Eure Netflix-Lieblingsserien könnten bald nicht mehr auf Deutsch kommen: Das steckt hinter dem aktuellen Synchro-Boykott

05.02.2026 - 08:52 UhrVor 10 Tagen aktualisiert
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Seit Januar treten deutsche Synchronsprecher:innen gegen Netflix in den Streik. Dahinter steckt eine umstrittene KI-Klausel des Streamers. Als Konsequenz könnten neue Produktionen bald nur untertitelt kommen.

Update, 5. Februar 2026: Der Artikel wurde mit einem Hinweis des VDS abgeändert und aktualisiert.

Rund um Netflix hat sich ein Konflikt angebahnt, der die deutsche Synchron-Branche betrifft. Geschlossen wird gegenüber dem Streaming-Dienst gestreikt, da eine bestimmte Vertragsklausel in Bezug auf den Umgang mit künstlicher Intelligenz sauer aufstößt. Die aktuellen Entwicklungen könnten weitreichende Folgen für kommende Netflix-Filme und -Serien haben.

Warum boykottieren deutsche Synchronsprecher:innen gerade die Arbeit für Netflix?

Im Spiegel  wurde Ende Januar ein Bericht veröffentlicht, in dem deutsche Synchronsprecher:innen ihren Unmut gegenüber einer aktuellen KI-Klausel von Netflix äußern. Dabei geht es konkret darum, dass der Streaming-Dienst aufgenommene Stimmen ohne direkte zusätzliche Vergütung für das Training künstlicher Intelligenz benutzen darf. Laut Golem.de  machte die deutsche Synchronsprecherin Vivien Faber diese Problematik über einen mittlerweile gelöschten Bluesky-Post ebenfalls öffentlich.

Wer für Netflix als Synchronsprecher:in arbeitet, hat zudem keine genaue Kontrolle darüber, wofür die eigene Stimme im Anschluss noch verwendet wird. Dadurch droht konkret die Gefahr einer sogenannten Deepfake-Nutzung, durch die die Stimme mittels KI zweckentfremdet werden könnte.

Der Konflikt selbst ist nicht neu. Bereits letztes Jahr im Sommer einigten sich Netflix und der Bundesverband Schauspiel e. V. (BFFS) laut DWDL  auf Regelungen, die den Umgang mit KI betreffen. Dadurch werden Synchronsprecher:innen jedoch nur dann vergütet, falls die durch ihre Stimmen trainierte KI gezielt zum Einsatz kommt.

Diese Klausel ist vielen Berufstätigen in diesem Bereich immer noch zu schwammig, weshalb sie die neuen Verträge nicht unterschrieben haben und selbstbestimmt in einen Streik getreten sind. Der Verband Deutscher Sprecher:innen e.V. (VDS) hat sich hinter diese Entscheidung gestellt und als Unterstützung eine öffentliche Mitteilung  gepostet. Darin heißt es unter anderem:

Wir halten es bei den aktuellen Entwicklungen für absolut notwendig, die Freiheit und Selbstbestimmung der Kunstschaffenden zu fördern und zu verteidigen. So müssen Sprecher:innen frei darüber entscheiden dürfen, ob ihre persönlichen Daten, ihr Instrument, ihre Essenz unwiederbringlich in KI-Software eingespeist werden dürfen oder nicht.
Die Arbeitsergebnisse der Sprecher:innen sind untrennbar von ihnen als Person. Eine Einspeisung in KI-Systeme ist keine reguläre Auswertung ihrer Aufnahmen, sondern ermöglicht das Erstellen von Kopien und Deepfakes.

Eine Lösung für den Synchron-Streik gegenüber Netflix ist noch nicht in Sicht

Vor einigen Tagen lag DWDL  ein Brief von Netflix an die Synchronsprecher:innen vor, in dem der Streaming-Dienst zwar Verständnis für Ängste gegenüber KI-Entwicklungen zeigt, aber nicht von vorgegebenen Vertragsklauseln abweichen will. Als Konsequenz skizziert der Streamer auch einen drastischen möglichen Zukunftsweg und schreibt unter anderem:

Längere Verzögerungen bei der Unterzeichnung [...] oder anhaltende Boykottaufrufe gefährden die Produktionszeitpläne und Produktionsinvestitionen. Wir könnten gezwungen sein, auf deutsche Untertitel zurückzugreifen, während wir weiterhin Synchronisationen in anderen Sprachen anbieten.

Das würde bedeuten, dass Netflix lieber eine Veröffentlichung neuer Filme und Serien untertitelt statt mit einer deutschen Synchronisation vorziehen würde, statt den Forderungen der Berufstätigen entgegenzukommen.

Der Verband Deutscher Sprecher:innen zeigt sich von dieser Reaktion enttäuscht und veröffentlichte am 2. Februar eine erneute öffentliche Stellungnahme . Darin heißt es unter anderem:

Wir begrüßen es, dass Netflix als erster Streamer das Thema KI in seine Verträge aufgenommen hat und es nicht unter den Tisch hat fallen lassen. Umso enttäuschter sind wir aber gerade deshalb davon, dass unsere Bedenken und Wünsche kein Gehör finden und dass Regelungen ohne unseren Input über unsere Köpfe hinweg für unser Gewerk gemacht wurden. Das kennen wir von Netflix nicht.
Wir sind der Überzeugung, dass wir gemeinsam mit Netflix eine branchenweisende Regelung erarbeiten könnten, die ein Vorbild für andere Streamer in Deutschland und evtl. sogar Europa sein könnte – rechtssicher und so, dass beide Seiten weiterhin gerne zusammen den deutschen Markt mitgestalten. Denn nur wenn in allen Gewerken Profis zusammenarbeiten, erhalten Zuschauende hohe Qualität.

Der Verband hat laut Stellungnahme jetzt "ein unabhängiges juristisches Gutachten bei Spirit Legal in Auftrag gegeben, das die neuen Verträge hinsichtlich Datenschutz, Vertragsrecht, Urheberrecht und der KI-Verordnung beurteilen wird und so die Basis für gemeinsame lösungsorientierte Verhandlungen" liefern soll.

Laut DWDL soll Netflix unterdessen einen "offenen und kontinuierlichen Dialog" mit dem VDS ersuchen, wobei nicht von Verhandlungen die Rede ist. Der Konflikt zwischen dem Streaming-Dienst und einer Vielzahl deutscher Synchronsprecher:innen bleibt zum aktuellen Zeitpunkt also bestehen. Im Kern geht es um nichts weniger als die berufliche Zukunft einer ganzen Branche.

Zurzeit ist nicht bekannt, welche kommenden Filme oder Serien(staffeln) von einer dadurch fehlenden deutschen Synchronisation betroffen sein könnten.

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