Sexploitation Cinema - Teil 2

Ein Monument der Unmoral, Gewalt und Perversion

Wieder zurück in Schweden begann die Produktion ihres berüchtigtsten Werks, realisiert durch den ehemaligen Ingmar Bergman-Assistenten und -Schüler Bo Arne Vibenius. Das Kronjuwel des schwedischen Sensationsfilms, ein Monument der Unmoral, Gewalt und Perversion: Thriller – ein unbarmherziger Film. Gut zwölf Jahre zuvor begründete Ingmar Bergman mit Die Jungfrauenquelle das Rape-and-Revenge-Cinema. Bo Arne Vibenius perfektionierte dieses Subgenre mit Thriller und erschuf ein zeitloses Meisterwerk, welches Christina Lindberg und Heinz Hopf in ihren Glanzrollen zeigt. Die als Kind sexuell missbrauchte Madeleine, welche seitdem taubstumm ist, wird erneut aus ihrem Leben gerissen, als der Zuhälter Jerry, gespielt von Heinz Hopf, sie entführt, unter Drogen setzt und zwangsprostituiert. Ein endloser Strom abscheulicher Freier vergeht sich fortwährend an der verstummten Madeleine. Ihre zerbrechlich wirkende Figur mit dem Gesicht einer 15-Jährigen lässt die bestialische Unmenschlichkeit, die sie wortlos über sich ergehen lässt, zu einem immer größer werdenden Berg an Hass und dem Verlangen nach Rache heranwachsen.

Durch eine leise Inszenierung und die reduzierte Erzählweise des Films, konzentriert sich der Zuschauer nur auf die taubstumme Madeleine und wird mit ihr in das Verderben und die Hoffnungslosigkeit ihres Schicksals gezogen. Die Vergewaltigungen von Madeleine, gezeigt mittels Hardcore-Sexszenen, haben keinerlei stimulierende Wirkungen, sondern betonen die Verzweiflung und Abscheu des jungen Mädchens. Die Sexszenen wurden im Unwissen von Christina Lindberg von Vibenius in einem billigen Stockholmer Sex Club während einer Live Show mitgedreht. Die berüchtigste, abscheulichste und bekannteste Szene im Film ist die, in der Madeleine ihr linkes Augenlicht verliert. Laut der Aussage von Christina Lindberg kannte Vibenius einen Doktor am Karolinska Universtitätskrankenhaus, welches zu dieser Zeit den Leichnam einer jungen Frau lagerte, die kurz zuvor Selbstmord beging. Etwas Make-Up verteilt auf Jochbein und Stirn verdeckte die unbekannte Identität des Schädels, bis schließlich ein Skalpell butterweich in ihren Augapfel eindringt. Neben diesen Unregelmäßigkeiten schlossen die Produzenten zudem eine hohe Lebensversicherung mit Christina Lindberg ab, da im Film mit scharfer Munition geschossen wurde, nachdem die Metamorphose zum schwarz gekleideten und kompromisslosen Racheengel abgeschlossen war und sie ihre Peiniger methodisch dezimiert.

Bo Arne Vibenius drehte nach Thriller nur noch einen Film, Breaking Point. Der äußerst ungewöhnliche, pornografische Film durchbricht die Grenzen der Verantwortung und vermischt perversen Sex mit psychologischer Qual. Dieses Opus gehört ohne Zweifel zu den eigenartigsten und verstörendsten Streifen des schwedischen Kinos. Nachdem uns Bo Arne mit rund 5500 Meter Zelluloid beschenkt hat, schließt er damit seine Filmografie ab.

Nach Thriller wurde Christina Lindberg die Hauptrolle in Natalie angeboten. Nach zwei Wochen am Set ging aus einer Unterhaltung mit dem Regisseur Gerard Damiano hervor, dass zusätzlich Hardcore-Sexszenen im Keller gedreht und in den Film reingeschnitten werden. Ähnlich wie bei Thriller solle dies ohne die Beteiligung von Lindberg geschehen, sondern mit Bodydoubles. Damiano, der zuvor den Pornofilm Deep Throat drehte, spürte eine immer größer werdende Unsicherheit und Zwiespaltigkeit seiner Hauptdarstellerin und riet Lindberg schließlich davon ab, den Film zu Ende zu drehen, da sie zuviel Talent und Ernsthaftigkeit besäße. Sie verließ die Produktion ebenso wie Damiano. Der Film kam später unter dem Titel Feuchte Lippen als Softcore-Porno raus. Mac Ahlberg sprang für Damiano ein und führte Regie.

Christina Lindberg zog sich 1974 endgültig aus dem Exploitation-Film-Business zurück und arbeitete zusammen mit ihrem Mann Bo Sehlberg für dessen Flugmagazin Flygrevyn. Nach seinem Tod 2004 übernahm sie die komplette Führung und wurde Chefredakteurin. Das Magazin ist Skandinaviens größte Fachzeitschrift im Bereich Luftfahrt. Darüber hinaus ist Christina Lindberg leidenschaftliche Pilzesammlerin und produzierte 1993 ein 20-minütiges Lehrvideo über das Pilzesammeln und -zubereiten, unter dem Titel Christinas Svampskola.


Und in der nächsten Woche befasst sich die dritte Folge der Reihe mit einem der bedeutendsten deutschen Schauspieler unserer Zeit und seiner Beteiligung an Sexploitationfilmen, Klaus Kinski.

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