Wenn man danach googelt, ob das thüringische Städtchen Greiz schon mal in einem Film zu sehen war, spuckt die einstmals nützliche Suchmaschnine nach der fragwürdigen KI-Zusammenfassung folgende Ergebnisse aus: eine Kurz-Doku namens Greiz im Film von 1924. Die vielversprechend betitelte DVD "Wirtschaftsstandort Gera-Greiz, Der Film ´06". Und als Drittes Grease mit John Travolta.
Greiz zählt etwas weniger als 20.000 Einwohner und liegt etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernt, in der ich aufgewachsen bin. Auf einem Felsen über Greiz thront ein Schloss, die Straßen werden von Gründerzeit-Villen gesäumt, Relikte einer glanzvollen Vergangenheit. Hier spielt das starke Familiendrama Etwas ganz Besonderes, das im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale läuft. Mit seiner feinfühligen Beobachtung deutsch-deutscher Zustände, familiärer Zerreißproben und einem Weltschmerz, der sich geradewegs ins Herz bohrt, gehört es zu den besten Filmen im Wettbewerb um den Goldenen Bären.
In dem Berlinale-Film bringt eine Casting-Show eine Familie zusammen
John Travolta hat es meines Wissens nach noch nicht nach Thüringen verschlagen, aber immerhin wird im neuen Film von Autor-Regisseurin Eva Trobisch (Alles ist gut) gesungen. Teenagerin Lea (Frida Hornemann) verdient sich auf Geburtstagspartys im Umland etwas dazu, doch sie hegt einen Traum. Begleitet von ihrem Vater Matze (Max Riemelt) hat sie bereits mehrere Vorrunden einer Casting-Show à la The Voice of Germany gemeistert. Nun hofft sie auf den TV-Auftritt. Ihre von Matze getrennt lebende Mutter Rieke (Gina Henkel) weiß davon noch nichts. Als Lea für einen Auftritt nach München eingeladen wird, kommen sich Matze und Rieke wieder näher.
Über die Casting-Story finden wir Einlass in die Familienverhältnisse, aber es würde zu kurz greifen, Etwas ganz Besonderes als Film über den Casting-Zirkus zu beschreiben. Es ist ein Beziehungsdrama, das sich zum Familiendrama ausweitet und so einen liebevollen, aber ehrlichen Blick auf eine Gegend und ihren Menschenschlag freigibt.
Mehr von der Berlinale:
- An Sandra Hüllers Performance in Rose führt dieses Jahr kein Weg vorbei
- Dieses röchelnde Monster-Baby wird mich noch in meine Albträume verfolgen
Etwas ganz Besonderes begeistert mit seinem Ensemble
Die Erzählung wurzelt tief in Ostthüringen mit seiner einst florierenden Textilindustrie, von deren Arbeitsplätzen nur noch Museen künden. Einer davon gehörte auch Leas Großmutter Christel (Rahel Ohm), die nach der Wende umsatteln musste und jetzt eine Wald-Pension in prekärer finanzieller Lage führt. Tante Kati (Eva Löbau), der Lea mehr vertraut als ihrer eigenen Mutter, ist unterdessen nach Greiz zurückgekehrt und reproduziert Stadtgeschichte in einem dieser Museen. Es sind diese Geschichten, die Etwas ganz Besonderes über ein handelsübliches Beziehungsdrama hinaus treiben.
Spezifisch ostdeutsche Lebensläufe werden in dem Film gestreift, gleichzeitig mag sich hier ein Publikum aus unterschiedlichsten Gegenden wiederfinden, die vom wirtschaftlichen Wandel abgehängt wurden.
Coldplay als emotionale Schnittmenge
Die Musikeinlagen gehören – trotz des glitzernden Looks, der dem Rest des unauffälligen Films bewusst widerstrebt – zu den berührendsten Momenten des Berlinale-Beitrags. Ausgerechnet unter den grellen Scheinwerfern und begleitet von austauschbaren Popstar-Melodien findet die Familie eine emotionale Schnittmenge.
Lea sei Dank, denn vor einem Publikum aus Fremden drückt sie sich viel freier und ungehemmter aus als daheim in einer Gartenlaube. Fast so, als müsste man erst so weit von der Heimat davonrennen wie nur möglich, um zu einander zu finden – für viereinhalb Minuten. So lang dauert "Fix You" von Coldplay.
Ich habe Etwas ganz Besonderes im Rahmen der Berlinale gesehen. Der Film hat noch keinen Kinostart, aber soll im zweiten Halbjahr 2026 anlaufen.
