A Fantastic Woman - Der erste große Wurf im Berlinale-Wettbewerb

Auf Bärenjagd? A Fantastic Woman
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"It's true we had a gentleman's agreement, but unfortunately, I am no gentleman."

Der Wettbewerb der Berlinale 2017 ist ... vorhanden. 18 Filme konkurrieren dieses Jahr um den Goldenen Bären. Sieben davon habe ich zum Zeitpunkt dieses Artikels gesehen. Einem traue ich einen Goldenen Bären zu, also ohne Rücksicht auf die haarige Politik, mit der sich die Jury auseinandersetzen muss. Säße ich, so wie in meinen verdösten Fantasien nach der Mittagspause und vor dem dritten Film des Tages, also säße ich neben Jury-Präsident Paul Verhoeven, würde ich leidenschaftlich A Fantastic Woman lobpreisen. Und fragen, ob die nachtgraue Katze aus Elle Besuchszeiten annimmt. Während mich die Security von den reservierten Jury-Sesseln aus dem Saal schleift, bliebe ich dabei: Sebastián Lelios erster Film seit Gloria ist auch der erste im Wettbewerb, der eines A-Festivals würdig ist.

"Deine Liebe ist wie eine Zeitung von gestern", singt Marina (Daniela Vega) mit neckischem Blick zu ihrem älteren Partner Orlando (Francisco Reyes). Stunden später liegt er tot im Krankenhaus, ein Aneurysma hat sein Leben ausgelöscht. "Ist das ein Pseudonym?", wird Marina im Krankenhaus gefragt, als sie ihren Namen nennt. Die Zweifel an ihrer Identität, hier noch nebenbei eingeworfen, werden sie bald beschallen. Eine Polizistin wird sie aus vorgegaukelter Fürsorge für ihren Lebensstil verurteilen und erniedrigen, ein Arzt sie wohlwissend ignorant als Mann ansprechen und die Familie von Orlando wird alles daran setzen, Marina aus der Erinnerung an sein Leben zu löschen. Die Transfrau sei für sie eine Chimäre, meint Orlandos Ex. In der Tiefgarage stehen sie sich da zum ersten Mal gegenüber und die Art, wie diese augenscheinlich zivilisierte Person sich das Recht heraus nimmt, über Marina zu urteilen, hat etwas Brutales. Ob Orlandos Liebe nur Nachrichten von gestern oder lebendige, pulsierende Bestätigung ihres Weges bleibt, auch in der Erinnerung, das muss Marina für sich herausfinden.

Aufregend selbstbewusst ist A Fantastic Woman, der Film und Marina. In den ersten verzauberten Minuten verschwindet die Gischt der Iguazú-Wasserfälle im Weiß, der Titelschriftzug scheint darüber auf und Matthew Herberts flackernder Score nimmt uns mit auf eine Reise. Auf dem Weg zeichnet A Fantastic Woman ein Porträt des Widerstands, das an einer Stelle konkretes Bild wird: Marina stemmt sich in einer traumartigen Szene gegen den Wind, der sie und nur sie vom Asphalt zu heben versucht. Dabei folgt das Drehbuch von Lelio und Gonzalo Maza Marinas Versuchen der Trauer, die ihr die Familie nicht zugestehen will. Es zeigt die Diskriminierung, die Infragestellung von Marinas Selbstverständnis und Körper. Allerdings geschieht dies nicht aus der dokumentarisch-distanzierten Perspektive mancher "besorgter" Dramen. In A Fantastic Woman durchdringt der Widerstreit von Marinas Selbstverständnis und den Versuchen, ihren Körper in eine Projektionsfläche zu zwingen, die Ästhetik. Diese Dynamik erreicht ihren Höhepunkt in einer großartigen Club-Sequenz, in der sich Marinas Antlitz aufzulösen droht, nur um sich in glitzernder Unwiderstehlichkeit neu zu formieren.

Der Wettbewerb der Berlinale 2017 ist ... interessant. Spoor von Agnieszka Holland (In Darkness) gehört zu meinen Lieblingen unter den Interessanten, wobei "interessant" hier nicht zwangsläufig der kleine Bruder von "scheiße" ist. In Trade Paper-Lingo würde man Spoor "uneven" nennen, für mich war er eine Achterbahnfahrt durch polnische Wiesen und Wälder. In die Höhe schießt er mit unheilvollen Natur-Panoramen im Dämmerzustand. Wilderer herrschen seit Generationen über die Idylle, in der Englischlehrerin Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) lebt. Die Polizei schaut zu, wie die Regularien der Jagdsaison gebrochen werden. Nachdem ihre geliebten Hunde verschwinden, steht Duszejko allein einer Gemeinde gegenüber, in der jeder Keller als Waffenkammer dient. Gequälte Fuchsschreie dringen aus einem abgeschirmten Hof. Eine Leiche liegt im Schnee. Der dringliche Score lässt einen sich aufbäumenden Klimax erwarten. Der kommt tatsächlich, leider erst, wenn alle Hoffnung fahren gelassen wurde, dass sich Spoor aus den ästhetischen Klauen des polnischen SOKO-Spin-offs im Mittelteil befreit. Einzelgängerin Duszejko verguckt sich da in einen Insektenforscher und ein junger NCIS-Ersatzbank-Hacker und Hobby-Detektiv ist auch da und überhaupt: Die Sonne scheint, die Wiesen blühen, wer braucht denn sowas? Es geht dann wieder bergauf in Spoor, spät, aber früh genug. Hollands Wettbewerbsbeitrag folgt im Auf und Ab seiner Heldin, die zu ausbrechenden Reden über die Misshandlung von Tieren tendiert. Spoor gehört zu den besseren Formen von "uneven", nämlich denen, die zum Kampf auffordern. Auf den lässt man sich ein oder eben nicht. Das ist anstrengend und als intellektuelle Übung womöglich spannender denn als Filmerlebnis.

A Fantastic Woman mausert sich als Filmerlebnis zum Höhepunkt des bisherigen Wettbewerbs. Das lässt sich natürlich auch auf die schwache Konkurrenz zurückführen. Die internationale Koproduktion (zu den Produzenten zählen die Larraín-Brüder und Maren Ade) des Chilenen Lelio funktionierte am ersten Festival-Sonntag wie eine Rettungsleine im Sturm der Mittelmäßigkeit. Es gibt also noch Filme mit so konsequenter Führung, dass besagte Führung hinter dem Fluss des Films zurücktritt. Filme, die sich aus sich selbst heraus zu entwickeln scheinen. Nicht jeder Wettbewerbsbeitrag muss so sein. Einen seltsam unrunden wie Spoor, der aus drei verschiedenen Filmflicken besteht, sehe ich auch wahnsinnig gern. Aber Marina sei gedankt, A Fantastic Woman kam genau zum richtigen Zeitpunkt.


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