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Staffel 4: Black Mirror

BLACK MUSEUM - Feuerbestattung für eine visionäre Serie

Black Mirror
© netflix
Black Mirror

Während der virale Trailer "Happy New Year" uns ermahnt, dass es noch nicht zu spät ist etwas dagegen zu tun, dass uns die Technologie beherrscht und nicht wir die Technologie, aber die Prozesse dafür bereits im vollen Gange sind, läutet der Song "Always something there to remind me" das Ende für jenes "Black Mirror" ein, das wir Altvorderen kannten, jedoch nicht ohne dass es eine Ermahnung wird, sich die Lehren aus 4 Staffeln noch mal in Erinnerung zu rufen. Der Appell ist ernst gemeint, wie das ganze Konzept der Serie bis zur 4. Staffel. Das wird mit Staffel 4 nun ganz anders.

Der Geist von "Black Mirror" ist offiziell tot und in der filmischen Allegorie verstaubt er in einem alten verlassenen Museum, das zur Freak-Show verkommen ist.

Ein neuer Geist geht umher

Zum ersten Mal hatte ich bei keiner Episode am Ende eine minutenlange Sprachlosigkeit, auch wenn sie wirklich alle gut waren. Doch bis auf Episode 5 und 6 gibt es nur Happy Ends oder Open Ends. Gerade Episode 5 ist die am schlechtesten bewertete Episode aller Black Mirror Episoden. Zurecht oder hat da jemand die Allegorie nicht verstanden? Ich werde Licht ins Dunkel bringen.

Der Geist von Black Mirror wird von Höllenhunden gejagt

Was waren das alles für großartige Episoden. Staffel 4 ist nicht mehr "Black Mirror" in seiner Reinform: Der Geist von "Black Mirror" war makaber, war schockierend und die betreffende Science Fiction-Technologie hatte in jede Folge einen Bezug zur "nahen wahrscheinlichen" Zukunft. Es war immer absehbar und dass es jetzt schon geschieht, so dass wir jetzt dagegen handeln müssen, bevor uns die Technologie beherrscht. In jeder Staffel gab es nur ein Happy End und der Rest war entweder ein Open End" oder ein Bad End. Dieses Mal ist es umgekehrt. "Metallhead" hält das einzige Bad End bereit. Trotzdem hatte ich zu keiner Zeit der vierten Staffel das gleiche Gefühl der Betroffenheit. Ich hoffe, man versteht mich nicht falsch, denn es war alles ganz toll, aber es war kein "Black Mirror" mehr, weil die Enden nicht für offene Münder und Sprachlosigkeit bei jenen sorgen konnten, die sie sonst immer hatten: die Altvorderen. Erst als ich "Black Museum" sah, verstand ich, dass die schwarz-weiß Optik von Episode 5 der Trauerzug und das Requiem von "Black Mirror" ist. Ein letzter Charakter kämpft um den Geist der Serie und verliert gegen die KI-Hunde, bis auch der letzte Mensch der Technologie zum Opfer gefallen ist: Bad End Humanity. Wie konnte es soweit kommen? Aber wir wissen es doch, wie es soweit kommen konnte. Es war der Auftrag von "Black Mirror" uns davor zu warnen: Good Bye Menschheit!

Charlie Brooker läutet zum Requiem

Wir sind in der Wüste, eine verlassene Tankstelle und ein Gebäude, das die Aufschrift "Black Museum" trägt. Im Museum finden wir allerlei schauderhafte Requisiten von "Black Mirror": eine Roboter-Biene aus "Hated in the Nation" (Staffel 3), das Tablet aus "Arkangel" (Staffel 4), ein Jäger aus "White Bear" (Staffel 2), Lolly und DNA-Sequenzer aus "USS Callister" (Staffel 4), die blutige Badewanne aus "Crocodile". Außerdem erzählt uns der Museumsführer drei weitere Geschichten mit Referenzen zu "15 Million Merits" und dem Prinzip Bewusstseine in die Cloud hochzuladen wie in "San Junipero". Erinnern wir uns an den Heiligen Geist von "Black Mirror". Jede Folge hatte gelebt, so als ob es gerade schon passiert. Offenbar wurden all die negativen Auswirkungen von Zukunftstechnologien verboten. Jedenfalls ist das der zynische Vortrag des Museumsführers, denn das ist Wunschdenken jener, die sich Serien zur Unterhaltung anschauen, statt zur Motivation. Dann präsentiert er uns drei neue Geschichten, die uns Form einer Binnen-Rahmenkonstruktion erzählt werden. Sie haben jedoch nicht mehr den Geist von "Black Mirror", es sind bloß makabere Spukgeschichten, die niemals Realität werden. Die Technologie, die uns präsentiert wird ist ein müder Aufguss alter Ideen in Storys, die mehr absurd sind, als das sie uns tatsächlich vor aktuellen Problemen warnen würden wollten. Nocheinmal wird die Bewusstseinsübertragung aus "White Christmas" in allen erdenklichen vorallem unsinnigen Versionen durchexerziert und vorgetragen, so dass jeder Idiot bemerken muss, wie er vom Autor genarrt wird. Ich war wütend. Wer da nicht wütend war ist ein Schäfchen. So wie die Shortstories vorgetragen werden, sind sie ein zynischer Kommentar auf die Fangesänge, welche in "Black Mirror" schon ein neues "Tales from the Crypt" oder "Twilight Zone" sahen. Ich mochte diese Serien, aber das ist nicht der Geist von "Black Mirror". "Black Museum" ist ein chiffrierter Hinweis auf den Eintritt der Inspirationslosigkeit und den Weckruf an die Altvorderen, dass jetzt der "Black Mirror"-Franchise startet, aber der Geist beerdigt wird und in eine eine Show für Katastrophentouristen und schaulustige Unfallgaffer umgewandelt wird.

"Black Mirror" verkommt zu einer Freak Show

Stetig war die Zuschauerzahl gewachsen, insbesondere mit der dritten Staffel, als Netflix sie global anbot. Der Mainstream hat sich auf "Black Mirror" gestürzt, denn man hörte es sei ein Geheimtipp. Nun hat derselbe Mainstream die Serie im Würgegriff und das Schrägste ist, dass die Zeichen Charlie Brookers kaum einer von den Neuzuschauern dechiffrieren werden wird. Mit meiner nonkonformistischen Interpretation von "Black Museum" bin ich nicht alleine, aber vielleicht bin ich der Erste, der es so deutlich ausspricht. Schließlich bin ich seit 2011 dabei, als ich mich noch mit englischen Untertiteln herumquälen musste. Zu deutlich sind die Codes der Episode "Black Museum" für alle treuen Begleiter und den versierten Analysten für Metaebenen, dass sie das übersehen könnten: "There is always something there to remind me"

Charlie Brooker will "Black Mirror" keiner Freak-Show anheim geben und lässt sie deshalb lieber in einer Feuerbestattung untergehen.



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