Zum 45. Geburtstag

Charlotte Gainsbourg - Die zarte Extreme

Charlotte Gainsbourg in Antichrist
© Ascot Elite
Charlotte Gainsbourg in Antichrist
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Zum 45. Geburtstag von Charlotte Gainsbourg werfe ich einen persönlichen Blick zurück auf die britsch-französische Schauspielerin, über die viel geschrieben und spekuliert worden ist. Insbesondere ihren familiären Hintergrund mit Vater Serge, dem rockpoetischen Chansonnier, und seiner Muse, der Schauspielerin Jane Birkin (Nobody's Daughter Haewon), nahmen einige unsensible und sensationslüsterne "Journalisten" zum Anlass, sie immer im Lichte (oder Schatten) der großen elterlichen Namen abzulichten, aber nie wirklich wahrzunehmen. Das ist von geradezu ignorierender Dümmlichkeit ob der Klasse, mit der Gainsbourg Filme zu bereichern versteht. Diese Charlotte Gainsbourg, die bei Lars von Trier taumelnd zwischen den Extremen wankt, stets wild hin- und herpendelnd zwischen akuter Gefahr, im nächsten Moment zu zerbrechen, um Augenblicke später zu einem rasenden Inferno zu werden.

Ein Antichrist im Walde

So war es dann auch der dänische Regisseur, der mir Charlotte Gainsbourg in seinem Horrordrama Antichrist erstmals nicht nur ins nachhaltige Bewusstsein führte, sondern sie regelrecht mit seiner traumwandlerischen, brachialen Ästhetik in mich einhämmerte. Ihm bin ich für diesen Angriff auf ewig dankbar. Denn er zeigte mir eine Frau als personifiziertes Pendel, das sich schon vom Wesen her nicht länger auf der einen als der anderen Seite aufhalten kann. Beständigkeit ist nur im Gegensatz zu finden, in einer Art Chaos, das sich nicht mit einer länger währenden Struktur zu füllen weiß. Und er zeigte mir mit der Gainsbourg'schen Personifikation seiner ganz eigenen Schlachten, die er, so heißt es, seit Jugendzeiten mit Depressionen auszutragen hat, eine vom Pathos befreite Akteurin, deren raumerfüllendes, herzliches Lächeln sich von einem Moment auf den anderen in die Traurigkeit und Verzweiflung dieser Welt auflösen kann.

Dem Guardian verriet Charlotte Gainsbourg in einem Interview einmal, dass es sehr befriedigend sei, sich selbst verletzlich zu machen, wenn man der Person vertraut, die einem zusieht. Man mag es ihr glauben angesichts des Parforceritts, auf den von Trier sie schickt und den sie mit großer Klasse absolviert. Im Film spielt sie eine Mutter, die nach dem furchtbaren Tod ihres Sohnes irgendwie mit dem Verlust fertig werden soll. An ihrer Seite ist Willem Dafoe (Pasolini) als ihr Mann zu sehen, der gleichzeitig Therapeut ist. Im Wald soll sie ihren Ängsten begegnen und die Katharsis stattfinden. Ein Horrortrip ist stattdessen die Folge. Und Gainsbourg versteht es auf einer fiebrigen Gratwanderung, immer auch ihre Verletzlichkeit klar darzustellen. Die Wucht der sich entladenden, da transformierenden Depression kulminiert nicht nur in einem der wohl inzwischen bekanntesten Selbstverletzungsmomente der Filmgeschichte, sondern auch in den intimen, privaten, eigentlich zärtlichen Momenten, die ihrerseits immer wieder in die brutale Depression und eine nackte Angreifbarkeit umschlagen. Da wird aus einer zärtlichen Bettszene situationsbedingt und unvorhersehbar ein resignierendes, entsetzliches Wimmern oder die raue Aufforderung nach unbedingtem Sex. Nicht ein aus der Liebe entspringender, sondern aus der Offenlegung einer tiefen Verletzbarkeit.

Tobende Schreie, zärtliche Worte

Diese findet sich zusammen mit einer ihr entgegenstehenden und ergänzenden Zähheit in der bloßen äußeren Erscheinung der Darstellerin. Die hagere, feengleiche Charlotte Gainsbourg, deren kantige, scharfe Gesichtszüge eben jenes Bild einer bloßen Märchenfigur im Moment ihrer Entstehung zunichte machen. So ist sie ein schon in ihrer physischen Präsenz angelegter Widerspruch. Eine Aussage, die ich mir nicht anmaßen würde zu fällen, wenn sie nur auf dieses Äußere gegründet werden könnte. Doch wie bei kaum einer anderen Darstellerin, ist die Distanz von dem einen zum anderen Gefühlspol derart kontrastreich.

Noch heute verfolgen mich ihre Schreie aus dem Antichristen, bei denen ich mich zuweilen an Harpyien aus der griechischen Mythologie erinnert fühle: entblößt, wild, teuflisch gereizt und zum ultimativen Angriff bereit. Und dann ist da wieder die andere, zärtliche Seite Gainsbourgs. Ihre Stimme ist ruhig, warm mit einem seltsamen englischen Akzent, der aus einem Coaching für einen ihrer früheren Filme, Der Zementgarten von 1993, herrührt. Da macht es sie nur noch glaubwürdiger, lebendiger und echter, wenn sie sich weigert, sich diesen abzugewöhnen.

Auch eine Meisterin des Subtilen

Charlotte Gainsbourg aber auf das reine Wechselspiel weit auseinanderliegender Extreme zu reduzieren, wäre unangebracht und schlicht falsch, zumal natürlich auch Antichrist nicht ohne all die emotionalen Pfade, die zu ihnen führen, funktionieren könnte. Und so sind es daneben ebenso Filme, in denen sie in wenigen Momenten mit sehr nuanciertem Spiel zu erzählen und bewegen vermag. Ich denke da gerne an Alejandro González Iñárritus episodisches Todesdrama 21 Gramm. Gainsbourg spielt die Frau eines todkranken Mathematik-Professors (Sean Penn), der sich von einer ihm unbekannten Frau (Naomi Watts) angezogen fühlt - er trägt das Herz ihres Mannes, der mit den beiden gemeinsamen Töchtern von einem Pick-up überrollt und tödlich verletzt wurde. Zwar verkörpert Gainsbourg keine der sogenannten Hauptfiguren, ist aber dennoch in ihrem zerrissenen Spiel von einer Prägnanz und Tragweite, die unbedingt vonnöten war, um der Geschichte ihr hintergründiges Fundament zu geben.

Und so bleibt mir noch einmal und in großer Anerkennung zu sagen: Alles Gute zum 45. Geburtstag, Ms. Gainsbourg.

Was sind eure Erfahrungen mit Charlotte Gainsbourg?

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