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Der Überlange Film - Ein Potenzial für die ganz großen Geschichten.

Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende
© Edgar Reitz Film
Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende

Oftmals erlebt man ein großes Seufzen, wenn man die Lauflänge eines Filmes bekannt gibt, wenn diese wieder einmal 150 oder gar 180 Minuten lang ist. Viele negieren das, verweigern gar das Ansehen des Filmes mit der Begründung, Film wäre ein Ding zwischen 90 und höchstens 120 Minuten. Dabei ist die Überlänge eines Filmes besonders im Blockbuster-Kino heute mehr präsent den je.

Ich will keine Triaden gegen das Kino eines Michael Bay schieben, aber dennoch erweckte bis jetzt jeder seiner TRANSFORMERS-Reihe den Eindruck, das er mindestens 30 Minuten zu lange ist. Tatsächlich ist dies ein Fall, bei dem ich die Abneigung gegenüber Überlänge verstehen kann: Das Kino des Michael Bay ist weniger Story und Figuren fixiert und eher an großer Action interessiert, was auch in Ordnung ist, aber in meinen Augen funktioniert dieser Effekterausch auf 90 Minuten wesentlich besser, da so die Action knackiger und nicht ermüdend wirkt. Dennoch aber muss man für nahezu jeden Teil seiner Filme Überlänge bezahlen. Ein Trend, bei dem Bay nicht alleine ist: Auch die Filme von Christopher Nolan sind ein Fall dieses Trends (sein letzter BATMAN-Film ging fast 3 Stunden), der Monster-Kassenflop Lone Ranger verbuchte ebenfalls geschlagene 150 Minuten. Filme, wie der Riesen-Hit Gravity wirkt mit seinen 90 Minuten da wie ein Fremdkörper.

Der Grund ist für mich folgender: Das Publikum geht ins Kino mit der Einstellung, einen Preis für etwas gezahlt zu haben und nun auch den ganzen Abend dafür unterhalten zu werden. Schließlich bezahlt man für jeden der gelisteten Filme Überlänge inklusive des, meist vorhandenen, 3D-Brillen Zuschlags erhöht dies das Einkommen enorm. Überlänge der Überlänge willen. 90 Minuten Film auf 3 Stunden aufgebläht. Weder Bay, noch Nolan, noch ein Gore Verbinski können ihre Überlänge gerechtfertigten, da (und da sind wir wieder bei meinem subjektiven Empfinden angekommen) sich ihre Story nicht dazu eignet und als Ergebnis pausenlos auf der Stelle tritt. 3 Stunden Action sind zu viel, egal wie gut die Süßigkeiten schmecken, stopft man sie sich zu lange rein wird einem schlecht.

Ein Film sollte so lange sein, wie er eben sein muss, und dabei bietet sich die Überlänge sehr deutlich an, statt sie mit Action zu füllen, sie zu nutzen, um eine Geschichte zu erzählen, die ihrer wirklich bedarf. Zum Beispiel sie zu nutzen, um Figureneigenschaften wirklich auszuformulieren und nicht nur anzudeuten. Um Subplots, die im späteren Verlauf der Handlung noch wichtig werden die Aufmerksamkeit eines Hauptplots zu verleihen.

Die Überlänge bietet Potenzial von Epen, großen Familiengeschichten oder von Erzählungen über ganze Jahrzehnte hinweg. Voraussetzung ist natürlich eine Inszenierung, die sein Publikum nicht langweilt und geschickt Einzelszenen mit Spannung von ganzen Filmfinalen anderer Filme zu verleihen. Ein wunderbares Beispiel ist die italienische Familiengeschichte Die Besten Jahre von Marco Tullio Giordana. Der Film ist über 6 Stunden lang und überspannt einen Zeitbogen von 1960 bis ins Jahr 2003. Die Geschichte von zwei Brüdern und dem Wegen, den sie gehen, ist einer der anrührendsten und besten Filme, die ich in letzter Zeit sehen durfte. Jede der Figuren erhält genau die Aufmerksamkeit, die sie braucht. Vielfältig, wie das Leben selbst. Wie beim Lesen eines Romans entfaltet sich die Geschichte langsam. Apropos Roman: Dem russischen Regisseur Sergei Bondarchuk gelang 1967 das Kunststück, mit seiner 8-Stunden-Adaption von Leo Tolstois literarischen Meisterwerk Krieg und Frieden tatsächlich, dem Roman gerecht zu werden und durfte den Oscar für den besten fremdsprachigen Film mit nach Hause nehmen.

Das wohl extremste Beispiel ist der deutsche Regisseur Edgar Reitz. Sein berühmter TV-Mehrteiler HEIMAT ist eine Trilogie. Zwar können es sich Fernsehsendungen erlauben, etwas länger zu sein, aber Reitz spannt dennoch einen gigantischen Bogen. Die Geschichte eines fiktiven Dorfes im Hunsrück beginnt in Jahre 1919 und findet ihren Abschluss im Jahre 2000. Der erste Teil erzählt bis in die 1980er und ist geschlagene 16 Stunden lang. Der zweite Teil spielt mitten im ersten Teil und erzählt zwischen 1960 und 1970 und das 25 Stunden. Der dritte Teil reicht dann von 1989 bis 2000, 11 Stunden lang. 52 Stunden lang, dieselbe Geschichte, und keine einzige davon zu kurz. Reitz hat es verstanden, eine Geschichte wirklich zu erzählen und sie nicht nur zu behaupten. Er fasst alles zusammen: Jugend, Krieg, Liebe, Familie, Selbstfindung, den Platz in der Welt, Tod und natürlich auch Heimat. Auch ist sein Film ein wunderschönes Plädoyer dafür, das nicht nur große Mythen und Legenden ein Kinoepos verdient haben, sondern auch der ganz normale Bürger, in diesem Fall das Dorf Schabbach. Etwas, was sich Reitz in seinem neusten Meisterwerk, dem Prequel, Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht, welcher 4 Stunden lang ist, erhalten hat.

Jedoch bietet die Überlänge nicht nur Potenzial für große Geschichten, sondern sie können Kino auch gezielt zum Erlebnis machen. Beispielsweise Béla Tarr und sein 7 Stunden langer Satanstango. Der Film könnte seine Geschichte auch in 90 Minuten erzählen. Doch Tarr füllt seinen Film mit sehr langen Einstellungen von trostlosen Landschaften und folgt Figuren wirklich minutenlang. Was ihn jedoch von dem aufgeblähten Blockbuster Werken unterscheidet, ist, dass Tarr möchte, dass die trostlosem kalte, düstere Atmosphäre sich auf den Zuschauer überträgt, bis dieser seine Außenwelt komplett vergisst und sich in dem Film verliert. In Kombination mit der Musik von Milhaly Vig werden seine Filme zu Gemälden von melancholischer Schönheit, bei denen man bedauert, sobald sie vorbei sind. Auch eine Erwähnung verdient der philippinische Filmemacher Lav Diaz, bei dem jeder Film im Durchschnitt 7 bis 9 Stunden lang ist und mehr wert auf Atmosphäre legt. Auch Enter the Void von Skandalregisseur Gaspar Noé gelingt es durch seine Länge von 160 Minuten, auf seiner recht simplen Story dafür zu sorgen, das sich der Zuschauer komplett mit dem Protagonisten vereinigt, aus dessen Sicht der Film subjektiv geschildert wird.

Sicherlich sind letztere Filme völlige Drahtseilakte, denn wer zu dieser unkonventionellen Version des Kinos wenig Zugang findet, für den kann es zur Qual werden. Ich persönlich begrüße diese Art des Kinos, welches Grenzen überschreitet.

Mein Fazit : Ein Film sollte seine lange Laufzeit rechtfertigen können. Und tut er das, entstehen meist Filme, die noch lange haften bleiben, weil man das Gefühl hatte, eine Geschichte nicht nur gesehen sondern sie erlebt zu haben.

Am Ende verlässt man das Kino verbittert mit der Erkenntnis, gerade zu viel seiner Lebenszeit durch den Schlot gejagt zu haben, oder aber in dem Bewusstsein, gerade ganz großes Kino erlebt zu haben. Und wann das eintrifft, liegt immer noch am Film selbst.

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„The shimmering space where imagination and reality intercept, where all love and tears and joy exist. This is the place. This is where we live.“
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