Mit Frankenstein hat Monsterliebhaber Guillermo del Toro (The Shape of Water) ein altes Herzensprojekt bei Netflix realisiert. Wer glaubt, dass der Fantasy-Meister dem Sci-Fi-Klassiker nach über 400 vorigen Adaptionen aus zu viel Ehrfurcht nichts Neues mehr hinzufügen kann, irrt sich jedoch.
Achtung, es folgen Spoiler zu Guillermo de Toros Frankenstein.
Guillermo del Toro macht sich Frankenstein religiös zu eigen
Schon bei Mary Shelley schwang seit der Veröffentlichung ihres Gothic-Klassikers Frankenstein im Jahr 1818 die unverkennbare Warnung davor, Gott zu spielen, mit. Der Wissenschaftler Dr. Victor Frankenstein (Oscar Isaac) erschafft aus Leichenteilen neues Leben in Form seiner namenlosen Kreatur (Jacob Elordi). Nachdem er sich zum Schöpfer aufgeschwungen hat, wendet sich seine Schöpfung jedoch gegen ihn – in der religiösen Auslegung: als Strafe, weil er so überheblich war, sich als Gott über Leben und Tod aufzuspielen.
Die Geschichte des besessenen Forschers, der seine Wissenschaft über moralische und christliche Bedenken seiner Kollegen stellt, erzählt Guillermo del Toro größtenteils buchgetreu nach. Frankensteins Experimente und die Einsamkeit seiner Kreatur spiegeln also das, was Mary Shelley und zahllose Verfilmungen bereits erzählt haben. Mit seinen zusätzlichen religiösen Motiven zaubert der Filmemacher jedoch einen unerwarteten Trick aus dem Hut und macht sich die Neuverfilmung damit auf betörend neue Weise zu eigen.
Gegenüber Deadline verdeutlichte Frankenstein-Fan Guillermo del Toro, wie seine persönliche Deutung schon früh im Christentum verwurzelt war:
[Frankenstein] war eine Religion für mich. Seit meiner Kindheit – ich wurde sehr katholisch erzogen – habe ich die Heiligen nie ganz verstanden. Aber als ich dann Boris Karloff [als Frankensteins Monster aus der Verfilmung von 1931] auf der Leinwand sah, begriff ich, wie ein Heiliger oder ein Messias aussah.
Frankensteins christliche Symbolik bereichert den Film
Entsprechend durchzieht die religiöse Symbolik Guillermo del Toros Frankenstein vom Anfang bis zum Ende: Von der eindrücklichen Beerdigungszeremonie von Victors Mutter, deren Gesicht noch aus dem Sarg hervorschaut, bis zu den Visionen düsterer Engelsfiguren, die Frankenstein immer wieder heimsuchen, nutzt del Toro die Bildgewalt des Katholizismus. Seine starke Ikonografie prägte ihn seit Kindheitstagen, jetzt nimmt er diesen Einfluss und drückt seinem Remake damit einen eigenen Stempel auf.
Ironischerweise ist der größenwahnsinnige Wissenschaftler im Beichtstuhl nahbarer als irgendwo sonst, wenn er sich in einer Szene gegenüber Elizabeth (Mia Goth) als Priester ausgibt. Statt seiner Verbissenheit blitzt hier das Menschliche von Frankenstein auf. Hier hat der Mann, der glaubt, dass Gott bei der begrenzten Lebensspanne des Homo sapiens etwas "falsch gemacht" hat, plötzlich Humor. Abseits davon zeichnet del Toro ihn als arroganten Antihelden, während er die Rolle des wahren Helden seinem Monster zuschreibt.
Passenderweise erwacht die Kreatur in del Toros Frankenstein nicht auf einer Bahre (die in vorigen Adaptionen wie ein Bett dem elektrischen Gewitter entgegengehoben wird), sondern aufgerichtet, wie an einem Kreuz. In der bildlichen Spiegelung von Jesu Tod findet das Monster ins Leben. Später legt Elizabeth ihren Finger – wie der an Christi Auferstehung zweifelnde Thomas in der Bibel – auf eine Wunde an der Seite dieses unmöglichen Wesens. Sogar die spätere langhaarige Jesus-Frisur stimmt.
Folgerichtig erlernt Jacob Elordis gequältes Ungeheuer das Lesen in der Hütte des Blinden (David Bradley) mithilfe eines bedeutungsschweren Buches: John Miltons Paradise Lost (über gefallene Engel). Selbst wenn es am Ende des Films eine brennende Stange Dynamit umklammert, wirkt das in del Toros Frankenstein wie ein verzerrtes Heiligenbild mit Kerze. Gerahmt von diesen religiösen Anspielungen steigt die leidende Kreatur zur rettenden Jesus-Figur auf, der sein Schicksal allein schultern muss.
Guillermo del Toro verwandelt Frankensteins Monster in einen neuen Jesus
Guillermo del Toros umgekehrte Kreuzigung, in Form einer Wiederbelebung, verdammt das Monster zum ewigen Leben im Diesseits. Die neue Unsterblichkeit samt Selbstheilungsgabe ist eine der größten Änderungen in Netflix' Frankenstein, passt aber perfekt: In der Buchvorlage mag die Kreatur am Ende andeuten, seinen Freitod auf einem Scheiterhaufen zu suchen. Im Film wird unserer größten Identifikationsfigur ihr Wunsch nach Frieden und Erlösung tragisch verweigert, während Frankenstein selbst ins Jenseits gehen "darf".
Wenn Frankensteins Monster seinem Schöpfer am Ende in der Arktis, wie bei einem letzten Sakrament am Sterbebett, seine Vergebung schenkt, kann der fehlbare Mensch dahinscheiden. Der neue Jesus aber stellt seine Gutherzigkeit durch die Befreiung des eingefrorenen Schiffs ein letztes Mal unter Beweis und muss weiterleben und -leiden.
Wenn also beispielsweise Variety -Autor Peter Debruge anprangert, dass das "Mitgefühl für das Monster" schon in vorigen Frankenstein-Verfilmungen auftauchte und del Toros Ergebenheit gegenüber Mary Shelleys Opus das nur unnötig lang wiederholt, übersieht er in seiner Kritik die religiöse Herangehensweise, die sich nie so neuartig und spannend durch eine frühere Adaption zog. Es geht nicht (nur) um die plumpe Frage "Wer ist das wahre Monster?", die so manche Zuschauende auf X langweilen oder stören, sondern um Vergebung auf einer höheren Ebene.
Wenn Jesus Christus der Bibel gemäß für die Sünden der Welt gestorben ist, lebt Guillermo del Toros Frankenstein als Mahnmal menschlicher Fehltritte dauerhaft weiter: ein Mann, der für die Sünden der Menschen nicht sterben, sondern leben musste. Wenn die Kreatur am Ende in den Sonnenaufgang verschwindet, sollte klar sein: Bei Netflix streamt nun die anbetungswürdige Neuverfilmung einer altbekannten Geschichte – mit 200- und 2000-jähriger Inspiration im Rücken.
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