Meister der Farben

Actionregisseur Tony Scott ist tot

Tony Scott am Set von Déjà Vu
© Buena Vista
Tony Scott am Set von Déjà Vu

Seinen ersten Filmauftritt hatte Tony Scott in einem Kurzfilm seines Bruders. Der 16-jährige Tony radelt als titelgebender Boy durch den Zwanzigminüter Boy and Bicycle, den Ridley Scott während seines Fotografiestudiums drehte. Obwohl Tony Scott Maler werden wollte und am Royal College of Art eingeschrieben war, lockte ihn die Arbeit seines Bruders weg von seinen ursprünglichen Berufswünschen. Von der Werbung führte sein Weg nach Hollywood, wo er einer der einflussreichsten Actionregisseure seiner Zeit wurde. Gestern nahm sich Tony Scott im Alter von 68 Jahren das Leben. Wie die L.A. Times schreibt, sprang er am Sonntag Nachmittag vom höchsten Punkt der Vincent Thomas Brücke in San Pedro. Ersten Berichten zufolge, hinterließ er einen Abschiedsbrief in seinem Büro.

Tony Scott beeinflusste durch seinen Stil in Blockbustern wie Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel, Beverly Hills Cop II und Last Boy Scout eine ganze Generation von Actionregisseuren, obwohl sich die Kritiker lieber an den Filmen seines Bruders abarbeiteten. Dabei waren es nicht nur die Explosionen und Schießereien, die ihn anzogen. Sein Regiedebüt, der Vampirfilm Begierde (1983) mit David Bowie, Catherine Deneuve und Susan Sarandon, ergab sich lieber in romantischen Gothic-Fantasien. Dabei zeigt sich in diesem Frühwerk bereits seine visuelle Finesse. Rauchschwaden durchziehen eiskalte und doch fiebrige Räume, verwandeln das Appartement der Jahrtausende alten Vampirin Miriam (Catherine Deneuve) in eine sinnliche Gruft, an der die Zeit vorübergeht.

Malerische Bildkompositionen bevölkern ebenso seine einschlägigen Genre-Werke. Frühestens ab True Romance (1993), spätestens seit der Jerry Bruckheimer-Produktion Der Staatsfeind Nr. 1 beginnt das zittrige Spiel mit den stark gesättigten Einstellungen, den Farbfiltern und natürlich den Variationen der Belichtungszeit. Sein Opus Magnum ist deswegen nicht einmal der völlig überdrehte Domino (2005), sondern eher seine viele Jahre währende Zusammenarbeit mit Denzel Washington. Die begann mit dem klaustrophobischen Thriller Crimson Tide – In tiefster Gefahr (1995) und konfrontierte die gequälten Protagonisten des Superstars immer wieder mit ihrer eigenen Schuld, ihrem eigenen Versagen. In Mann unter Feuer (2004) führt dies zu einem Rachefeldzug, der sich in der visuell beeindruckend eingefangenen brütenden Hitze Mexikos vollzieht. Das kochende Blut in den Adern des gebrochenen Helden legt sich hier über alle Bilder. In Déjà Vu – Wettlauf gegen die Zeit (2006) treibt ihn die Schuld sogar zu Zeitreisen und der Doppelschlag Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3 (2009) und Unstoppable – Außer Kontrolle (2010) lässt die ganz normalen Arbeiter und Angestellten angesichts ihrer eigenen Versäumnisse über sich hinauswachsen.

Style over Substance ist ein gängiger Vorwurf, der beim Durchstreifen der Kritiken zu den Filmen von Tony Scott auftaucht. Style over Substance ist aber auch ein einfacher Vorwurf, der die tiefere Auseinandersetzung umgeht. Die Filme von Tony Scott, zumindest die besten, haben mehr mit Gemälden gemein. Sie fangen die Gefühlswelt ihrer zwiegespaltenen Helden nicht in komplexen Plots ein, sondern in zerrissenen Farben, Montagen, Schwenks. Sie hangeln sich mit einer angenehmen Bescheidenheit durch ihre Genrekonventionen, ohne vorzugeben, sie seien Kunst. Das sind sie aber. Trotzdem.

moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Redakteurin bei moviepilot.de, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Nudel-Restaurants in Hongkong spielen.
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