Ich schwöre bei allem, was heilig ist wie Wüstenwurm Shai-Hulud: Das hier ist kein Rage-Bait. Seit Jahren gilt Denis Villeneuves Sci-Fi-Neuverfilmung Dune nun schon als ultimative Adaption von Frank Herberts Roman, wogegen ich mich nur noch kleinlaut traue, Einspruch zu erheben. Nun drängt sich eine Gelegenheit aber geradezu auf, denn während Dune: Part Three mit arhythmischen Schritten auf uns zukommt, ist Dune - Der Wüstenplanet von David Lynch jetzt komplett gratis in mehreren Sprachversionen ganz legal auf YouTube streambar.
Wie? Dachtet ihr etwa, ich spreche von der Augenkrebs-erzeugenden Miniserie?
Sci-Fi-Flop Dune von David Lynch: Viel besser als sein Ruf
Der im letzten Jahr verstorbene Regisseur war der Erste, der zugab, dass sein einziger Versuch im Blockbuster-Kino nicht sein bester Film ist. So war er bis zuletzt schlecht auf seinen 1984er Dune zu sprechen, distanzierte sich von der finalen Schnittfassung und gab danach das Recht auf Final Cuts nie wieder ab. Für mich ist David Lynch aber wie Pizza und Sex: Selbst wenn es schlecht ist, ist es immer noch ziemlich gut. Und einen nicht ganz so guten Lynch ziehe ich einem überhypten State-of-the-Art-Blockbuster fast jeden Tag der Woche vor. Nicht nur als Lynch-Fan, sondern aus ganz triftigen Gründen.
Wo Villeneuve jedes Sci-Fi-Adelshaus schnörkellos und in denselben Farben (Gelb und Grau, falls es euch nicht aufgefallen sein sollte) präsentiert, kreierte Lynch komplett eigene Welten für Caladan, den Heimatplaneten von Paul Atreides (Kyle MacLachlan), die Harkonnen-Hochburg Giedi Prime, die Residenz des Imperators und natürlich den Wüstenplanet Arrakis. Ähnlich opulent sehen die durchdachten Kostüme aus.
Und während Timothée Chalamet und Co. die meisten Dialoge arschcool wie desinteressierte Heroin-Chic-Models in Parfumreklame vor sich hinnuscheln, gibt es hier echte Emotionen. Manchmal vielleicht ein bisschen viel davon, aber im Gegensatz zu Villeneuve habe ich keine Angst vor ein bisschen Camp.
Klar sehen die Sandwürmer nicht so realistisch aus wie im neueren Film, aber das macht der praktisch realisierte (und bei Villeneuve fehlende) Gildennavigator, der wie ein erwachsener Verwandter des Eraserhead-Babys aussieht, komplett wieder wett. Auch brilliert Lynch bei den für die Story so wichtigen Visionen und Träumen, an denen Villeneuve inszenatorisch komplett desinteressiert ist.
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Drei große Kritikpunkte plagen Dune 1984: Nur die Hälfte lasse ich gelten
Für all die Diversität bei Sets und Kostümen ist der 80er-Jahre-Dune doch sehr weiß, was den Cast angeht. Ein valider Kritikpunkt. Das lag nicht nur am Zeitgeist, sondern auch daran, dass Produzent Dino De Laurentiis nicht gerade als aufgeklärteste oder progressivste Person Hollywoods bekannt war. Besondere Kritik erntete er vor allem für regelrecht rassistische Produktionen wie Mandingo und King Kong aus den 70ern sowie Im Jahr des Drachen aus den 80ern.
Kritikpunkt zwei, den ich halb durchgehen lasse: David Lynchs Dune fühlt sich gehetzt an, weil man ein dickes Buch in einen einzigen Film quetschte. Besonders in der zweiten Hälfte spürt man das, vor allem weil sich Lynch auch eher uninteressiert an Action- und Schlachtenszenen gibt. Dafür hat der neue Dune-Zweiteiler längere Strecken heißer Luft. Ein Zwischending wäre wohl ideal, so etwas wie die angedachte Originalversion vom 80er-Dune, der ja sehr zusammengeschnitten wurde.
Aufregen könnte ich mich hingegen über die Kritik, der Film würde nicht mit Pauls Hineingleiten in eine Despotenrolle in die Kritik gehen. Einerseits reißt Villeneuve das auch nur an und andererseits muss man in der finalen Szene einfach ein bisschen zwischen den Zeilen lesen und sich ein eigenes Urteil über die Validität seiner Herrschaft bilden, wenn er sich am Ende einen verzierten Umhang überstülpen lässt. Oder wollt ihr, dass man jeden Plotpunkt noch mal erklärt und bewertet bekommt, wie man es jetzt anscheinend bei Netflix tut?
Insgesamt muss man natürlich offen sein für den Retro-Charme vom alten Dune. Wer nur davon spricht, was "objektiv" besser aussieht, meint oft nur, dass es technisch auf dem aktuellen Stand ist. Das Schauspiel ist auch nicht "besser" geworden, es sind nur veränderte Gewohnheiten. Timmys Genuschel ist nicht "realistischer" als das theatralische Overacting von MacLachlan, mal abgesehen davon, dass das auch per se kein Qualitätsmerkmal wäre. Stellt sich die Frage nach einem Rewatch, weiß ich jedenfalls, welche Version ich mir ansehe.
Jetzt war das zwar kein Rage-Bait, wie ich anfangs meinte, ich habe mich aber doch ganz schön in Rage geschrieben. So voller Filmgefühle hätte mir die Ehrwürdige Mutter sicherlich schon längst den Gom Jabbar in den Hals gejagt. Und vielleicht macht euch der neue YouTube-Stream ja auch zu leidenschaftlichen Fans, die Dune '84 bisher verschlafen haben, nur um dann mit Inbrunst zu schreien: "The sleeper has awakened!"
