Thelma - Kritik

Thelma

NO/FR/DK/SE · 2017 · Laufzeit 116 Minuten · FSK 12 · Drama, Thriller, Fantasyfilm · Kinostart
Du
  • 9

    [...] „Thelma“ ist überraschenderweise in seiner filmischen Einfachheit, einer der komplexesten und spannendsten Filme dieses Kinojahrs und fordert nicht nur seine Darsteller, sondern auch die Gedanken seiner Zuschauer. Die Schlichtheit der schönen Bilder und die gefühlvolle Musik von Ola Fløttum schaffen eine Stimmung, aus der man sich nicht mehr befreien kann.

    Wenn das Marvel-Universum die Süßwarenabteilung der Superheldenfilme ist, dann ist „Thelma“ ein 5-Gänge-Menü unter Polarlichtern. [...]

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    • 7 .5

      Der norwegische Regisseur Joachim Trier, der schon immer mit Filmen wie “Oslo, 31 Oktober” (2011) und “Louder than Bombs“ (2015) einen Hang zu schwierigen Themen hat, erzählt uns mit seinem neuesten Film “Thelma” eine außergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte mit Genre-Elementen, welche man nicht erwartet hätte.

      • 7

        Der furchterregendste Horror ist jener, der ganz tief in dich einkehrt und etwas in dir berührt, von dem du hofftest, es bliebe auf ewig unentdeckt. Horror weist also, im besten Falle, über sich hinaus, zumindest über die Oberflächenreize, das Blut, die Gedärme, das Moment des Erschreckens. Im besten Falle versteht ein Filmemacher das Horrorkino nicht als bloßen Katalog von Erwartungen und Formspielen, denen es eine Entsprechung zu liefern gilt. Die Bilder des Horrors gemahnen an die eigenen Alpträume, die dunkelsten Fantasien, die gewaltigsten Traumata, sobald sie allegorisch lesbar werden. Auch die Bilder in „Thelma“ sind das Resultat eines filmischen Übersetzungsprozesses, ohne sich in einem abstrakten Bilderreigen gefallen zu wollen.

        Der wahre Horror bekommt gerade durch seine klare Verortung in der modernen, zunehmend digitalisierten Alltagswirklichkeit seine Dimension: der Kursplan der Tochter ist für die konservativ-religiösen Eltern ständig online einsehbar, in der Facebook-Timeline wird jeder neue, soziale Kontakt unmittelbar sichtbar gemacht. Thelma leidet unter ihrem digitalen Echo und der erzeugten Transparenz gleichermaßen, wie es ihrem schüchternen Wesen erlaubt, sozial Anschluss zu finden. Es macht sie unfrei und bewahrt sie gleichzeitig vor der Einsamkeit. Umso stärkeren Reiz löst es für sie deswegen aus, ihre ersten sexuellen Erfahrungen fernab ihres Elternhauses für sich zu behalten. Ihr gespaltenes Verhältnis zur technisierten, zunehmend algorithmisierten Welt zerreißt sie.

        In einer Welt, die sich immer weiter de-materialisiert, jeder zum Kurator seiner Selbst(-Fiktion) wird, erlauben es Thelmas neu entdeckte Fähigkeiten sogar einen Schritt weiterzugehen. Sie kann den Menschen aus den Dimensionen herauslösen und ganz für sich behalten. Für sie setzt sich mit ihren Entdeckungen ein unaufhaltsamer, gnadenloser Emanzipationsprozess in Gang. Thelmas Vater verbrennt (oder ertrinkt) in der Folge grausam im See, die Mutter erfährt das Wunder wieder laufen zu können. Indem sich Thelma auf radikalste Weise von ihrem gleichermaßen aktivistischen, wie verängstigten Vater emanzipiert, eröffnet sie ihrer Mutter die Chance, einen ähnlichen Prozess zu durchlaufen. Die Welt verliert in der Folge seine feste Form, strukturelle Zwänge lösen sich auf. „Thelma“ lebt den Traum eines absoluten, kompromisslosen Freiheitskonzeptes. Koste es, was es wolle.

        7
        • 7 .5

          Trier stellt dieses Mysterium in Thelma nicht mit satten Effekten aus, sondern er ergründet es kontemplativ, während das zarte, verwirrte und vielleicht nur scheinbar unschuldige Gesicht von Eili Harboe das Breitwandformat in sich aufzusaugen scheint. [Tim Slagman]

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          • 6 .5

            Thelma ist einigermaßen pompös und läuft am Ende auf eine weniger spektakuläre Pointe hinaus, als die ruhig herantastende Art des Films vermuten lässt. [...] Dass sich die Hauptdarstellerin Eili Harboe und auch Henrik Rafaelsen als Vater dabei tapfer durchs Geschehen schlagen, reicht trotzdem nicht ganz. [Tim Caspar Boehme]

            • 7

              Die ungewöhnliche Dramaturgie von Thelma wird durch eine ungeheuer starke und zeitweise auch unheimliche Bildsprache, unterstützt vom dröhnendem Score, zu einem weiteren Beleg von Triers kluger Exzellenz. [Günter H. Jekubzik]

              • [...] Thelma“ ist trotzdem absolut sehenswert und wartet mit einer Reihe ikonischer Momente auf (besonders toll der Epilepsietest beim Arzt, eine Sequenz, die förmlich die Leinwand sprengt), aber er wirkt unrund und zudem ein wenig selbstgefällig, wie ein Genrefilm, der sich zu fein für einen Genrefilm ist.[...]

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                • 6 .5

                  "(...) Thelma gerät hierbei etwas plakativer und mit intensiverer Bildsprache als Joachim Triers sehr viel ruhigere Vorgänger-Dramen Louder Than Bombs oder Oslo, 31. august. Greift aber durchaus mit den (Selbst-)Zweifeln der jungen Hauptfigur auch Motive aus diesen auf. Gerade wenn der Film in etwas übernatürlichere Bahnen abgleitet und ein gewisses Horror-Mystery-Element einführt, gelingt es ihm, einprägsame Bilder zu erschaffen. Diese stehen dabei nicht nur für sich, sondern repräsentieren zusätzlich noch die aktuelle Gefühlswelt von Thelma (...) Zuvorderst inszeniert Joachim Trier (..) seinen neuesten Film eher als eine visuelle Allegorie auf das Erwachsenwerden"

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                  • 8

                    Trotz dieser Anleihen entfaltet das in hypnotische Cinemascope-Bilder gekleidete Mystery-Drama Thelma jedoch eine erfreulich eigenständige Note. Grund dafür ist auch Triers geschickter Umgang mit den Motiven und Mechanismen des Horrorkinos [...]. [Christopher Diekhaus]

                    • 6

                      Immer wieder gelingen ihm in Thelma eindrucksvolle Bilder, fängt er die zunehmende psychische Verwirrung Thelmas mit traum- und noch mehr alptraumhaften Szenen ein, die über die etwas holprige, unbestimmte Erzählweise eines im Ansatz spannenden Films kaschieren. [Michael Meyns]

                      • 8

                        In seinem vierten Spielfilm vermengt Joachim Trier Coming-of-Age und übernatürlichen Thriller. Der Film entfaltet einen inszenatorisch dichten, spannenden Sog der besonderen Art und funktioniert zugleich als Allegorie aufs Erwachsenwerden. [Jens Balkenborg]

                        • 7

                          Eine junge Frau aus religiösem Haus fängt ein neues Leben in der Großstadt an, hadert mit dem Übergang, vor allem aber mit eigenartigen Vorkommnissen. Trotz gelegentlicher Tempoprobleme ist das sehr stimmungsvoll, teils auch richtig spannend. Vor allem aber die Hauptdarstellerin macht die eigenartige Mischung aus Psychodrama und Mysterythriller zu einer lohnenswerten und abgründigen Erfahrung.

                          • "Das erste Leinwandwunder eines düsteren Kinowinters: Joachim Triers Body-Horror-Melodrama "Thelma" scheint auf den ersten Blick wie eine Variation auf Carrie, erweist sich aber eher als filmisches Gegenstück zu einer anderen Stephen-King-Verfilmung." [Sascha Keilholz]

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                            • 7

                              [...] Aus den konservativen Verhältnissen ihres Elternhauses entrissen, durchläuft sie zunächst eine bekannte Coming-of-Age Geschichte, nur um die typischen Grenzen dieses Prozesses alsbald hinter sich zurückzulassen. Ihre eher einseitige Liebesbeziehung zu einer anderen Studentin nutzt Trier nicht etwa als aufdringlichen Kommentar zu gleichgeschlechtlicher Liebe, sondern begreift diesen Umstand vielmehr als Natürlichkeit, die nicht extra hervorgehoben werden muss. Thelma verliebt sich nicht etwa deswegen in eine Frau, weil sie explizit am gleichen Geschlecht interessiert ist, sondern vielmehr, weil das Objekt ihrer Begierde das erste menschliche Wesen ist, welches ihr Aufmerksamkeit und Sympathie entgegenbringt. Dem oftmals furchtbar müßigen Diskurs ist Trier dadurch mehr als einen Schritt voraus. Indem er die Differenzierung der Geschlechter als unnötig darstellt, anstatt sich in bekannten Stereotypen zu wälzen, beweist er eine liberale Perspektive auf die Situation. In audiovisueller Perfektion kommt es im Laufe von Thelma immer wieder zu großartigen Momenten, die gerade gegen Ende immer stärker ins Surreale abdriften. Mit beklemmender Atmosphäre berichtet Trier von der nagenden Ungewissheit und Verwirrtheit der titelgebenden Protagonistin. Weder von ihrem Umfeld, noch von sich selbst verstanden, sucht sie nach Normalität und Geborgenheit, doch stößt nur auf Unbehagen und Misstrauen. Selbst ihre eigene Familie versteht sie nicht, versucht ihre Natur zu unterdrücken anstatt Kontrolle und Akzeptanz zu stiften. Vieles ist hierbei symbolisch, verdeutlicht das Triebhafte und Unterbewusste. Besonders imposant ist daher auch das Ende, wenn Thelma sich von ihren Fesseln befreit und endlich den Schritt zur Selbstbestimmung wagt. In diesen Momenten ist der Film ganz bei sich, als Genrefilm verpacktes, tiefenpsychologisiertes Coming-of-Age Kino am Puls der Zeit. [...]

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