Brutal und teils kaum zu ertragen: Dieser neue Kriegsfilm zeigt, was die meisten anderen unterschlagen

04.09.2026 - 19:15 Uhr
Mr. Nelson, Did You Kill People?
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Mr. Nelson, Did You Kill People?
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Mr. Nelson, Did You Kill People? heißt der neue Kriegsfilm von Kultregisseur Shin'ya Tsukamoto, in dem ein Veteran zwischen brutalen Erinnerungen nach Vergebung sucht. Moviepilot-Chefredakteurin Jenny Jecke erklärt in ihrer Kritik, ob sich der Film lohnt.

Der junge Mann schwitzt in Strömen, als stünde er vor einem Erschießungskommando, dabei blicken ihn nur die neugierigen Augen kleiner Jungs und Mädchen an. Allen Nelson ist ein Veteran des Vietnamkrieges, und die Kinder fragen ihn in einem Klassenzimmer Löcher in den Bauch. Dann erhebt ein Mädchen die Stimme: "Mr, Nelson", fragt es, "haben sie Menschen umgebracht?"

Mr. Nelson, Did You Kill People? heißt auch der neue Film des japanischen Regisseurs Shin'ya Tsukamoto, der beim Filmfestival von Venedig im Wettbewerb um den Goldenen Löwen läuft. Tsukamoto machte sich mit dem Sci-Fi-Horrorfilm Tetsuo einen Namen und erspielte sich eine Fangemeinde. Seine vielseitige Vita führte den Kultregisseur bis vor die Kamera von Martin Scorsese in dessen Historiendrama Silence. Der Besuch in Mr. Nelsons Albträumen ist nicht sein erster Kriegsfilm, diesmal beschäftigt sich der Japaner jedoch mit den amerikanischen Soldaten im Vietnamkrieg. Er widmet sich einem Thema, das die meisten Kriegsfilme in den Abspann verbannen.

Der Kriegsfilm basiert auf den Erinnerungen eines US-Soldaten

Japan spielt eine Nebenrolle im Film, die allerdings essenziell für seine Entstehung ist. Der reale Allen Nelson trat bis zu seinem Tod im Jahr 2009 allein in Japan über 1.200 Mal auf, um von seinen Erfahrungen im Krieg zu erzählen. Er veröffentlichte dort auch seine Autobiografie. So kam ausgerechnet Shin'ya Tsukamoto dazu, einen englischsprachigen Film über den Vietnamkrieg zu drehen. Wobei der Vietnamkrieg im Kopf von Mr. Nelson noch lange nach dem Abzug der US-Truppen weitertobt.

Die Erzählung über das Leben von Allen Nelson beginnt in der posttraumatischen Belastungsstörung. Der junge Allen (Mark Merphy), vom Dienst in Vietnam seelisch zerrüttet wie sozial isoliert, landet durch einen Zufall in dem Klassenzimmer und steht nicht nur vor dem fragenden Mädchen, sondern vor seinen unausgesprochenen Taten.

Jahre später treffen wir den afroamerikanischen Veteranen (älter: Rodney Hicks) im Büro eines Therapeuten (Geoffrey Rush) wieder, dem er von seinem Leben berichtet. Aus gewalttätigem Elternhaus stammend, meldete sich Allen freiwillig bei den US-Marines und wurde in Vietnam eingesetzt. In den langen, schwer zu ertragenden Rückblicken spart Tsukamoto so gut wie nichts aus. Eine Gräueltat an Zivilisten folgt auf die andere. Mögliche Vietcong-Soldaten werden von den Amerikanern gefoltert und Leichen werden gefleddert. Wenn Allen gerade nicht mitmacht, dann schaut er zumindest tatenlos zu.

Ein trotz Schwächen sehenswerter Kriegsfilm

Wer den Kanon amerikanischer Vietnamfilme abgeklappert hat – von Apocalypse Now über Platoon bis hin zu Da 5 Bloods – oder in den Exploitation-Aufarbeitungen des Krieges bewandert ist, wird in den Einsatzszenen kaum neue Facetten entdecken. Erzählerischer Klebstoff der Gewaltexzesse ist eine weitere Frage. Diesmal stellt sie der Therapeut: Warum haben sie Menschen getötet?

Mehr aus Venedig:

Diese Frage wird wiederholt und wiederholt, genau wie sich das Knattern der Maschinengewehrsalven und die Schreie der Sterbenden wiederholen und wiederholen. In den Kriegsszenen tendiert der Film tatsächlich zu einer Monotonie des Grauens, die nur dadurch unterbrochen wird, weil die Gewaltexzesse sich in ihrer Unvorstellbarkeit selbst überbieten.

Interessanter ist da die etwas didaktische Rahmenhandlung, die gezielt mit Wiederholungen und Reimen bereits gesehener Momente und Dialogfetzen arbeitet. Mr. Nelson findet sich vor fragenden Gesichtern wieder; schweißüberströmt nimmt sein gequälter Gesichtsausdruck die ganze Leinwand ein. Als junger Mann geschieht das; im mittleren Alter; und schließlich als er ergraut ist. Haben sie getötet? Warum haben sie getötet? Warum wollten sie töten?

1.200 Mal hat Nelson in Japan über den Krieg gesprochen, und eines muss man Tsukamotos Film trotz der Schwächen lassen. Am Ende überwiegt der niederschmetternde, aber ehrliche Eindruck, dass auch 2.000 oder 3.000 Auftritte nichts an der Qual im Gesicht von Mr. Nelson ändern können.

Ich habe Mr. Nelson, Did You Kill People? beim diesjährigen Filmfestival in Venedig gesehen, wo er am heutigen Freitag seine Weltpremiere feiert. Einen deutschen Starttermin hat der Film leider noch nicht.

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