Spartacus - Kritik

Spartacus

US · 1960 · Laufzeit 197 Minuten · FSK 16 · Historienfilm, Drama · Kinostart
Du
  • 5

    [...] Auch Kubrick musste sich mit seinem Hauptdarsteller und Produzenten arrangieren, was dem eigensinnigen Filmemacher missfiel – Spartacus blieb seine erste und einzige Auftragsarbeit für Hollywood und veranlasste ihn, spätere Werke ausschließlich mit eigener kreativer Kontrolle zu drehen. Ob sich Spartacus aufgrund der fortwährenden Einmischung Douglas‘ nicht wie ein typischer Kubrick-Film anfühlt, oder weil der Regisseur hier seinen markanten Stil noch nicht so konsequent entwickelt hatte, sei mal dahingestellt; so oder so fehlt es an Kubricks Pointiertheit, an Details, an elegischer Kameraarbeit und akribisch akzentuierter Bildgestaltung. Wie ein Historienfilm von Kubrick aussehen kann, illustriert Barry Lyndon, der Spartacus auf jedem inszenatorischen und visuellen Gebiet schlägt.

    Interessanter ist da schon Trumbos Drehbuch, das [...]

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    • 8

      Die recht frei gehaltene filmische Aufarbeitung des historisch verbürgten Sklavenaufstands steht in einer Reihe mit „Quo Vadis“ (1951), „Die zehn Gebote“ (1956) und „Ben Hur“ (1959), auch der viel spätere „Gladiator“ (2000) und mit ein paar Abstrichen „Cleopatra“ (1963) seien genannt. Das sind monumentale, epische Historien-Abenteuer, in denen man versinken kann, heute gern etwas abschätzig als alte Schinken klassifiziert, nichtsdestoweniger üppig produziert und ausgestattet und mit viel Starpower. Man kann sie auch heute noch ganz wunderbar schauen. (...) „Spartacus“ mag in den Augen von Stanley Kubrick selbst nicht ganz zu seinen Meisterwerken aufgeschlossen haben, das Epos beweist aber als Teil seiner eindrucksvollen, wenn auch vergleichsweise kurzen Filmografie die Vielseitigkeit dieses visionären Regisseurs.

      Ausführlich bei DIE NACHT DER LEBENDEN TEXTE.

      • 7

        [...] Die Zutaten stimmen, die Inszenierung weist sicher ihre Mäkel auf und macht es sich auch, gerade in Bezug auf die Darstellung der Historie, etwas zu einfach, doch „Spartacus“ weiß nach wie vor zu überzeugen. Die Geschichte des Sklaven, der zum Gladiator wird und dann zum rebellierenden Anführer der Freiheitskämpfer, ist eine spannende. Themen wie Ehre, Neubeginn, Kultur und Liebe werden mit in die Szenerie gebunden und die philosophische Essenz von „Spartacus“, nämlich die Frage nach dem Wert und der Bedeutung des Menschen, steht immer über allen Dingen. Mit der hervorragenden Schlusssequenz, weiß Kubrick den Film mit einer Tragik zu beenden, die noch einem vollends berührt und bewegt. [...]

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        • 8

          Umstrittene, zensierte, gekürzte, restaurierte, erste und letzte Auftragsarbeit Kubricks im verhassten Hollywood, der für den anhand einschneidender Querelen am Set gefeuerte Anthony Mann mit Produzent und Hauptdarsteller Kirk Douglas einsprang, um das Steuer der Regie zu übernehmen. Kubrick sah sich war zwar genötigt, seine eigene Antwort auf "Ben Hur" ähnlich einiger anderer Werke rückblickend gemischten Gefühls einzuschätzen, weil er sich nicht künstlerisch einschränkungslos verwirklichen konnte, aber nichtsdestotrotz ist "Spartacus" ein erschreckend meisterliches Beispiel über den ambitionierten Prozess gemeinschaftlichen Filmemachens. Erstmals reißt der Auteur und das Ungeheuer Kubrick nicht vollständig die Produktion einfach an sich, sondern ist gezwungen, in Gesellschaft Seite an Seite zu arbeiten, Seite an Seite abhängig zu sein, Seite an Seite in die Annalen der Filmschreibung einzugehen. "Spartacus" ist demnach nicht weniger als das Ergebnis von vielen talentierten Leuten ungebrochener Kreativität, und nicht per se dem alleinigen Namen des Regisseurs zuzuschreiben.

          Allzu einseitig veranlagte Zuschauer, das sind diejenigen dennoch, welche darauf beharren, Kubricks prägnante Bildsprache fehle hier aufgrund des kolportierten Studiozwists vollständig, denn sie irren. "Spartacus" geht, ganz wie es sich für ein Sandalenepos gehört, zweifellos in die mehrschichtig-inszenatorische Breite denn in die einschichtige Kürze, ist damit kaum stringent oder direkt, mehr ausschweifend, und zerbröselt in viele, kleinere Erzählebenen, also eher Kubrick-untypisch, aber allein die schachbrettmusterartige Geometrie der akribisch dirigierten Montagen in den Massenszenen und die unterkühlte Architektur eines menschlich unterkühlten Mikrokosmos der Stadt aller Städte, Rom: das ist Kubrick. Gefärbt von allegorisch stark aufgeladenen Farben des Stammkameramanns von Melodramatiker Douglas Sirk höchstselbst, Russel Metty, von blutrot am Horizont über weinrot im Becher zu abgewirtschaftetem Gelb im tristen Sklavenverließ – "Spartacus" erstrahlt vor lyrischer Erhabenheit und erhabener Poesie, ein hauchzartes Drama, eingebettet in einen nach dem berauschendsten Breitbild strebenden Monumentalfilm, die Liebeserklärung an ein mit der Kamera eingerahmtes Gemälde: auch das ist Kubrick.

          "Monumental", überdies ein adäquater Begriff zur Beschreibung der Dimensionen eines große Töne spuckenden Ausstattungsmanifests. Monumental ist alles an "Spartacus": Requisiten, Kostüme, Besetzung, Statistenanzahl, Spielfilmlänge, die opernhafte Untergliederung in Ouvertüre und Intermission, zu alledem komponierte Alex North das vielleicht wunderschönste Liebesthema aller Zeiten, den vielleicht schmerzlichsten zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit unentschieden wankenden und doch so feinfühligsten Score, der je das Licht des zeitgenössischen Monumentalfilms erblicken durfte. "Spartacus" belebte seinen Ruf des Jahrzehnte überdauernden Denkmals erst, als die organisatorischen Voraussetzungen gegeben waren. Monumental aber auch die universelle Quintessenz, eine existenzielle Sinnsuche über alles und jeden, Individuum und Gesellschaft, Hülle und Fassade, Zerfall durch scheiternde Menschlichkeit und Ausbruch durch Ungerechtigkeit aus einem menschenfeindlichen Raum. Schulter an Schulter erheben sich ehemalige Leibeigene zu Giganten aus dem Sand empor und träumen eine Utopie der Freiheit und der Würde, es sind die unsterblichen Themen des Kinos, die des Stanley Kubrick.

          Einen ebenso beachtlich tiefgreifenden wie thematisch in divergierende Richtungen zielenden Subtext zieht "Spartacus" darüber hinaus hinter sich her. Die Lesearten politischer, emotional-sexueller wie satirischer Natur sind in ihrer ungewöhnlichen Bandbreite bewundernswert und nicht alltäglich. Politisch staffiert Kubrick das sich hinterrücks intrigierende und gänzlich durchtriebene Dreiecksgespann einer in dekadenten Lustspielen und skrupellosen Allmachtsphantasien badenden Regierung aus, in dem er Spartacus (fiktiv, aber herausragend: Kirk Douglas) in die Mitte zwischen zwei römischen Volkstribunen, zwischen zwei diametralen Meinungen der Zukunft Roms platziert, von denen der Eine die Diktatur zwar will, aber Rom nicht "vergewaltigen" kann, weil er wohl auch mit der Stadt "verheiratet" ist (kaltschnäuzig: Charles Laughton), der Andere keine Diktatur zulassen kann, aber in einem Akt der Barmherzigkeit Spartacus' Geliebte mit ihrem neugeborenen Kind heimlich aus der Stadt schmuggeln will (pummelig: Laurence Olivier). Cracchus (Laughton) ist de facto der Böse und bleibt der Böse, Crassus (Olivier) ist der Böse und wird zum Guten. Dazwischen kommentiert Kubrick in sarkastischem Spot Roms oft hilflos handelnde Elite, die nicht weiß, was für eine Rolle sie in ihrer bewundernswerten Stadt vorzufinden gedenkt, außer, dass Rom, die Mauern, die Idee, das Symbol, das Lebenselixier mehr als das in ihr wohnende Menschsein zählt, es vielmehr ausnutzt, um Überleben zu sichern, Roms Überleben, nicht das der Menschen. Wer sich auflehnt, wird gekreuzigt. Ein politisches Wechselbad der inneren Zerrissenheit, Hass und Bewunderung halten sich im Diskurs für Spartacus die Waage, je nach Einstellung, Überzeugung.

          Die Zweisamkeit Spartacus' mit Varinia (glänzender Lichtblick inmitten der Dunkelheit: Jean Simmons) gehören überdies zu den wahrhaftigsten Momenten des Films. Sie liegen da, räkeln sich, liegen aufeinander, auf der Wiese, neben dem Wasser, der sexuell unerfahrene Spartacus, der sich an seine Liebe schmiegt, an die Brust einer emanzipierten Frau vor dem Hintergrund betörender Urlaubsidyllen, während er die Welt erforschen, verstehen, begreifen will, das, was die Welt im Innersten zusammenhält, während er wissen will, von den unerklärlichen Dingen da draußen, woher der Wind kommt, warum die Sonne auf- und untergeht, nichts als wissen. Spartacus, ein vorsichtiger Träumer, Humanist und Philosoph wie die befreiten Sklaven seiner Armee, im steten Wissen, dass der Traum der Freiheit niemals in Erfüllung gehen kann, dass die Utopie eine geträumte bleibt, auch wenn die Sklaven auf dem Schlachtfeld nur siegen können. Kubrick erstickt in rein-reinigender Intimität theatralischer Sinnlichkeit, selten zuvor gesehen. Wunderbar ist das! Und so berührend.

          Inwiefern Liebe, Leidenschaft und Nähe ins perverse Gegenteil verkehrt und instrumentalisiert werden, zeigt Kubrick allerdings auch, wenn unterschwelliger Sex in die Nähe von offener Gewalt gerückt wird – einmal mehr ein recyceltes Kubrick-Thema seines eigenen filmschöpferischen Kreislaufes (im "Tiger von New York" lanciert, in "Uhrwerk Orange" perfektioniert). Es obliegt in diesem Film obskurerweise aufgetakelt geschminkten Frauen, Gladiatoren für einen Kampf um Leben und Tod auszuwählen. Doch: Derjenige kämpft, wer den schönsten Körper hat, derjenige tritt an, wer gut aussieht, wer gefällt, wessen Körper am erotischsten in der prallen Sonne aus allen Poren schwitzt und glitzert, später heißt es dann infolge dieser Schau durchtrainierten Fleisches, dass die Männer nur das tragen sollen, was unbedingt nötig erscheint, unter gackerndem Gelächter. Hinzu kommt die früher herausgeschnittene und wieder neu hineingeschnittene Szene, in der Cracchus von seinem Sklaven Antoninus (dichterischer Zeitvertreib: Tony Curtis) gebadet wird und schließlich im Rahmen eines kulinarischen Gesprächs über Schnecken und Austern entgegnet, dass er gern Schnecken und Austern esse, um Antoninus, so scheint es, indirekt zu verführen. "Spartacus", eine homoerotisch konnotierte Satire, auch das ist im Raum-Zeit-Gefüge eines großen Filmhelden möglich.

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          • 8 .5

            [...] Der Vergleich mit dem nur ein Jahr zuvor erschienenen „Ben Hur“ ist unumgänglich. Hierzu lässt sich sagen: „Spartacus“ hat nicht ganz so teure Mittel wie „Ben Hur“, aber traut sich mehr, ist expliziter, erzählt seine Geschichte geradliniger, wirkt glaubhafter und somit auch berührender. Es heißt, Douglas sei darüber enttäuscht gewesen, die Rolle des Ben-Hur nicht bekommen zu haben und machte daraufhin sein eigenes Epos. Beeindruckend, dass vor so einem Hintergrund ein Film entsteht, der den großen „Ben Hur“ in so manchen Belangen in die Tasche steckt. [...]

            • 8

              Als "notwendiges Übel", so bezeichnete der 1999 gestorbene Filmemacher Stanley Kubrick seinen "Spartacus", der bis heute mit Fug und Recht als einer der Bedeutendsten seines Genres gelten darf. Doch war es dem kommerziellen Erfolg eben jenes Monumentalwerkes zu verdanken, dass er sich als Regisseur etablieren und fortan seine eigenen cineastischen Visionen verwirklichen konnte.