Spiel mir das Lied vom Tod - Kritik

C'era una volta il West / AT: Once Upon a Time in the West

IT/US · 1968 · Laufzeit 165 Minuten · FSK 16 · Western · Kinostart
Du
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    Drei finstere Gestalten vom durchtriebenen Schlag okkupieren eine entlegene Bahnhofsstation. Der Schaffner wird kurzerhand in einen Wandschrank gesperrt – und damit verstummt auch für die nächsten 10 Minuten das letzte gesprochene Wort. Von dort an scheinen nur noch Blicke und Geräusche das Szenario zu bestimmen: Die Schritte, die die maroden Dielen zum Keuchen bringen, das beharrliche Knarren des Windrades am Wasserturm, die Wassertropfen, die den Filzhut benässen und sich in dessen Inneren zu einer trinkbaren Pfütze ansammeln, der aufgeregte Flügelschlag einer Fliege, die im Lauf eines Colts in Gefangenschaft geraten ist. Es handelt sich um die Exposition von Spiel mir das Lied vom Tod, und gleichwohl handelt es sich um einen Auftakt, der akkurat verweist, in welche Richtung sich Sergio Leones nunmehr vierter Western bewegen wird: In die Ewigkeit und weit darüber hinaus.

    Es ist die diffuse Ruhe vor dem Sturm, die Spiel mir das Lied vom Tod nicht nur zu Anfang, sondern beinahe durchweg katalysiert: Gewalt, die nur auf ihre ultimative Eruption lauert, steht in der Luft und ergibt mit der sengenden Hitze der Wüstensonne eine ganz und gar explosive Mischung. Anspannung macht sich breit und Sergio Leone (Todesmelodie) scheint sie zu analysieren, die Landschaften in den Gesichtern der Charaktere: Immer wieder, es ist eines der ikonischen Markenzeichen, mit denen sich der italienische Regisseur wohlverdient brüsten darf, schaltet der Film in das Close Up, verfolgt die Schweißtropfen, die verstärkt durch das Gestrüpp an Bartstoppeln rinnen und liest und deutet, was im Antlitz der involvierten Parteien zu entdecken ist; was die Augen artikulieren, weil der Mund es nie zu sagen wagte.

    Eigentlich hatte Sergio Leone nach dem enormen Erfolg seiner „Dollar"-Trilogie die Nase voll, sich mit weiteren Auswüchsen des Mythos 'Wilder Westen' weitergehend auseinanderzusetzen; eigentlich wollte Leone bereits 1967 mit der Arbeit an Es war einmal in Amerika beginnen – und eigentlich, das hat die Filmgeschichte nun bereits zuhauf bewiesen, entstehen nicht selten die ganz großen Meisterwerke aus den Projekten, die man eigentlich gar nicht realisieren wollte. Monatelang jedenfalls brüteten Autoritäten wie Bernardo Bertolucci (Die letzte Tango in Paris) und Dario Argento (Profondo Rosso) zusammen mit Leone über dem Drehbuch zum Film. Monatelang lag man sich in den Haaren darüber, dass man einen zu verkopften Weg nicht einschlagen dürfe, was natürlich auf den Ansichten Leones basierte, der sich seit jeher als ein rein 'bauchiger' Filmemacher bezeichnet und den finalen Feinschliff schließlich Sergio Donati überließ, der auch schon das Skript von Zwei glorreiche Halunken überarbeitete.

    Damit waren sodann auch die künstlerische Bahnen etabliert und gepflastert: Die Studiobosse zeigten sich wohl gestimmt, Sergio Leone hatte neue Motivation getankt und wurde am Set zu einem wahren Eiferer und auch Henry Fonda (Der falsche Mann), Leones größter Wunsch im Schauspielensemble, konnte engagiert werden - und die Rolle des Bösewichts Frank spielen, der seinem eigentlichen Rollentypus quasi diametral gegenüberstand. In der ersten Szene sieht man Frank dabei zu, wie er dem fragwürdigen Vergnügen frönt, ein Kind zu töten: Die Kinogänger von damals jedenfalls konnten es nicht fassen, dass die reingewaschenen, blauen Augen des Henry Fonda nicht mehr länger für den ehrenhaften American Way of Life einstanden, sondern von Niedertracht und Raffgier erfüllt schienen. Zweifelsohne ist Henry Fonda hier wohl einer der prägnantesten Antagonisten, die das Genre (vielleicht auch die gesamte Filmgeschichte?) je zu Gesicht bekommen hat.

    Man könnte Spiel mir das Lied vom Tod nachsagen, es würde, wie unzählige andere Western in jenen Tagen, das Motiv der alttestamentarischen Rache bemühen. Rache ist hier jedoch kein Mittel zur (Selbst-)Befriedigung, kein Akt der Gerechtigkeit, stattdessen erklärt Sergio Leone Mundharmonika (Charles Bronson, Ein Mann sieht rot) und seinen unbändigen Durst nach Vergeltung zu einem traumatisierten Komplex, der mit vergifteter Seele auf der Suche nach Frank ist, in Wahrheit aber doch nicht der Rache selbst Ventil verleihen möchte, sondern sich auch auf einem Pfad befindet, auf dem er sich Absolution für sein Dasein wünscht. Die Pistollerios und Gunfighter sind nicht mehr länger die Helden der ewigen Weiten; sie sind Relikte, die von der Erschließung des Wilden Westen, vom Bau der Eisenbahn und deren daraus resultierenden transkontinentalen Verbindungen verschlungen werden – und Spiel mir das Lied vom Tod ist ihr Schwanengesang.

    Beeindruckend ist jedoch nach wie vor, mit welcher Schaffenslust und Tatendrang Leone Spiel mir das Lied vom Tod inszeniert hat und dabei jedes Teilchen auf das andere abstimmte: Die audiovisuelle Brillanz, an der sich der Film zuvorderst labt, ist ein Paradebeispiel dafür, wie es aussieht, einen Film bis ins kleinste Detail zur filigranen Komposition zu erheben. Ennio Morricones hymnisch-energische, aber auch voller existentieller Schwere signierte Musik strukturiert das Geschehen, vitalisiert es regelrecht, exakt aufeinander abgestimmte Bewegungsabläufe innerhalb der memorablen Techniscope-Bildwelten sprechen die Sprache einer exzessiven Choreographie – ohne krampfhaft zu wirken. Spiel mir das Lied vom Tod ist eine formvollendete Oper der Gewalt, eine Arie, eine Ballade und jede Szene scheint von überzeitlicher, mystischer Erhabenheit. Kein Wunder, dass dieses Werk Generation um Generation begleitet, prägt und immer beeinflussen wird.

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    • 9

      [...] [D]em Film liegt ein tiefes Geheimnis zugrunde, warum dieses Manifest des Italo-Westerns einfach nicht langweilig wird, Generationen für Generationen begeistert und ihm eine zeitlose Coolness inhärent ist, die obwohl er zu den meist zitiertesten Werken der Filmgeschichte gehört, einfach nicht zu einer unfreiwillig komischen Western-Klamotte werden lässt. “Spiel mir das Lied vom Tod” ist für mich der zelluloidgewordene Beweis, das ein Genre-Film sich qualitativ nicht durch eine Aufstapelung von Genre-Eigentümlichkeiten abhebt, sondern diese immer noch Tragmedium einer epischen, zeitlosen Geschichte sein können — und müssen, wenn sich der Film über sein Genre hinaus als all-time-classic verstehen will. [...] Leones gewaltige Rache-Imperialismus-Geschichte von opernhafter Größe ist ein Kunstwerk, das zeigt, zu was der Film erzählerisch wie stilistisch fähig ist. Einer der größten jemals geschaffenen Werke dieser Kunst, der Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Es war einmal im Westen … Als Sergio Leone sein Opus Magnum schuf.

      • 7

        Der Score von Morricone ist nach wie vor ein unfassbares Meisterwerk, Leone noch heute ungeheuer modern und mit einem ausgeprägten Gespür für die Ästhetik und die Motive seines Genres vorgehend. Trockener und erhabener jedenfalls haben Gebirgs-durchwachsende Prärie-Landschaften im Film nie ausgesehen. Und bis zum Ende ist diese große Oper, dieses hitzige, Ironie-freie Western-Epos so erbarmungslos und konsequent vorgetragen, dass es einem den Magen zuschnürt. Wenn Leone den Moment zelebriert, die direkte Konfrontation zweier blauäugiger Ikonen etwa und Morricone's Todesmelodie in verzerrten Gitarrenklängen über uns hineinbricht, lässt er keinen Zweifel an der Unsterblichkeit seines Filmes bestehen. Abseits dieser Handlungs-unabhängigen Höhepunkte entwickelt „Spiel mir das Lied vom Tod“ aber kaum Dramatik. Die Figuren bleiben unangetastete Ikonen, die Zeit gerinnt. Es ist eben eine harte Welt für harte Kerle. Platz für echte Menschen gibt es in diesem langen, viel zu langen Selbstzitat nicht; nur Mimik-erstarrte Typen mit Knarren und ein Weib, das nichts zu sagen hat. Ein Leben ist hier sowieso nichts wert und jeder ist sterblich. Diese Melodie aber, die wird die Zeit überdauern; bis auch der letzte Dreckssack Blei-durchbohrt zu Boden gegangen ist.

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          Handlung und Figuren sind hier geradezu irrelevant, da beide zusammengesetzt sind aus dem großen Fundus narrativer und charakterlicher Versatzstücke des Westerngenres. Lange bevor Quentin Tarantino auf die Idee kam, in seinen Filmen nur andere Filme zu zitieren, und nicht realitätsnahe Charaktere zu betrachten, spielte Leone schon mit den Standardsituationen und Topoi des Westerngenres herum, um diese dramatisch zu überzeichnen und gleichzeitig weit „authentischer“ zu zeigen: der Wilde Westen war nie so dreckig und wirkte selten so plastisch greifbar wie bei Leone. Das Maß der Abstraktion dabei ist aber leider oft dermaßen groß, daß das brutale Schicksal der Figuren einen nicht unbedingt bewegt, da viele der Szenen, speziell in der schleppenden Mitte des Films keine narrative Dramatik entwickeln. Dieses Problem ist nicht neu für Leone, der schon in der Dollars-Trilogie versuchte den schwierigen Grad zwischen Stilisierung und narrativer und charakterlicher Substanz zu finden: während Für eine Handvoll Dollar (1964) eine sehr stringente, kompakte Handlung mit einigen fulminanten Pistolenduell-Choreographien verknüpfte, und Zwei glorreiche Halunken (1965) drei faszinierende Protagonisten in einer konfusen Handlung mitsamt unnötigem Historienballast strandete, aber mit einem schier famosen Finale aufwartete, vermochte bloß Für ein paar Dollar mehr (1964) die Symbiose aus ansprechenden Figuren, spannender Handlung und dienlicher Actionchoreographie perfekt zu verbinden. Spiel mir das Lied vom Tod ist vielmehr eine wunderbare Symphonie aus Western-Motiven, -Bildern, Figuren, -Tönen, die eine leidlich interessante Geschichte mit allzu viel Leerlauf erzählt, dabei aber immer wieder mit ganz großen Momenten zu entschädigen weiß, die auch aus dem Kontext gerissen zu begeistern wissen.

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          • 10

            In Spiel mir das Lied vom Tod fügt Sergio Leone wesentliche Grundmotive des klassischen Westerns zu einem bis ins Detail stilisierten Epos zusammen, dessen Bildgewalt unterstrichen von Ennio Morricones Score, welcher zielgenau Emotionen zwischen Rührung und nervenzermürbender Spannung ansteuert, zu einem multiplen, cineastischen Orgasmus anschwillt. Mir genügen wenige Noten, um von Gänsehaut geschüttelt Bilder vor meinem inneren Auge ablaufen zu sehen. Kino pur.

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            • 10

              Es fällt mir wie immer schwer eine Rangordnung in Leones Gesamtwerk zu bringen, Spiel mir das Lied vom Tod ist aber mit Sicherheit der (dr)eckigste und raueste seiner Filme und hat deshalb seinen ganz eigenen Charme.

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                Nach THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY, meinem allerersten Leone-Film, war ich gespannt, was mir dieser Regie-Virtuose wohl diesmal servieren würde. Ich versprach mir sehr viel: eine 9.2er-Vorhersage, mein gewecktes und totgeglaubtes Interesse an Italo-Western und die Aussage, ONCE UPON A TIME IN THE WEST sei der beste Italo-Western, den es gibt, sollten feinste Western-Unterhaltung mit herausragenden Schauspielern, unverwechselbaren Charakteren, einem kongenialen Score von Ennio Morricone, unvergleichlichen Kamerafahrten und -einstellungen, sowie einer spannenden und interessanten Geschichte garantieren. Und ich wurde nicht enttäuscht:
                ONCE UPON A TIME IN THE WEST gleicht, aufgrund seiner Länge, seiner Erzählweise und seiner Geschichte, schon fast einer modernen Oper. Sergio Leone inszeniert im ersten Teil seiner "Amerika-Trilogie" packende Duelle zwischen Revolverhelden, die damals noch ein Gefühl der Ehre hatten und sich nicht sofort erschossen, sobald einer von ihnen dem anderen den Rücken zukehrte, gepaart mit einer intelligenten Rache-Geschichte, die genügend Nebenplots bietet, um trotz seiner beachtlichen Länge von 160 Minuten nicht auch nur den Hauch von Langeweile aufkommen zu lassen. Ja, ich fühlte mich bei ONCE UPON A TIME IN THE WEST grandios unterhalten, was wohl auch daran lag, das ich einen gewissen Teil der Zeit eher die fantastischen Kamerafahrten und (erstaunlich hochaufgelösten) Bilder genoss, als mich allzu groß auf die spannende, ruhig erzählte Handlung zu konzentrieren.
                Er ist gänzlich anders als Sergio Leone's vorheriger Film THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY; in weiten Teilen todernst und oftmals gar nicht so zynisch, wie es beim dritten Teil der "Dollar-Trilogie" der Fall war, auch wenn ich mich momentan für keinen der beiden Filme entscheiden könnte, da beide das Geschichtenerzählen so brilliant zelebrieren und mich fantastisch zu unterhalten wussten. Ohne die meisterhafte Filmmusik Ennio Morricone's wären übrigens beide Filme nur noch halb so großartig und sehenswert, da wohl nur er es als ehemaliger Schulkamerad des Regisseurs und famoser Komponist versteht, Leone's staubig-trockene und doch farbenreiche Bilder mit seiner wundervollen Musik richtig zu untermalen. Wer kennt sie heute schließlich nicht, die weltberühmte Melodie, die "Harmonica" ständig auf seiner Mundharmonika spielt?
                Sämtliche Charaktere sind zudem unvergesslich und wirken absolut authentisch, was nicht an ihren Hintergrundgeschichte oder ihrer Vergangheit liegt, sondern vielmehr daran, dass sie mit dem, was sie während des Films tun, im Gedächtnis bleiben: der kaltschnäuzige, grausame Frank (Henry Fonda), der aus dem Gefängnis ausgebrochene, irgendwie grundsympathische Verbrecher Cheyenne (Jason Robards), die bildhübsche Witwe Jill McBain (Claudia Cardinale) oder eben "Harmonica" (genial: Charles Bronson); über alle erfährt man so gut wie gar nichts und doch fasziniert einen jeder einzelne bis zum Schluss. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, obwohl viele von ihnen am Ende sterben, dass sie auch nach dem Abspann noch weiterleben. Ein schönes Gefühl; und ein ebenso schöner Film, der zurecht als Meilenstein der Filmgeschichte gezählt wird.

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                • 9

                  Sensationeller Italowestern mit Wahnsinnsschauspielern, Wahnsinnssoundtrack, Wahnsinnskinoerlebnis. So muß Kino sein!!!

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