Vertigo - Aus dem Reich der Toten - Kritik

Vertigo

US · 1958 · Laufzeit 128 Minuten · FSK 12 · Thriller, Drama · Kinostart
Du
  • 10

    [...] Der sonst bei Hitchcock klar in der Realität verankerte Plot (vergleichbar wäre aus seiner Vita nur die erste US-Arbeit „Rebecca“) arbeitet mit der Kraft des Übernatürlichen, spielt mit der Möglichkeit einer Existenz oder zumindest der Präsenz nach dem irdischen Dasein. [...] Der Weg bis dahin – und darüber lässt sich keinesfalls streiten – ist stilistisch das Beste, was Hitchcock jemals abgeliefert hat (die Latte hängt hoch). Beginnend mit dem von Saul Bass (auch aktiv als Regisseur, u.a. beim großartigen „Phase IV“) kreierten, brillanten Vorspann (eine beinah ausgestorbene Kunstform), über den szenenabhängigen, wechselnden, dabei immer perfekt arrangierten Score von Bernard Hermann, bis hin zum unsterblichen Jimmy Stewart und die nur notbesetzte Kim Novak („Mord im Spiegel“), die ein Glücksgriff ist. Hätte Hitch die Wahl gehabt, es wäre wohl mal wieder Grace Kelly („Das Fenster zum Hof“) geworden, die war aber bereits dem Adel verpflichtet. Vera Miles („23 Schritte zum Abgrund“) war in anderen Umständen, so musste Novak herhalten. Die unfreiwillige, perfekte Alternative, denn gerade dieses recht unbekannte Gesicht vermittelt optimal die mysteriöse Aura, enorm relevant für die Rolle und deren Wirkung. Der Höhepunkt (unabhängig vom wegweisenden Skript) ist das Zusammenspiel von Einstellungsfanatiker Hitchcock und der optischen Präsentation. Von der Beleuchtung (inklusive dem dahinterstehenden Konzept), den ungewöhnlich surrealen Elementen bis hin zu den malerischen Bildern (passend zur Handlung), die speziell Kim Novak als bald schwebenden Engel vor der verträumten, geschichtsträchtigen „Geisterstadtkulisse“ von San Francisco in Szene setzen. Gepaart mit Anflügen klassischer, altmodischer Hollywoodromantik ergibt sich ein faszinierendes, immer noch irritierendes Hantieren mit gängigen Mustern, die Stück für Stück in sich zusammenfallen und neu definiert werden. [...]„Hitchcocks psychologisch komplexester Film, der mal als Unsinn verschrien wurde, dabei enorm clever mit Ängsten, Traumata und Täuschungen jongliert, dass einem buchstäblich schwindelig wird. Und die Höhenangst ist sogar nur ein(er von vielen) Macguffin(s)… Geht nicht besser. Ein obsessiver Rausch der Sinne, ein Film aus einem, idealen Guss.

    33
    • 8 .5

      [...] James Stewarts Charakter Scottie verliert in diesem Film seine Liebe an den Sensenmann. Wenig später trifft er auf eine Frau die seiner Angebeteten unheimlich ähnlich ist. Manisch macht Scottie sich daran, die geheimnisvolle Frau nach seinem Gedankenbild zu formen. Er will sie verändern, seiner Erinnerung, gar einer Leiche anpassen. Er verliert sich in Wunschbildern, in dem dunklen Raum zwischen Sein und Schein. Scottie sucht die Liebe, die erotische Erfüllung in dem Reich der Toten. Der deutsche Nebentitel ist dabei (endlich einmal) überaus wichtig, wenn man dort seinen Denkansatz ansetzt und tiefer in die Gefilde des Filmes vorstoßen möchte. Ganz sinnbildlich nutzt Hitchcock hier eine Schwelle zur „anderen Seite“. Sei es die Golden Gate Bridge, ein Friedhof oder ein Museum. Sie alle fungieren als Portal zu einer neuen Existenz, die Befriedigung verspricht. Aber wieso findet Scottie kein Glück in der unseren Welt? [...] „Vertigo“ ist ein astreines Beispiel dafür, wie der Zuschauer nach dem Sichten eines Filmes oft ein unfassbar klares Bild von einem Menschen haben kann, der wenig bis gar nicht im Film zu sehen ist. Alfred Hitchcock absolviert seinen Cameo-Auftritt bereits zu Beginn des Films. Er ist ein Passant, man sieht ihn, die Aufmerksamen im Publikum freuen sich einen Ast. Alles durchkalkuliert von Hitch, denn der Zuschauer soll sich nicht vom Inhalt ablenken lassen. Der ist ihm ein Anliegen. Hitchcock wurde als finstere Person tituliert, sein (angeblicher) Umgang mit Schauspielern wurde oben ["Alle Schauspieler sind Vieh."] beschrieben. Hitchcock bezieht sich auf seine Kritiker, macht deutlich, dass auch er sich derartigem annimmt. Er rechnet nicht wirklich ab, er prüft, erklärt, zeigt auf, rechtfertigt sich gewissermaßen. Vor allem aber sucht er. John Scottie Ferguson versucht, eine Frau nach seinem Belieben umzuformen. Er gönnt ihr keine eigene Gestalt. Das ist verachtend. Im gleichen Sinn versucht Hitchcock, die Schauspieler zu anderen Menschen zu formen. Er will nicht James Stewart sehen, er will Scottie sehen. Erst mit der vollkommenen Transformation des Menschen wird Hitch befriedigt. In diesem Sinne diagnostiziert der Meister sich selbst als Opfer der tiefschwarzen (Todes-)Sehnsucht der Romantik. Der Vorstellung vom perfekten Untergang. Der Vorstellung vom perfekten Ende. [...]

      21
      • 9

        [...] Inszenatorisch ist VERTIGO über jeden Zweifel erhaben. Der Film zelebriert die Langsamkeit selbst für damalige Verhältnisse enorm, gibt an echten Drehorten in wundervoll fotografierten Einstellungen den mysteriösen Aspekten der Handlung viel Wirkungsraum und beweist, dass darin der Schlüssel zu beunruhigender, echter Spannung liegen kann. Wie nur wenige sonstige Filme (alt und neu) erschafft VERTIGO durch seine Machart die perfekte Immersion - man sitzt neben Scottie in seinem Wagen und taucht schleppend Meter für Meter tiefer in den bedrückenden Horror unter der täuschend einladenden Oberfläche eines belebten San Franciscos ein, ist dabei und fühlt, wie die Stimmung Minute zu Minute mehr in eine mysteriöse Undurchsichtigkeit kippt.

        So weit so gut, doch was den Film schlussendlich besonders macht (und auch der Grund ist, warum ich beim erneuten Schauen vom Inhalt noch weit mehr beeindruckt war), ist die Selbstverständlichkeit mit der Hitchcock in VERTIGO Dinge tut, die 1958 noch lange nicht Einzug in die Filmwelt gehalten hatten. Story, Figuren, Aufbau - man kann hier viel wegweisendes finden. [...]

        30
        • 10

          Ich kann einfach nicht in Worte fassen, wie sehr ich diesen Film liebe. Sorry.

          3
          • 10

            Wahrscheinlich der beste Film, der je gedreht wurde.

            35
            • 9

              [...] Brillant, wie Hitchcock sich die Möglichkeiten des Farbfilms zunutze macht und mit kleinen Tricks verstörende Bilder erzeugt, deren Wirkung von der Musik noch verdoppelt wird. Der großartige, zum Teil hypnotisch-beklemmende Score von Bernard Herrmann (Mitte der 50er bis Mitte der 60er Hitchcocks Stammkomponist) trägt eine nicht zu unterschätzende Verantwortung für die atmosphärische Dichte, die sich durch den ganzen Film zieht. [...]

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              • 8

                Auch wenn er etwas schwer in die Gänge kommt aus heutiger Sicht, lohnt sich Film alleine wegen Jimmy Stewarts Darstellung. Sein Charakter erscheint höchst ambivalent und fasziniert durch seine unheimliche Besessenheit. Die Farbdramaturgie und Bernard Hermans hypnotischer Score bleiben noch lange im Gedächnis.

                5
                • 1

                  Für heutige Verhältnisse absolut schlecht, nichtssagend und auch nicht überraschend, für damalige Verhältnisse sicherlich gut, wie alle Hitchcock Filme doch, der Film ist für mich einfach nur langweilig.

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