Transit - Kritik

Transit

DE · 2018 · Laufzeit 101 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 6
    Filmsuechtiger: Filmsucht.org 16.10.2018, 17:21 Geändert 16.10.2018, 22:10

    [...] Flüchtig sein, das bedeutet nicht nur von A nach B kommen zu müssen, sondern, im Wortsinne, nie ganz da zu sein, sich in den Umständen aufzulösen. Dieses Gefühl transportiert Petzold hervorragend. Die Unvorhersehbarkeit des Films sorgt für viel Suspense, vor allem die erste Filmhälfte bebildert gekonnt die sich verselbstständigende weltgeschichtliche Dynamik, der die Figuren unterworfen sind.

    Der weitere Verlauf weckt Reminiszenzen an einen ikonografischen Klassiker: Nicht nur teilt sich Petzolds Werk mit Casablanca den äußeren Konflikt und baut die Handlung auf der Bedrohung durch die Nazis und dem Kampf um die Transitvisa auf, beide Filme besitzen einen melodramatischen Kern. Wenn sich Transit in der zweiten Hälfte vom Flüchtlingsthriller zum Melodram wandelt und durch eine Frauenfigur einen inneren, durch moralische Dilemmata geprägten Konflikt aufbaut, benutzt er dieselbe humanistische Gleichung wie der Klassiker mit Humphrey Bogart.

    Erst durch die Problembewältigung im kleinen, individuellen, privaten Raum gewinnen die Protagonisten die Größe, sich gegen den weltgeschichtlichen, politischen Einfluss zu erheben. Kurz gefasst: Wer [...]

    7
    • 10

      Zur Zeit ist in unseren Kinos so etwas wie eine neue Neue Deutsche Welle zu finden, die endlich wieder etwas erzählen möchte. Im Falle von Transit, dem diesjährigen Berlinale-Liebling, kann man nicht mehr von einem klassischen, filmischen Diskurs reden, sondern von einem waschechten Meisterwerk.

      Ganz in der Manier von Casablanca erzählt uns Transit von einer Hafenstadt für Flüchlinge zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dort versucht der Deutsche Georg (Franz Rogowski) ein Visum für die Fahrt nach Mexiko zu bekommen. Während seines Aufenthalts in der französischen Stadt Marseille trifft er nicht nur Personen, die sein Leid teilen, sondern ebenso auf welche, die ihn in der Frage nach einem echten Gefühl von einem Zuhause verunsichern. Interessant an der Erzählweise ist, dass das Setting auf unserem gegenwärtigen Stand ist. Das heißt, sowohl Autos, Häuser, also auch die Schutzkleidung der Polizisten wurden nicht an die 1940er-Jahre angepasst. Das ist nicht nur ein Clou für das Budget, sondern gleichermaßen für die Intensität und Identifikation. So wirkt das Geschehen real, zeitlos, unangenehm-greifbar. Der Krieg, der sonst so oft retrospektiv im Film geschieht, ist in Transit ein bedrückendes Endzeitdrama.

      Durch die authentische, unverfälscht wirkende Nähe ist der Film mit einer grandiosen Intensität versehen, die inmitten der surrealen Erzählart durchdringt. Inmitten der Geschichte trifft man auf viele Nebencharaktere, die vielleicht etwas hanebüchen erscheinen, dennoch vollends notwendig sind. Denn wie in so vielen cineastischen Odysseen sollen sie am Ende ein Gesamtbild erstellen, wie ein unheiles Plädoyer an die Menschheit – und ebenso fungierend als Selbstreflexion der Zuschauer. Eben diese Vielfalt an Individuen ist treffend in Szene gesetzt und grandios geskriptet. Viel eher sollte jedoch Franz Rogowski gelobt werden. Dieser viel mir persönlich bereits in Victoria positiv auf, doch beweist seine Performance als introvertiertes Zentrum des Plots sein wahres, herausragendes Talent. Der deutsche Ryan Gosling, sozusagen.

      Es werden sehr interessante Fragen gestellt, die zu keinem Zeitpunkt ausgesprochen werden müssen. Fragen über die Definition von einem Zuhause. Ob die Nähe zu einer Person die Frage nach dem richtigen Ort irrelevant macht. Wann das Gefühl von Nähe zerbrechen kann. Ob die Nähe eines Menschen ersetzbar ist, irgendwann. Oder ob man ungewollt immer und überall das Gefühl von Fernweh projiziert. Und ob all das irgendwann sein definitives Ende finden kann. Ja, es sind furchtbar-belastende Fragen, die sich erst durch den End Credit-Song Road to nowhere seelisch entfalten. Es zeigt uns, dass Fragen manchmal mehr Schmerz verursachen können als Antworten zu geben. Manchmal findet man auch erst im Schmerz seine Antwort. Und manchmal muss Kino verdammt wehtun, damit es auch verdammt gutes Kino ist. Im Falle von Transit ist es verdammt wirkungsvolles Kino.

      Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold hat das Kino verstanden, denn er verweigert sich den Antworten. Stattdessen verarbeitet er das Heiligtum des Klassikers Casablanca und entstellt die wunderschöne Stadt Marseille zu einem Fegefeuer, in dem die Menschen unwissend verwesen. Allesamt jagen sie Geister, warten auf etwas greifbares. Seit Sergio Corbuccis Django wurde die Vergangenheit nicht mehr so apokalyptisch in Szene gesetzt. Und wir Zuschauer sind dieser surrealen Odyssee ausgesetzt. Das ist Poesie, Destruktion und Realismus in einer Gestalt.

      Wer den besten deutschen Film unserer Zeit sehen möchte, sollte sich dringend ein lokales Off-Kino suchen und sich, am besten vollkommen allein, auf Transit einlassen. Es ist zum Glück keine weitere NS-Reflexion des deutschen Kinos, die in Massen hinterhergeschmissen werden. Nein. Transit ist hochwertig inszeniertes Kino mit Fleisch und Seele, das nicht verstanden, aber empfunden werden möchte. Ein Meisterwerk. [Robin Längert]

      5
      • 8

        [...] Wenn "Transit" über das Warten erzählt, während das Schokoladeneis schmilzt, dann erzählt der Film gleichzeitig über die Ungeduld und Raserei, nicht mehr warten zu können. Paula Beer spielt Marie, die Ehefrau Weidels. Wo Georg die Strömungen der Niederlage(n) stumm erträgt, bewegt sich Marie vergessen durch die Zeit, nicht nur ein Schritt nach dem anderen, sondern Schritte überspringend. Sie wirbelt, macht Halt, fragt, drängt – sinnlich. Georg verliebt sich in sie, wohingegen sie auf ihren Mann wartet, ausharrt, es nicht mehr erträgt. Soll Georg ihr die Wahrheit sagen? Soll Marie mit Georg abreisen? Die Diskrepanz zwischen Täuschung und Verlangen mündet in einem unauflösbaren moralischen Konflikt, der einige andere Petzold-Filme zuvor (wie "Phoenix") charakterisierte. Die Heimat, was auch immer das sein mag, ist fremd geworden in diesem Film, da sie sich von Ort zu Ort weiterträgt, kurzfristig anbrandet, dann wieder zergeht. Voller menschlicher Anteilnahme, umhüllt Petzold das, was wir fühlen, in verwunschene Magie. Ein Meisterwerk.

        15
        • 8 .5

          [...] Transite, Visa: Wenn die Welt im Begriff ist, auseinander zu brechen, sind es die Papiere, die als letzte Instanz Ordnung im Chaos schaffen und die Menschen in einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Sehnsucht vereinen. Gleichzeitig sind sie es, die schlussendlich aber auch wieder dafür verantwortlich sind, dass die Menschen auseinandergetrieben werden und ein Schatten am Fenster vorbeieilt, der an das Vergangenen erinnert, vor dem Gegenwärtigen flüchtet, aber zu unentschlossen ist, um jemals das zu erreichen, was in der Zukunft liegt. Verloren in den Übergängen, den Identitäten und den Spiegelbildern fasziniert Christian Petzold dabei vor allem die Ungeduld des Menschen, der sich unabhängig seiner Zeit bewegt, stolpert und trotzdem irgendwo ankommt. Ein Gefühl von Sicherheit begleitet in Transit niemanden. Lediglich die Stimme von Matthias Brandt weiß von einer fremden Geborgenheit zu berichten, denn er hat das Ende der Geschichte als stummer Beobachter bereits erlebt und den Überblick über die Identitäten behalten, obwohl ihn das zu einem der Parasiten macht, denen Georg entkommen will.

          8
          • 8

            Der raffiniert konstruierten Geschichte mit überraschender Wende mitten im Film gelingt ein äußerst spannender Identitätswechsel, mit dem man sich sofort in die Situation der Verfolgten versetzt fühlt. [Günter H. Jekubzik]

            1
            • 7 .5

              So sehr sich die politische Perspektive des Films vom Roman löst, bleibt Transit als Melodrama doch an der Vorlage dran. Das ist zwar nicht vollauf überzeugend und für Anna-Seghers-Puristen vielleicht eine Zumutung, aber den kühnen Versuch war es wert. [Stefan Benz]

              • 7 .5

                Man könnte Transit als eine moderne Fortsetzung des Klassikers "Casablanca" sehen, inklusive eines melancholischen Barbesitzers und einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte. [Anke Leweke]

                • 7 .5

                  Petzold erzählt nicht die Schicksale heutiger Flüchtlinge. Doch ihre Angst, ihre Schutzlosigkeit, ihr Ausgeliefertsein schwingen in seinem Film mit. [...] Transit ist ein großer Film, weil es ihm gelingt, diese politische Aussage mit der allergrößten poetischen Freiheit zu verbinden. [Katja Nicodemus]

                  1
                  • 9

                    Poetisch und politisch, beides ineinander verwoben. Petzold erzählt eine Universalgeschichte, getragen von einer literarischen Sprache, wie sie selten noch im Kino zu finden ist. [Andreas Fischer]

                    2
                    • 8

                      Das Kino als Zeitmaschine, die gleichzeitig in zwei Epochen haltmacht: Christian Petzold verlegt Anna Seghers’ Exilroman nicht einfach in die Gegenwart, sondern lässt die Historie im Jetzt weiterwirken. [Gerhard Midding]

                      1
                      • Der deutsche Newcomer Franz Rogowski erlebt zur Zeit, angefangen hat es mit dem Independentfilm “Love Steaks” (2013), einen Höhenflug. Auf der diesjährigen 68. Berlinale war er gleich als Hauptdarsteller in zwei Produktionen vertreten. Neben Thomas Stubers “In den Gängen” (2018) übernahm er auch die Hauptrolle in dem neuen ‘Christian Petzold’-Film “Transit” (Deutschland, Frankreich, 2018).

                        • 7 .5

                          Einerseits ein typischer Petzold, ist Transit doch eine ungewöhnliche, aber doch konsequente Weiterentwicklung im Werk eines der seit Jahren spannendsten deutschen Regisseure. [Michael Meyns]

                          1
                          • 8

                            Mit Transit bringt Christian Petzold einen erzählerisch und visuell zeitlosen Film auf die Leinwand. [...] Mit Paula Beer und Franz Rodowski hat Transit zudem zwei der grössten Nachwuchstalente des deutschen Films im Gepäck. [Swantje Oppermann]

                            • 7 .5

                              So sehen Siegerfilme aus: Transit von Christian Petzold hat alles, was ein Werk braucht, das die Berlinale gewinnen will. Da ist eine große Geschichte, ein politisch aktuelles Thema, eine überraschend neue Form. [Stefan Benz]

                              • 8

                                Transit hat deshalb etwas von einem modernen Film noir, in dem die Gegenwart sich nicht vom Schatten der Vergangenheit lösen kann. Die Hölle, heißt es einmal sinngemäß, ist ein Ort des ewigen Aufschubs. [Dominik Kamalzadeh]

                                • 8

                                  In Transit entsteht eine wunderbare Asynchronität zwischen dem Roman und seiner Verfilmung, eine Mehr- und Vieldeutigkeit, wie sie Petzold gerne schafft. [Wenke Husmann]

                                  • 8 .5

                                    "In Christian Petzolds Adaption von Anna Seghers’ Exilroman Transit ist Marseille kein realer Ort, sondern ein Fegefeuer, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr voneinander trennen lassen." [Michael Kienzl]

                                    1