Als die Show von Jimmy Kimmel im vergangenen September zeitweise aus dem Programm genommen wurde, war der Aufschrei in den amerikanischen Medien groß. Eine kaum vorstellbare Grenzüberschreitung der Politik wurde diagnostiziert, die vom US-Präsidenten Donald Trump über den FCC-Vorsitzenden Brendan Carr bis zur Chefetage des Disney-Konzerns reichte.
Das alles, weil Comedian Kimmel es in den vergangenen Jahren zur Kunst erhoben hat, sich über Trump und seine MAGA-Konserten lustig zu machen. Die Sendung wurde wenige Tage später wieder ausgestrahlt, der Einschüchterungsversuch aber blieb offensichtlich. Genau wie bei Trumps Klagen gegen die New York Times, die BBC, das Wall Street Journal oder CBS News. Es ist das Vorgehen eines Autokraten, der Kunst und Presse auf Linie bringen will. Wie sich so ein Vorgehen im Privatleben von Menschen auswirkt, die keine Millionen auf dem Konto horten, schildert Gelbe Briefe. Im März kommt er in die deutschen Kinos.
Mit Gelbe Briefe meldet sich Das Lehrerzimmer-Regisseur Ilker Çatak zurück
Vor fast genau drei Jahren habe ich an dieser Stelle Das Lehrerzimmer in überschwänglichen Tönen gelobt. Der psychologische Thriller mit Leonie Benesch erhielt später fünfmal den Deutschen Filmpreis sowie eine Oscar-Nominierung für den Besten Internationalen Film. Mit Gelbe Briefe legt Regisseur Ilker Çatak nun seinen nächsten Film vor, diesmal im Wettbewerb um den Goldenen Bären der Berlinale. Gedreht in Deutschland, spielt das Drama in der Türkei.
Erzählt wird die Geschichte von Theaterstar Derya (Özgü Namal) und ihrem Ehemann und Autoren Aziz (Tansu Biçer). Mit ihrer Arbeit am Staatstheater von Ankara und seiner Universitäts-Stelle geht es den beiden gut, wenn auch die Pubertät ihrer aufgeweckten Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) sie vor die erwartbaren Probleme des Elterndaseins stellt. Das ändert sich, als Derya nach einer Premiere einen einflussreichen Politiker schneidet. Wenig später wird ihr Stück abgesetzt. Dann verliert Aziz mit einer Reihe anderer regierungskritischer Kolleg:innen seinen Job.
Gelbe Briefe, in diesem Fall Kündigungen unter dem Vorwand von Nichtigkeiten, flattern ins Haus. Noch dazu eine Klage wegen Präsidentenbeleidigung in einem Social-Media-Post. Der soziale Absturz droht. Prinzipien und Finanzen müssen abgewogen werden.
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Gelbe Briefe beginnt intensiv, aber bleibt konventionell
Der Film beginnt mit einem visuellen Paukenschlag, den man so oft nicht im Kino sieht. Auf die große Einblendung der türkischen Stars folgt nämlich die der Städte und ihrer Rollen. Berlin spielt die türkische Hauptstadt Ankara und später wird Hamburg als Istanbul präsentiert.
Sofort wird der Blick auf den Film selbst gelenkt, seine Inszenierung, seine künstlerische und politische Ausdruckskraft. Das sind große Worte auf der Leinwand für einen Film, die automatisch viel zu hohe Erwartungen wecken. Es folgt nämlich ein recht konventionelles Ehedrama, das zwar durch sein Setting eine Gültigkeit weit über die türkische Politik hinaus erreicht, das seine Kernanliegen allerdings zerredet und mit steigender Laufzeit an Intensität einbüßt.
Intensiv beginnt Gelbe Briefe nämlich, wenn die perfiden Einschüchterungsmethoden im Leben von Derya und Aziz Krater schlagen. Da sitzen sie in der Bank, bitten um Aufschub für Kreditzahlungen, und ihnen wird dafür ein horrender Zinsanstieg als Ausweg angeboten. Gelbe Briefe ist so tief im Eheleben der beiden eingebettet, dass es quasi unmöglich ist, bei solchen Szenen nicht mitzufühlen. Özgü Namal und Tansu Biçer schälen außerdem die emotionalen Nuancen von Derya und Aziz heraus, die beide durchaus unterschiedlich und zeitversetzt auf dem bröckelnden Boden unter ihren Füßen nach Halt tasten.
Zuweilen erreicht Gelbe Briefe die klaustrophobische Grundstimmung von Das Lehrerzimmer, in dem das Publikum an Leonie Beneschs Seite gefesselt war. Dieser unterschwellige Angstzustand wird ohne Szenen von körperlicher Gewalt zustande gebracht. Es geht in Gelbe Briefe schließlich um eine andere Form von Repression, die sich im Zittern ums nächste Gehalt niederschlägt. Andererseits verengt die Nähe zu Derya und Aziz den Blickwinkel des Films, bis das Ehedrama von einer genauen Beobachtung von Machtemechanismen in eine Ansammlung monotoner Deklarationen kippt. Und dann dauert der Film immer noch eine halbe Stunde.
Mehr von der Berlinale:
Ich habe Gelbe Briefe im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im Wettbewerb um den Goldenen Bären läuft. Der Kinostart ist am 5. März.
