Uhrwerk Orange - Kritik

A Clockwork Orange

GB · 1971 · Laufzeit 137 Minuten · FSK 16 · Science Fiction-Film, Drama, Komödie · Kinostart
Du
  • 8 .5

    Alex’ Weg vom Saulus zum Paulus ist gepflastert mit Entbehrungen und Kubrick schafft es, dass man Mitleid mit Alex empfindet. Der Film behandelt in erster Linie Ursache und Wirkung, Gewalt und Strafen, aber auch moralische Fragen zur Rache: Wenn ich die Möglichkeit habe, mich an meinem Peiniger zu rächen, darf ich das tun? Die Musik ist beinahe immer inkonsistent eingesetzt. Grauenhafte Szenen werden noch viel grauenvoller durch ein locker gesungenes “Singin’ in the rain”, Raubzüge werden mit Rossinis “The thieving magpie” unterlegt [SHERLOCK-Fans kennen die Melodie aus der Reichenbach-Folge, in der Moriarty die Kronjuwelen stiehlt.].

    • 9 .5

      Manchmal eilt einem Film sein Ruf derartig voraus, dass das Bilden einer eigenen Meinung etwas schwer fällt. So ging es mir vor etlichen Jahren, als ich "Clockwork Orange" zum ersten Mal sah. Zu sehr wurden mir von allen Seiten die Worte Klassiker, Kultfilm und Meisterwerk eingetrichtert. Nicht zuletzt von meinem damaligen Lehrer (Werte und Normen), der uns zu unserem Thema, der menschlichen Psyche, immer wieder vorhielt, wie genial dieser Film sei (den Mut, ihn vor der Klasse zu zeigen, hatte er aber scheinbar nicht). Aufgrund dieser Vorschußlorbeeren wurde mein Urteilsvermögen leider beeinträchtigt, warum genau kann ich gar nicht mehr sagen. Die Qualität des Films war offensichtlich, ich wurde aber nicht richtig warm damit.

      Hat lange gedauert, ehe ich ihn wieder an einem Stück gesehen habe, aber der Abstand war scheinbar groß genug, wodurch ich jetzt mit voller Überzeugung sagen kann: Ja, "Clockwork Orange" ist ein Meisterwerk, seiner Zeit weit voraus und bis heute mit praktisch nichts vergleichbar.

      Stanley Kubrick entführt uns in eine bizarre, futuristische Welt, wodurch der Film allerdings keinen Science-Fiction-Anstrich bekommt. Es scheint mehr wie ein surreales, verzerrtes Spiegelbild der Realität, mit einem merkwürdig enthemmten Umgang mit Sexualität. In dieser Welt wütet der von Malcolm McDowell grandios gespielte Alex. Brutal, rücksichtslos, unbarmherzig, hoch intelligent. Ein Monster, der Alptraum einer jeden Gesellschaft. Nachdem ihn seine Taten endlich hinter Gitter gebracht haben, stellt er sich freiwillig einem Experiment zur Verfügung, um möglichst schnell wieder in Freiheit zu gelangen. Ab dem Punkt zeigt Kubrick, wie sehr sich der menschliche Geist manipulieren lässt, wie er sich durch Konditionierung brechen lässt und was passiert, wenn der Mensch des eigenen Willen beraubt wird. Man entwickelt dadurch fast Mitleid mit Alex, der danach wie ein angeschossenes Reh durch die Welt irrt, die er zuvor wie ein Raubtier dominiert hat. Nun ist er die Beute, hilflos der Vergeltung seine ehemaligen Opfer ausgeliefert.

      Kubricks Inszenierung ist brillant, selbst nach 40 Jahren hat der Film kein bißchen Intensität eingebüßt. Seine berüchtigte Gewaltdarstellung ist nach heutigen Maßstäben natürlich nicht mehr skandalös, viel expliziter geht es heute zu. Seine eindrucksvolle Wirkung, poetische Erzählweise, bissige Gesellschaftskritik und seine Einzigartigkeit ist aber etwas, was wohl nie überholt werden wird.

      Sollte ich heute zufällig meinem damaligen Lehrer über den Weg laufen, ich würde ihm auf die Schulter klopfen und sagen: "Clockwork Orange, genial, righty right!"

      18
      • 10

        [...] Stanley Kubricks wohl umstrittenste Regiearbeit aus der Blütezeit seiner mittlerweile schon legendär gewordenen Karriere ist kaum zu beschreiben: Bedeutsam und wuchtig, seltsam und verstörend, vielsagend und gleichzeitig schwer zu fassen. Ungestüm klagt er ein großes Ganzes an und greift gleichermaßen nahezu unzählige Facetten eines brisanten Themenkomplexes auf, dessen scheinbar banal-plakative Message sich als tief in der Seele unserer Zivilisation verwurzelt und trotz aller vordergründig abgehobenen Realitätsferne voller Wahrheit steckend entpuppt: „Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Kubrick sei Dank macht es „A Clockwork Orange“ sich und dem Zuschauer die Sache nicht ganz so einfach, und dabei ist es gerade die Stilisierung der expliziten Gewalt, die als Hauptaugenmerk vieler Kritiker Kubrick den Vorwurf der Gewaltverherrlichung und sogar der Menschenverachtung einbrachte, welche den Film so ungemütlich macht und viele Fragen aufwirft, ohne befriedigende Antworten zu liefern, die den Zuschauer aus seinem Schock befreien und wieder wohlig in Watte packen würden. [...]

        8
        • 6

          Clockwork Orange ist sicher ein Film aus der zweiten Reihe, wenngleich Kubrick hier die Abgründe in der menschlichen Psyche am extremsten und auf's schmerzlichste darbietet - und der Film deshalb auch nur knapp der Zensur entkam. Der Film fasziniert auf unangenehme Weise, zumal Kubrick es schafft eine groteske, ja sogar komikhafte Szenerie zu schaffen, die nicht zuletzt durch hervorragend kontrapunktierte Musik erzeugt wird.
          Aus heutiger Sicht verliert die Kernaussage allerdings an Wirkungskraft, da Gewalt in den meisten unserer Medien stets allumfassend präsent ist, sollten alle Menschen von ihrer inneren Gewaltbereitschaft geheilt sein.

          2
          • 10

            Kubricks Film pendelt immer wieder zwischen einer modernen Welt der inneren Scheusligkeiten und einer rebellischen Kultur, getrieben von der modernen Welt, die von nichts und niemanden aufgehalten werden kann, bis es zu spät ist, umher. Kubrick hat außerdem mit "Uhrwerk Orange" wohl die zeitloseste Gesellschafts-Satire erschaffen. Den letzten Teil seines Films spiegelt nicht nur die Gesellschaft der Zukunft sondern auch die der Gegenwart und der Vergangenheit. Meisterhaft.

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            • 5 .5

              Wie bewertet man "A Clockwork Orange"?
              Wie bewertet man einen Film, der von seiner Thematik her brandaktuell ist, jedoch bei seiner Betrachtung reine Abscheu hervorruft?
              Kein Wunder, dass dieser Film damals ein Skandal wurde.
              Stanley Kubrick scheut nicht vor wirklich schockierenden Bildern.
              Er lässt seine Hauptperson reihenweise Menschen vergewaltigen, zusammenschlagen, erniedrigen und schlussendlich auch töten.
              Unterlegt sind diese Szenen dann auch noch mit klassischer Musik, was den Kontrast und somit die Schockwirkung beim Zuschauer noch einmal erhöht.
              Seine Figuren lässt Kubrick in einem Fantasieslang sprechen, was die Andersartigkeit dieser Personen verstärkt.
              Seltsamerweise ist "A Clockwork Orange" hin und wieder ziemlich lustig, was mich doch verwirrte. Immerhin geht es hier um wirklich harten Tobak.
              Kubricks Intention war wohl die einer Gesellschaftssatire. In Teilen ist diese sogar gelungen.
              Sobald Alex (klasse = Malcom McDowell) von einem Ärzteteam versucht wird "geheilt" zu werden, wird es doch interessant. Was folgt ist eine bitterböse Abrechnung mit dem Staat, der seine Meinung nach der Öffentlichkeit richtet und alles tut um eben dort gut dazustehen. Das System entpuppt sich also als kalt, gefühllos und auf den eigenen Vorteil bedacht. Das Alex sich daraus formte, ist ein Fingerzeig Kubricks, den man nicht ignorieren sollte. Somit war "A Clockwork Orange" seiner Zeit weit voraus. Denn die Probleme, die sich in diesem Film abspielen, haben wir heute.
              Diese Teile des Filmes sind also überzeugend und führen auch zu 5,5 Punkten.
              Was jedoch deutlich an der Bewertung nach unten zieht, ist das gnadenlose Over Acting jeder (wirklich jeder) Schauspieler. Das mag noch angehen bei McDowells verrückter Truppe, jedoch nicht bei den vielen Nebencharakter. Das nervt schlicht und ergreifend, macht Anteilnahme unmöglich und ruft Ratlosigkeit hervor. Falls Kubrick versuchte auch hier satirisch an die Sache heranzugehen, so hat er in meinen Augen sein Ziel verfehlt.
              Auch das Prinzip, dass Gewalt nur Gegengewalt hervorruft wird von "A Clockwork Orange" aufgegriffen.
              Aber: Soll man denn plötzlich mit dem Hauptcharakter mitfühlen, weil ihm dasselbe wiederfährt, wie seinen Opfern zuvor?
              Reichlich makaber, denn das ist doch nur gerecht.
              "A Clockwork Orange" ist sicherlich nicht schlecht. Er hat auf jeden Fall genug Brisanz und Zündstoff um noch ein paar Jahre in den Gedanken vieler zu haften.
              Trotzdem gebe ich keinem Film aufgrund seiner filmhistorischen Relevanz mehr Punkte. Dafür hat Kubricks Werk in mir zu viele negative Gefühle hervorgerufen, die von Abscheu bis hin zu Wut reichen.
              Man sollte ihn wirklich einmal gesehen haben. Doch ob man ihn dann gut findet, ja, das ist eine andere Frage.
              Eben ein typischer Kubrick. Der Kerl wird sowieso überschätzt.

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              • 7

                „Uhrwerk Orange“ ist Kubricks schwierigster, weil undurchsichtigster Film. Er stellt so viele Fragen über menschliches Verhalten, Moral, Psychologie, Politik und die Gesellschaft, dass er es geradezu darauf anlegt, falsch verstanden zu werden. Viel Kontroverse – und daraus resultierend auch ein Kult – ergab sich durch die vermeintliche Verharmlosung von Gewalt, wie sie im Film durch Zeitlupen, Fröhlichkeit und klassische Musik erreicht wird. Das macht einfach neugierig und bescherte „Uhrwerk Orange“ seinen hohen Status in der Filmgeschichte. Doch so zweifelhaft, wie der Inhalt dieser Romanverfilmung bleibt, so klar auf der Hand liegt Stanley Kubricks fantastisches Gespür für inspirierte Bilder. [...]

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                • 4

                  Ein zwiespältiges Experiment: Als gesellschaftliche Utopie über Entfremdung, Faschismus und Medienverfall lesbar, ergötzt sich der Film an seiner verzerrten Ästhetik und unterzieht den Zuschauer jener Manipulation, die auch dem jungen Alex in der Handlung widerfährt. Ein zum Klassiker verklärtes, menschenfeindliches Faszinosum.

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