Gnadenlos: An Sandra Hüllers Performance als Bärentöter in Rose führt dieses Jahr kein Weg vorbei

16.02.2026 - 20:00 UhrVor 25 Tagen aktualisiert
Sandra Hüller in Rose
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Sandra Hüller in Rose
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Die großartige Sandra Hüller brilliert im Historiendrama Rose, das zu den besten Filmen bei der diesjährigen Berlinale gehört. Einen regulären Kinostart gibt es auch schon.

2025 war ein grauenhaftes Jahr – für Menschen mit gutem Filmgeschmack. In den 365 Tagen, die zum Glück hinter uns liegen, wurde kein neuer Kinofilm mit Sandra Hüller veröffentlicht! Die deutsche Schauspielerin, die für Anatomie eines Falls für den Oscar nominiert wurde und für The Zone of Interest mehrere Kritikerpreise einheimste, war in der Zwischenzeit nicht untätig. Im März wird sie Ryan Gosling im Science-Fiction-Blockbuster Der Astronaut - Project Hail Mary ins All schießen. Außerdem taucht sie in der Besetzungsliste des geheimnisvollen Tom Cruise-Vehikels Digger von Alejandro González Iñárritu auf.

Das wirklich erste Hüller-Highlight (HHL) des Festivaljahres wurde in Sachsen-Anhalt und Österreich gedreht. Der Film heißt Rose, Hüller spielt darin einen Ex-Soldaten und nach genau zwei Sekunden nimmt man ihr ab, dass sie nicht nur Leichen gesehen, sondern einige Leute unter die Erde gebracht hat.

In Rose will sich Sandra Hüller unter falscher Identität ein richtiges Leben aufbauen

Eine gräuliche Narbe zieht sich über die Wange von "Soldat Rose", wie die Figur heißt. Die Schockwellen des Dreißigjährigen Krieges haben aber auch in ihrem abschätzenden Blick Spuren hinterlassen. Was vom 17. Jahrhundert übrig geblieben ist, skizzieren wenige gespenstische Bilder.

Ein dunstiges Stillleben mit Pferdekadaver. Eine Gestalt mit Bärenmaske auf einem Waldweg. Schließlich das Gesicht von Rose (Hüller), die sich als Mann verkleidet in einer abgelegenen Gemeinde als Erbe eines verwaisten Gutshofs vorstellt. Der Schwarz-Weiß-Welt des neuen Films des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer (Michael) wohnt etwas Archaisches inne, sie ist schön, aber gnadenlos.

Mit etwas Überredung und einem schriftlichen Nachweis kommt Rose ans Erbe. Schnell renoviert sie den Hof und beweist sich vor der skeptischen Gemeinde als fähiges Mitglied, das brav zum Gottesdienst geht und gefräßige Bären tötet. Als sie ihr Land erweitern will, schlägt der Großbauer (Godehard Giese) ihr die Hochzeit mit seiner ältesten Tochter Suzanna (Caro Braun) vor. Rose willigt ein, doch damit wird ihre neue Identität einer besonderen Probe unterworfen. Suzanna weiß selbstverständlich nicht, dass sie in Wirklichkeit mit einer Frau vermählt wird.

Eine Frau wie Rose könnte in dieser von harschen Regeln geleiteten Gemeinde nicht ohne Weiteres zur Gutsherrin aufsteigen. Frauen gehören sich nicht selbst, heißt es einmal im Film. Ein Mann wie Rose nutzt dagegen den Krieg als Sprosse zum sozialen Aufstieg. Der Dreißigjährige Krieg mit seinen Söldnerheeren bietet sich dafür an. So baut sich Rose mit Gold und Erbe aus einer falschen Identität ein richtiges Leben auf.

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Diese Sandra Hüller muss man gesehen haben

Es hätte so vieles an dieser Performance falsch laufen können. Eine Rolle wie diese lädt nämlich zu Maskerade, grotesk verstellter Stimme und dergleichen ein. Klischeehaftem Machismo weicht Sandra Hüller jedoch aus, stattdessen gibt sich ihr Soldat Rose wesentlich widersprüchlicher. Manchmal braust Rose herrisch und anmaßend auf und schaut doch mit einer gewissen Zärtlichkeit auf Gut und Gesinde. In der Ambivalenz ihrer Rolle einer Frau, die eherne Regeln bricht, aber ihre Untergebenen ohne Zögern mit eben diesem Regelwerk zurechtbiegt, geht Hüller auf.

Soldat Rose hält dieses Männerspiel nur mit einem Kraftakt aufrecht und das spürt man. Jede Komponente von Roses Performance – inklusive Apparatur, mit der sie ihren ehelichen Pflichten nachkommt – ist ein Schritt zur Selbstverwirklichung, auch wenn dieses Selbst versteckt in einem Bett im Schrank schläft. Sandra Hüllers Spiel wirkt dennoch nicht strapaziös oder wie harte Arbeit. Man muss einfach gesehen haben, wie Rose diesen Bären tötet, wie sie ein unvorstellbares Leben Wirklichkeit werden lässt und wie sie Einblicke in das Ich gewährt, das sie vor der Welt verborgen hält.

Es hätte aber auch bei Schleinzers Film so viel schieflaufen können. Die strengen Schwarz-Weiß-Bilder versprechen eine miserabilistische Quälerei, aber sie eröffnen Raum für Subversion, ja sogar Humor. Da wir einen österreichischen Festivalfilm vor uns haben, ist die ganze Angelegenheit natürlich keine leichte Kost. Aber ein fiktives Leben wie das von Soldat Rose mit Samthandschuhen anzufassen, würde dieser einzigartigen Heldin erst recht Unrecht tun.

Ich habe Rose im Rahmen der Berlinale gesehen. Am 30. April kommt der neue Film mit Sandra Hüller in die deutschen Kinos.

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