Das starke Horror-Jahr 2025 beweist: Der wahre Schrecken sind derzeit schlechte Eltern

15.12.2025 - 08:47 UhrVor 1 Monat aktualisiert
Eltern scheitern in Weapons
Warner Bros.
Eltern scheitern in Weapons
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Das Horrorkino lehnte sich 2025 mitleidlos in die Beziehungen zwischen Kindern und ihren scheiternden Eltern. Aktuelle Ängste werden so auf einen für alle verständlichen Schrecken heruntergebrochen.

2025 war ein fantastisches Jahr für Horror-Fans. Die letzten zwölf Monate schmückten sich mit Highlights wie 28 Years Later, Weapons und Bring Her Back. Hier traf Angst auf Anspruch und kristallisierte zugleich ein Thema heraus, das sich durch überraschend viele Gruselfilme des Jahres zog. Die schreckliche Erkenntnis, die am Ende dieses Horrorfilmjahres lauert: Wir können uns nicht länger auf unsere Eltern verlassen. Nur warum prägt das gerade so viele Vertreter des Genres?

Das Horrorjahr 2025 zerstört den Glauben an unsere Eltern

Danny Boyles postapokalyptischer Horrorfilm 28 Years Later schickt den jungen Inselbewohner Spike (Alfie Williams) erstmals aufs Zombie-verseuchte Festland. Nicht nur die vom Wut-Virus infizierte Bevölkerung gefährdet ihn allerdings, sondern auch sein Vater (Aaron Taylor-Johnson). Mit erbarmungslosen Coming-of-Age-Ritualen soll der Junge die harte Realität kennenlernen. Am Ende versagt der toxische Erzeuger nicht nur als Erzieher, sondern auch gegenüber der kranken Mutter (Jodie Comer), mit der das verzweifelte Kind schließlich auf eigene Faust nach einem Heilmittel sucht.

Die zwei frisch verwaisten Geschwister aus Bring Her Back wiederum landen bei einer Pflegemutter (Sally Hawkins), die keinesfalls ihr Bestes im Sinn hat. Der neuste Horrorstreich des brüderlichen Regie-Duos Danny und Michael Philippou (Talk to Me) erschüttert uns deshalb so im Kern, weil die neue Mutterfigur, die die Kinder eigentlich beschützen sollte, ihrer erwarteten Rolle nicht nachkommt. Mehr noch: Sie missbraucht ihre staatlich abgesegnete Verantwortung als Ersatzelternteil sogar. Dass wir am Ende trotzdem Empathie für die trauernde Frau mitbringen, entschuldigt ihre schauerlichen Taten nicht.

Zach Creggers Weapons - Die Stunde des Verschwindens zeigt das Elterndasein als kollektives Massenscheitern: Eine ganze Schulklasse von Kindern verschwindet nachts, ohne dass ihre Familien es bemerken. Die Machtlosigkeit der Zurückgebliebenen entlädt sich, indem all die Figuren in elterlichen Beschützerrollen (Lehrerin, Vater, Schulleiter, Polizist) die Nerven verlieren und sich ohnmächtig gegeneinander wenden, statt gemeinsam die Ursache ihres Übels zu suchen. Das einzig verbleibende Kind muss schließlich selbst die Lösung finden.

Horror-Trend 2025: Eltern verfluchen die nächste Generation

Die beispielhafte Liste aktueller Horrorvertreter lässt sich noch lange weiterführen: Die Mutter in The Ugly Stepsister befürwortet die Selbstverstümmelung ihrer Tochter, um den Aschenputtel-Prinzen zu ergattern. Die junge Generation in Final Destination 6: Bloodlines badet den weitergegebenen Todesfluch der Eltern und Großeltern aus. Dass der unentschlossene Bruder als Ersatzvater in Five Nights at Freddy's 2 seine Schwester nicht vor (schlechtem) Spuk und Besessenheit bewahrt, überrascht wenig. Doch nicht einmal das kompetente Dämonenjäger-Paar der Warrens kann das Familiengeschäft in Conjuring 4: Das letzte Kapitel von der eigenen Tochter fernhalten.

Da kommt ein Remake wie Die Hand an der Wiege bei Disney+ zur passenden Zeit, wo Mütter und Kindermädchen in einer zerbrechenden Familie gegeneinander antreten. In The Woman in the Yard und Wolf Man werden sogar jeweils Mama bzw. Papa zur aktiven Bedrohung für den eigenen Nachwuchs. Bei so viel Scheitern verwundert es nicht, dass der Sohn in Black Phone 2 das Vertrauen in den Vater längst verloren hat, obwohl der alkoholkranke Papa mittlerweile trocken ist.

Der Trend unzuverlässiger Elternfiguren zeichnet sich beim genauen Hinsehen in überraschend vielen Horrorfilmen 2025 ab. Nur was steckt hinter dieser Entwicklung?

Eltern als scheiternde Autorität: Der Horror 2025 traut sich, die größten Ängste in Bilder zu fassen

Horrorfilme, die über laute Jump-Scares oder reine Slasher-Eskapaden hinausgehen und lieber auf eine starke Atmosphäre sowie einen psychologischen Unterbau ihrer Figuren setzen, sind nichts grundsätzlich Neues. Doch dass die diesjährigen Gruselstoffe Eltern besonders verteufeln, schlägt offenkundig in eine Kerbe allgemeiner Verunsicherung. Denn Horrorfilme werden nicht für Kinder gedreht. Aber für die Zielgruppe junger Erwachsener (und aller Älteren, die ihre kindlichen Wurzeln nicht vergessen haben) legt der Schrecken des Jahres 2025 den Finger in eine frische Wunde.

Wir erreichen beim Älterwerden früher oder später die Einsicht, dass unsere Mütter oder Väter auch nur fehlbare Menschen sind. Und das ist eine erschütternde Erkenntnis. Der kindliche Blick auf die eigenen Helden-Eltern, die alle Probleme lösen können, verschiebt sich. Hinzu kommt die Furcht, dass die Eltern irgendwann nicht mehr da sein werden. Auf sich allein gestellt, sieht die Welt ohne den emotionalen Schutzwall einer mütterlichen Umarmung plötzlich sehr düster aus. Diese Motive spiegeln sich auch im diesjährigen Horror, selbst wenn sie in Zombieapokalypsen oder Dämonen beschwörenden Pflegemüttern verpackt sind.

Gute Horrorfilme lehnen sich immer auch in aktuelle Ängste hinein. In unseren Zeiten großer sozialer und politischer Entzweiung entsteht durch den Bruch mit den Eltern die ideale Projektionsfläche des Grauens. Sie stehen zugleich für die Welt ein, die an den Kriegen und Klimasünden der vorangegangenen Generation zu zerbrechen droht. Wenn wir uns nicht einmal mehr auf Vater Staat oder Mutter Erde verlassen können, geht uns hier – sinnbildlich heruntergebrochen auf den kleinsten, familiären Rahmen – der Boden unter den Füßen verloren.

In Krisensituationen ziehen sich viele in sich selbst zurück. Indem aber der Schutzraum der Familie auf Elternebene angegriffen wird, bricht auch diese letzte Zuflucht weg. Das ist zutiefst beunruhigend – doch auch die Grundlage für verdammt gute Horrorfilme, die uns bis in die DNA erschüttern.

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