltägliche Drama mit dem nichtdramatischen Alltag zu verknüpfen und dem Zuschauer den Blick auf Lampedusa in teils unwahrscheinlich nahen und bisweilen bestechend schönen Aufnahmen zu erweitern. Auch losgelöst von seiner aktuellen zeitgeschichtlichen Bedeutung ist die Auszeichnung bei der Berlinale somit durchaus verdient gewesen, steht Fuocoammare in gewisser Weise für sich (...)"

                                • 7

                                  Rosis Ansatz ist weit entfernt vom journalistischen Fernsehdokumentarismus. Er ist ein Filmemacher, der nichtfiktionalen Film dezidiert für die große Leinwand inszeniert. [Sven von Reden]

                                  • 7 .5

                                    "Fuocoammare zeigt schlicht die Normalität des europäischen Migrationsregimes, weitestgehend unsichtbar, unberührbar, selbst für die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen Insel." [Johannes Bluth]

                                    • 7
                                      Programmkino.de 17.03.2016, 12:00 Geändert 17.03.2016, 12:00

                                      Seefeuer mag nicht so geschlossen sein wie sein letzter Film Sacro GRA, eine sehenswerte, zutiefst humanistische Dokumentation ist Rosi jedoch in jedem Fall gelungen. [Michael Meyns]