20 Jahre Die Truman Show - Ein Film, der aus der Zukunft kam

Jim Carrey in Die Truman Show
© United International Pictures
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Direkt zu Beginn dieses Jahrtausends sorgte eine Fernsehsendung namens Big Brother weltweit für Aufruhr. Das Konzept der damals revolutionären Reality-TV-Show bestand darin, dass eine Gruppe einander unbekannter Menschen über mehrere Monate in einem als Wohnfläche eingerichteten Studio lebt und sich von zahlreichen Kameras 24 Stunden am Tag beobachten lässt. In gewissen Abständen muss eine Person den so genannten Container verlassen. Wer als Letzter übrig bleibt, erhält ein Preisgeld. Zwar basierte die Prämisse auf Freiwilligkeit seitens der Kandidaten, doch das Format schürte aus offensichtlichen Gründen dennoch massive Kontroversen moralischer Natur: Wie bedenklich ist der vollständige Verzicht auf Privatsphäre, wenn obendrein gleich die ganze Welt zuschaut? Big Brother war weder die erste noch letzte Reality-Sendung, sehr wohl aber die bis dahin radikalste ihrer Art. Gerade einmal zwei Jahre, bevor sie das Licht der Welt erblickte, gab es allerdings schon diesen kleinen, prophetischen Film, der wie ein Stern (beziehungsweise Scheinwerfer) vom Himmel fiel: Die Truman Show von Peter Weir.

Zugegeben: Ganz so weit wie Die Truman Show gingen die Erfinder von Big Brother dann doch nicht. Im Film nämlich weiß der unnachahmlich von Jim Carrey verkörperte Protagonist lange Zeit gar nicht, dass er in einer simulierten Welt lebt - und das wiederum seit seiner Geburt. Erst mit 29 Jahren beginnt Truman Burbank, die vermeintliche Echtheit seine Umgebung zu hinterfragen, wobei ihm diverse Produktionspannen helfen. Der Medien-Mogul Christof (Ed Harris) hatte ihn einst zur Hauptfigur seines spektakulären Langzeit-Events auserkoren, welches ein Millionenpublikum über Dekaden hinweg tagtäglich verfolgt. Die Grenzen von Trumans Universum beginnen und enden dabei mit der extra für ihn errichteten, doppelt fiktiven Küstenstadt Seahaven, die von ihm, ein paar Nebendarstellern sowie hunderten Komparsen bewohnt wird. Entflieht er eines Tages diesem Ort, ist die Show buchstäblich vorbei.

Das Internet macht Die Truman Show wahr

Christofs großer Coup fasziniert vor den Bildschirmen alle Generationen. Zwei ältere Damen verfolgen die titelgebende Sendung von ihrem Sofa aus (mit Truman-Kissen im Arm!) ebenso gebannt wie etwa ein Herr, der offenbar viel Zeit in seiner Badewanne verbringt. Die Besessenheit vieler Zuschauer von der Show im Film kommentiert Regisseur Weir mit einem liebevolllen Augenzwinkern. Dass Binge- und -Hate-Watching durch den Boom von Streaming-Anbietern wie Netflix einmal zu globalen Konsumphänomenen avancieren würden, nahm er so aber bereits vorweg.

Die zunehmende Transparenz vor allem jüngerer Menschen spiegelt sich derweil in der Figur von Truman. Viele von ihnen müssen indes gar nicht erst von den Chefs eines skrupellosen Fernsehsenders dahingehend manipuliert werden, alles Mögliche bis hin zu kleinsten Details über sich preiszugeben. Sie tun es heute ungefragt, jedes Mal, wenn sie zum Beispiel ein Bild ihres Abendessens bei Instagram hochladen. Und gleich ein neues Selfie hinterher. Versehen mit standesgemäßen Emoticons, versteht sich. Noch darüber hinaus gehend nicht zu vergessen sind Social-Media-Influencern, deren Leben sich ganz überwiegend online abspielt und durch die Anzahl von Followern und Likes definiert wird - ein gruseliges Kuriosum, das in diesem Jahr der Film Ingrid Goes West von Matthew Spicer näher behandelte.

Reality-TV ist eine skurrile Form des Eskapismus, denn hier flüchtet der Zuschauer in keine betont fiktive Welt, sondern vielmehr in eine, die den Anspruch von Authentizität erhebt. Wir suchen nach Gewissheit darüber, dass andere genauso menschlich und makelbehaftet sind wie wir - dabei ist eigentlich nichts zwischen Himmel und Erde selbstverständlicher. Mit seiner klugen Satire bekommt Peter Weir zahlreiche ironische Widersprüche zu fassen, darunter den Umstand, dass die zahlreichen mit Truman sympathisierenden Zuschauer das gläserne Elend des Protagonisten faktisch mit aufrecht erhalten - einfach dadurch, dass sie einschalten und die Quote in die Höhe treiben. Als Truman am Ende das Studio verlässt, freuen sich die Menschen, was demnach irreal erscheint. Schließlich ist er - wie wir glauben - ein wichtiger Part ihres Lebens. Doch die Fans sind keineswegs traurig darüber, ihren liebgewonnenen Helden gehen lassen zu müssen. Nein, sie suchen umgehend einfach nach der nächsten knackigen Fernsehunterhaltung. Jene finale Pointe von Die Truman Show scheint in der an Reizen überfrachteten Ära von Peak-TV und Co. an Relevanz nur dazuzugewinnen.

Die Bedeutung des Menschseins

Aktuell geblieben ist Die Truman Show daneben aber nicht zuletzt aufgrund einiger zeitloser Fragestellungen wie etwa der nach dem freien Willen. Beinahe 29 Jahre wurde die Hauptfigur des Films darauf konditioniert, in Seahaven zu verweilen und doch obsiegt am Ende Trumans natürlicher Forscherdrang. Nicht einmal ein einst von Christof herauf beschworenes Trauma kann unseren Star davon abhalten, auf "hoher See" dem Sturm zu trotzen, das Ende der Welt - zumindest jener, die er kennt - zu entdecken und selbiges zu überwinden. Wie es ihm abseits der Studiogrenzen ergeht, erfahren wir nicht mehr, denn das sichtbare Happy-End ist schon groß genug. Interessanterweise beschreitet Truman seinen finalen Pfad der Erkenntnis nicht über einen belichteten Tunnel. Im Gegenteil führt sein Weg ins Freie durch einen schwarzen Gang, was darauf hindeutet, dass es in jenem Leben, welches er nun vor sich hat, fortan weniger gemütlich zugeht. Künftig ist nichts mehr für ihn inszeniert, nichts mehr geplant, nichts mehr vorhersehbar. Was könnte schöner sein?

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