Stein der Geduld - Kritik

Syngué Sabour

AF/GB/DE/FR · 2012 · Laufzeit 103 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
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    RobertTerwilliger 22.01.2018, 22:10 Geändert 27.01.2018, 11:44

    Eine junge Paschtunin in Afghanistan muss sich um ihren wesentlich älteren, sich im Koma befindlichen Ehemann kümmern, der auch ein Kämpfer der afghanischen Mudschahedin, und somit des sogenannten Dschihad ist. Seine Kumpane unter den Gotteskriegern haben in dem Dorf das Machtgefüge inne, so dass sie sich nicht ohne komplette Vollverschleierung aus dem Haus wagen kann, ohne in ernsthafter Lebensgefahr zu schweben. Sie ist somit gefangen in einem äußeren, wie inneren Gefängnis der Angst in einer streng patriarchalisch-theokratischen Gesellschaft. In der Erwartung, dass ihr Mann wohl nicht mehr aus dem Koma erwachen wird und dennoch nicht stirbt, vertraut sie ihm ihr individuelles Leid, ihre Sehnsüchte und Ängste mit. Ihr Mann dient ihr als "Stein der Geduld" der paschtunischen Mythologie. Das ihr Mann auch genau jenes Unterdrückungsmodell in seiner extremsten Form datsellt, ist da Widerspruch, wie Tragik zugleich. Den niemand anders hört ja zu, was wohl auch das eigentliche Problem ist. "Stein der Gedult" ist ein tragischer, aber auch sehr kraftvoller Film, der verdeutlicht dass trotz allem Kulturrelatvismus der westlichen Gesellschaft, aufzeigt, dass gerade die barbarischsten Riten auch in der alten Welt zu finden sind.

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      dreamtraveller 09.03.2016, 21:47 Geändert 09.03.2016, 22:05

      Passend zum internationalen Tag der Frau, führte ich mir gestern "Stein der Geduld" zu Gemüte. Ich hatte diesen Film enorm lange hinausgezögert. Ich hatte Angst, ja beinahe Panik, dass ich mich beim Schauen eines Films mit diesem Titel vor Geduld/Langeweile in Stein verwandle...
      Weit gefehlt! Es passiert zwar nicht sehr viel, aber die hier erzählte dramatische Geschichte berührt und fesselt zugleich. Ein wichtiger Film und eine wahre Ode an die Frau - Die Frau, die leider in vielen Teilen der Welt noch unterdrückt und in einem unsichtbaren Gefängnis gegangen gehalten wird. Eine klare Empfehlung!

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        brucelee76 22.10.2015, 19:26 Geändert 22.10.2015, 19:33

        Hi Leute,

        der Schöpfer hat sich nicht umsonst die Frau ausgedacht. Dieses schon seit Antiken Zeiten eine Gefühls schwankende und mysteriöse Göttin, sie schenkt nicht nur Leben sondern hält auch den ganzen Laden hier auf Erden in Betrieb.
        Das Gegenpol ist das männliche Prinzip. Er nutzt seine körperliche Dominanz, Entschlossenheit und Machtanstrebungen, und setzt diese in Normen um, um Frauen in fast allen Teilen dieser Erde, zu benachteiligen.

        Ort der Tragödie ist das kriegsgebeutelte Alt-Persien in Afghanistan, das
        für die seelische und körperliche Unterdrückung einer Frau, die als Sinnbild für alle Weiblichen Wesen steht, die nicht auf ihre natürliche Weise ihre Lebens-Bedürfnisse ausleben dürfen.

        #leichte Spoiler und harte Wortwahl meinerseits#
        Ein Dorf steht unter Beschuss. Eine wunderschöne und sinnliche junge Frau kümmert sich um ihren viel älteren Mann, der im Wachkoma liegt. Einer alten Weisheit nach, erzählt die auf sich alleine gestellte junge Mutter zweier Töchter, ihr ganzes Seelen-Leid, ihre Sehnsüchte, ihre Wünsche und ihre tiefsten Geheimnisse im Monolog ihrem Ehemann. In der Hoffnung das ihr Ehemann aufwacht und sie dann endlich versteht ... . Zur Sicherheit trägt die Frau immer einen Dolch Griffs bereit mit sich.

        Das während dieser Zeit, aus Sicht des schlafendes Ehemannes alles Böse herauf beschwört wird, stört das der weilen der jungen Frau überhaupt nicht, da sie das erste mal so etwas wie Selbstbestimmung in einer Männer-Dominierenden Gesellschaft aus leben kann. Auch ihre Beziehung zu einem stotternden Krieger, der zum Stamm-Freier avanciert und Man(n) neben bei Einblicke in die Welt gläubiger Machos gewährt bekommt. Und zwar "ist es eine Sünde, Huren zu ficken, da ihr Loch schon von tausenden Schwänzen beschmutz worden ist." Dagegen sind Jungfrauen und ehrbare Frauen gern gesehene Sex-Eroberungs-Trophäen.

        Mein Fazit: Herr Rahimi schafft ein leises und geniales Meisterwerk, deren weibliche Ausdruckskraft unendliche Ungerechtigkeit, schonungslos und mutig aufdeckt.

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          8martin 22.10.2015, 12:27 Geändert 22.10.2015, 12:27

          Der lyrische Titel ist ein erster Hinweis zur Deutung des Films. Ein Frauendrama aus dem vom Krieg heimgesuchten Afghanistans. Eine junge Frau () legt am Krankenbett ihres viel älteren Ehemanns, der im Koma liegt, eine Lebensbeichte ab. Allein schon die Tatsache, dass sie redet, ist schon revolutionär. Normalerweise schweigen die Frauen hier. Zwischendurch rollen Panzer vorbei, MG Salven sind zu hören, das Ergebnis eines Massakers im Hof. Die Taliban vergewaltigen die Mutter von zwei Kindern. Beim nächsten Mal gibt sie sich als Hure aus und wird verschont. Wir erfahren auch warum. Dann wird ein stotternder, junger Taliban ihr Stammfreier. Jetzt hat sie Geld. Und immer wieder beichtet sie ihrem komatösen Ehemann ihre intimsten Geheimnisse z.B. aus ihrer Kindheit. Ihre Geständnisse werden immer intimer: z.B. das Blut als Beweis ihrer Unschuld nach der Hochzeitsnacht oder woher die beiden Töchter sind.
          Der Ehemann (Hamidreza Javdan) erwacht und sie erzählt weiter, glaubt sich auf der sicheren Seite. Er muss sie umbringen, sie trägt immer einen Dolch bei sich. Letztes Bild: sie schaut in die Kamera, eine Träne kullert aus dem Augenwinkel…Der stotternde Soldat findet die beiden.
          Jetzt darf spekuliert werden: Notwehr? Missglückter Tötungsversuch? Droht ihr die Steinigung? Regisseur Rahimi geht es wohl weniger um eine Lösung als um die Darstellung der tragischen Problematik. Das ist ihm hervorragend gelungen, vor allem durch den packenden Off-Kommentar.
          Mit erstaunlich viel Mut zur Freizügigkeit ist ein eindrucksvoller Film entstanden mit einer grandiosen Golshifteh Farahani in der Hauptrolle.

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            - "Seit er krank ist, spreche ich ständig mit ihm, weißt du. Und was ich ihm alles über mich erzähle - ich fühle, dass so Vieles in mir leichter wird. ... seltsam, oder?"
            - "Das, was du erzählst, das erinnert mich an meine Kindheit. Mein Vater erzählte, erzählte mal von einem Stein. Er war sagenumworben, er war magisch. Damals hat er gesagt, wenn du diesen Stein irgendwann findest, erzähle ihm von deinen Sorgen, deinen Geheimnissen und der Stein wird dir zuhören. All die Dinge, die du nie wagst auszusprechen, erzähle sie ihm. Du erzählst und erzählst, und er hört sich deine Geheimnisse an. Er ist einfach nur da und hört dir zu. Irgendwann wird dieser Stein entzwei gehen. Er zerfällt, Stück für Stück. Und ab diesem Tag wirst du frei sein und von all deinen Schmerzen erlöst."
            - "Wie heißt er?"
            - "Der Stein?"
            - "Ja."
            - "Der Stein der Geduld."
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            Ein altes persisches Märchen besagt, der Stein der Geduld nehme all den Kummer, Schmerz und Leid, all das Sehnen, Wünschen und Geheime in sich auf, bis er vor lauter Offenbarungen schließlich zerbricht, und jenen, der ihm alles anvertraute ... nun ja ... erlöst .... ?
            Ein wunderschönes Märchen wird der Überbau zu Atiq Rahimis Kammerspiel, der hier seinen eigenen Roman verfilmte und ein Seelenporträt seiner Protagonistin auf eine sehr sanfte und behutsame wie nicht weniger eindringliche Weise entfaltet. Sie, eine junge Frau, scheint im von politischen Unruhen gebeutelten Afghanistan selbst eine Gefangene zu sein. Gefangen in gesellschaftlichen, religiösen, weltanschaulichen Konventionen, Rollenerwartungen und Pflichten, findet sie in ihrem um Jahre älteren Ehemann - einem im Koma liegenden und seitdem pflegebedürftigen Soldaten - ihren 'Stein der Geduld', dem sie Stück für Stück ihr Innerstes enthüllt, Einblick gewährt in eine Seele unterdrückter Gefühle, Demütigung, Dunkelheit und Verlogenheit, was jetzt in diesen Worten schon sehr viel moralischer klingt und die wunderbare, aber ebenso an die Nieren gehende, Sanftheit dieses Films zerschlägt. Ich bitte um Nachsicht.
            "Stein der Geduld" ist eine Geschichte, in der eine Frau durch ihr Seelenleben die Grundfesten einer männlich dominierten Weltordnung auf stille Weise immer mehr niederreißt, bis ihr 'Stein der Geduld' am Ende zerbricht, da sie auf ihre ganz eigene Weise das Weltbild ihres Mannes zerschlagen hat und am Ende eine Ungewissheit bleibt, ob Tod, Sieg, Hoffnung oder Erlösung dem entzweiten Stein der Geduld entweicht; oder vielleicht sogar alles zusammen.
            Vorwerfen könnte man Atiq Rahimi zwar, dass er die Geschlechterrollen seiner Geschichte auf den ersten Blick sehr stereotyp zeichnet, doch durch die Anlehnung an das persische, titelgebende Märchen wird diese Kritik meines Erachtens sogleich wieder entkräftet. Seine Geschichte wird zu einer Parabel aus archaischen Bildern, was man einem Märchen schlecht vorwerfen kann. Und was schätzt man eigentlich irgendwann so sehr an dem überaus reichen Märchenschatz dieser Welt? Irgendwann schätzt man an ihnen, dass sie etwas von den stillen Träumen ihrer Erzähler in sich tragen, Geheimnisse, die sie für alle Zeit in sich tragen und behüten, in Symbolen, Bildern, Metaphern, deren tieferer Sinn sich dem Zuhörer erahnen lässt, aber dessen wahre Bedeutung still und sanft durch seine Finger gleiten, lediglich eine Ahnung zurücklassend. Und ebenso wird hier von Atiq Rahimi die Geschichte einer Frau mit der jenes Märchens selbst verwoben und aufgebrochen. Und wer weiß, vielleicht sucht dieser Film in seinen archaischen Vorstellungen unter seinen Zuschauern ebenso nach einem 'Stein der Geduld', um ihm die Sehnsucht und tiefen Wunsch seines Heimatlandes anzuvertrauen; symbolisch, metaphorisch, sinnlich ... geduldig zuhörend und aufbrechend.

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              Leise, eindringlich und trotz des sehr gemächlichen Erzähltempos höchst spannend. Wer selber bereit ist, auch als Zuschauer hin und wieder den Stein der Geduld zu mimen, wird belohnt. Ansonsten erfreut er sich an den ästhetischen Bildern, die der Film immer wieder liefert.

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                Hochgelobt.

                Ich fand ihn schwach.

                Die Schwäche ist vor allem die Erzählstruktur, der kaum vorhandenen Story.

                Da liegt ein Mann regungslos und die Frau sitz daneben und redet. Warum der da liegt, wird wirklich nur vage angerissen. Er hatte ein Streit und ne Kugel abbekommen. Das muss reichen.

                Leider muss auch sonst wenig bis nix reichen.

                Da ist Krieg. Wer gegen wen keine Ahnung. Der Panzer könnte Russisch sein. Später kommen ein paar vermummte. Also wohl keine Russen. Genau weiß ich es nicht, Erklärung gibt es keine.

                Es dauert geschlagene 38 Minuten bis überhaupt mal ein paar Details kommen. Also die Frau nicht nur Belangloses von sich gibt.

                Leider empfand ich das Ganze einfach als langweilig. Das Gerede erzeug einfach mächtig viel Leerlauf.

                Für einige Kunst für andere wertlos.

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                  Auf dem Bild sind Tauben.

                  Ich liebe Tauben!!!

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                  • 9

                    Starker Film, sehr empfehlenswert.

                    • 7 .5

                      Ein erschütterndes Melodram und einer der bewegendsten Film der letzten Jahre...

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                        In klaren, ästhetischen Bildern, mit wenig Handlungsorten und Figuren erzählt Atiq Rahimi seine Geschichte, die wie im Buch langsam Fahrt aufnimmt und dann mit voller Wucht zuschlägt.

                        • 8

                          Ein fesselndes Frauenporträt, das als Protokoll eines sich anbahnenden Befreiungsaktes angesichts der realen Verhältnisse in Afghanistan umso mehr erschauern lässt.

                          • 6 .5

                            Atiq Rahimis schafft es, Stein der Geduld zu einem ergreifenden Plädoyer für die Freiheit der Frauen nicht nur Afghanistans zu machen.

                            • 9 .5

                              Regisseur Atiq Rahimi gelingt mit der Verfilmung seines Romans Stein der Geduld ein vielschichtiges Werk, das durch das Schicksal einer Frau, die gesamte Weltordnung in Frage stellt.