28 Years Later geht gelungen weiter: The Bone Temple ist der mit Abstand düsterste Teil der Horror-Reihe

15.01.2026 - 19:46 UhrVor 22 Tagen aktualisiert
28 Years Later: The Bone Temple
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28 Years Later: The Bone Temple
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Kein Jahr nach dem Kinostart von 28 Years Later wird die Geschichte mit The Bone Temple fortgesetzt. Regisseurin Nia DaCosta hat ein zutiefst verstörendes Werk geschaffen.

Es gab eine Zeit, in der die Rückkehr in die Welt von 28 Days Later einem Traum von Filmfans glich, der niemals in Erfüllung gehen wird. Über zwei Dekaden nach dem Original war es letztes Jahr jedoch endlich so weit und 28 Years Later startete in den Kinos – nicht als nostalgisch angehauchtes Legacyquel, sondern als wilder Auftakt einer neuen Trilogie, der mit einem überraschenden Cliffhanger endete.

Nicht nur wartete jener Cliffhanger mit dem Auftritt einer völlig neuen Gruppe, den Jimmys, auf. Er markierte ebenfalls einen gewagten Bruch im Tonfall. Plötzlich fühlte sich 28 Years Later an, als würden Teletubbies und Power Rangers durch die Gegend purzeln. Hinter der knallbunten Pop-Fassade verstecken sich zutiefst verstörende Abgründe, wie 28 Years Later: The Bone Temple schon in seinen ersten Minuten zeigt.

28 Years Later: The Bone Temple entfesselt Jimmy Crystal und seine Gang aus verlorenen Kindern

Die Fortsetzung schließt unmittelbar an die vorherigen Ereignisse an und stellt Spikes (Alfie Williams) Leben auf den Kopf. Hatte er gerade nicht erst die schmerzlichen Prüfungen des Erwachsenwerdens gemeistert? Die Enttäuschung über seinen Vater. Der Verlust seiner Mutter. Von seiner Heimat hat er sich abgewendet, ist auf eigene Faust in die Wildnis losgezogen. Dort musste er einige schwere Entscheidungen treffen.

Entscheidungen, die ihn in die Hände von Sir Jimmy Crystal (Jack O'Connell) geführt haben. Der Anführer der Jimmys erweist sich als Joker der Postapokalypse. Er tötet und plündert und lässt sich von seiner Gefolgschaft als Kultfigur feiern. In seinem Inneren ist er aber noch mehr Kind als der zwölfjährige Spike – und das, obwohl er mindestens dreimal so alt ist. Er will es sich aber auf keinen Fall anmerken lassen.

Als die Welt endete, war Jimmy ein kleiner Junge, der vor dem Fernseher saß und mit ansehen musste, wie sich seine Eltern in rasende Monster verwandelten. Im Gegensatz zu Spike wurde er nie erwachsen. Er ist der Junge geblieben, der sich seit drei Dekaden mit dem Wissensstand und Erfahrungsschatz eines Kindes zu behaupten versucht. Ein fehlgeleiteter Überlebensinstinkt, der ihn selbst in ein Monster verwandelt hat.

Die Gruppendynamik der Jimmys gleicht der eines Schulhofes: Demütigungen stehen an der Tagesordnung, um Loyalität zu beweisen, obwohl jedes Mitglied in Wahrheit nur aus Angst handelt. Die junge Truppe versucht irgendwie, mit dem Wahnsinn um sich herum klarzukommen, und flüchtet sich in eine von Jimmy Crystal geschaffene – und extrem brüchige – Mythologie, die sich als Abwärtsspirale erweist.

Aus Mobbing wird Folter und aus Folter wird Töten – und plötzlich steht Spike wieder zitternd am Rand, als hätte er die Hürden des vorhergegangenen Films nie bestanden. Er ist wieder ein Kind. Verängstigt. Machtlos. Wie kann es sein, dass die anderen Jimmys so manipuliert wurden oder sich selbst dermaßen belügen, dass sie genüsslich am Massaker an einer unschuldigen Familie teilnehmen, ohne mit der Wimper zu zucken?

Nia DaCosta liefert mit 28 Years Later: The Bone Temple den bisher düstersten Teil der Horror-Reihe ab

The Bone Temple lässt die Coming-of-Age-Motive des Vorgängers mit purem Horror kollidieren und denkt sie ins schockierendste Extrem weiter. Bereits Danny Boyles Auftakt der neuen Trilogie war ein rastloser Albtraum, der keine Gefangenen gemacht hat. Doch das, was Nia DaCosta hier – ebenfalls nach einem Drehbuch von Alex Garland – auf die Leinwand bannt, ist eine ganze Spur düsterer.

Verschwunden sind die Spielereien und Raffinessen, die Boyle auf so verblüffende Weise in seiner Rückkehr zum Franchise unterbrachte. Sein Film war ein ständiges Ausprobieren an filmischen Experimenten und ein elegantes Ausrasten dazu – mal voller Brutalität und Härte, mal gesäumt von unerwarteter Zärtlichkeit und Poesie. DaCostas Ansatz fällt deutlich geradliniger, grimmiger und schonungsloser aus.

Die Jimmys hinterlassen nichts als Leid und Verderben. Daher sieht sich DaCosta keineswegs gezwungen, irgendetwas in ihren Bildern zu beschönigen. Sie führt in die tiefste Dunkelheit, wo Figuren mit letzten Kräften zittern, obwohl ihre Körper längst aufgeschlitzt und ausgenommen in einer Scheune hängen, die nur darauf wartet, in sich zusammenzubrechen, wenn sie nicht direkt in Flammen aufgeht.

Ein wichtiger Gegenpol bleibt zu dieser vernichtenden Ausweglosigkeit dennoch erhalten: Dr. Ian Kelson (Ralph Fiennes) verwandelt nach 28 Years Later auch The Bone Temple in einen absoluten Ausnahmefilm im Zombie-Kontext. Der ehemalige Arzt stellt einige Genre-Regeln des Genres auf den Prüfstand, gerade im Hinblick auf seine Begegnungen mit Samson (Chi Lewis-Parry), dem Alpha der Infizierten.

Ausgerechnet in einem Tempel aus Knochen und Schädeln findet DaCostas Film etwas, das man als Hoffnungsschimmer interpretieren könnte – oder zumindest als äußerst interessanten Umgang mit der eher zermürbenden Infizierten-Thematik. Wenn der Mensch zum schlimmsten Monster geworden ist, was bedeutet das für einen Berserker wie Samson, der eben noch Köpfe samt Wirbelsäule herausgerissen hat?

The Bone Temple ist nicht so gut wie 28 Years Later, begeistert aber mit einem herausragenden Finale

Garlands Drehbuch geht mehrere Schritte weiter als die meisten artverwandten Endzeitgeschichten, ehe die beiden Erzählstränge – Kelson und Samson, Spike und die Jimmys – in einem feurigen Finale kulminieren. Hier diskutiert der Film, wie weit sich die Figuren ihre Welt zurechtbiegen, um mit dem Schrecken um sich herum klarzukommen. Doch wann merkt man, dass man sich in einer Illusion verloren hat?

Das Finale von The Bone Temple ist spektakulär, tragisch und erbarmungslos zugleich. Eine Inszenierung soll die verzerrte Wirklichkeit der Jimmys belegen, doch dann gerät der Knochentempel ins Wanken. Nachdem sie 100 Minuten lang den Teufel heraufbeschworen haben, ist sich niemand mehr sicher, wer der "alte Nick" wirklich ist. Schlimmer noch: Es gibt keinen Teufel. Die Figuren sind komplett allein.

Brillieren kann in diesem Augenblick der Ungewissheit vor allem einer: Ralph Fiennes. War er in 28 Years Later noch ein heimlicher Szenendieb, verwandelt er sich in die tragende Säule der Schädelbauten und spielt sich die Seele aus dem Leib. Er ist Verwalter und Gewissen der Postapokalypse – und eine einfühlsame, aber auch einsame Vaterfigur, die sich nach einem besten Freund auf Augenhöhe sehnt.

Selbst wenn The Bone Temple nicht mit dem Tempo von 28 Years Later mithalten kann, liefert Nia DaCosta am Ende eine dermaßen niederschmetternde Punktlandung ab, dass der Film ein ähnlich mulmiges Gefühl hinterlässt wie das Original vor über 20 Jahren. Damals offenbarte sich das Grauen des Existierens nachts im Regen, jetzt in loderndem, hungrigem Feuer. Und dahinter steckt nichts als eine Lüge.

Mit seinem abschließenden Gedanken schickt uns The Bone Temple direkt in Teil 3 der 28 Years Later-Saga, der laut Plan wieder von Danny Boyle inszeniert werden soll. Zum ersten Mal lehnen sich die neuen Filme an diesem Punkt in etwas, das als Fanservice bezeichnet werden könnte. Der Moment ist allerdings mehr – er nimmt die verlorenen Kinder und Jugendlichen des Weltuntergangs in den Arm.

"Helfen wir ihnen?", fragt die Stimme eines unschuldigen Mädchens. "Natürlich."

28 Years Later: The Bone Temple startet am 15. Januar 2026 im Kino.

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