Zuletzt eroberte Chloé Zhao mit einem grenzenlosen Epos das Kino. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Gruppe von Figuren erstreckte sich über Jahrtausende hinweg und entführte in unendliche Weiten. Gigantische Titanen, die drohend in den Sternen sitzen, und mächtige Kriegerinnen, die versuchen, die Welt zu retten – fünf Jahre ist es her, dass Zhao die Eternals, die Ewigen, auf die Leinwand bannte.
Ihr neuer Film könnte kaum weiter von solch einem Spektakel entfernt sein: Mit Hamnet kehrt Zhao zurück zu ihren Wurzeln, zu den zärtlichen, zerbrechlichen Bildern, die intime Filmerfahrungen wie The Rider und Nomadland gerahmt haben. Angesiedelt ist die Geschichte im 16. Jahrhundert zur Zeit von William Shakespeare, der auch als zentrale Figur auftritt. Doch das bleibt lange Zeit ein Geheimnis.
Hamnet: Nach ihrem Marvel-Film Eternals hat Chloé Zhao wieder ein berührendes Drama gedreht
Hamnet sucht nicht das offensichtlich Große, sondern kehrt den Blick nach innen. Gleich zu Beginn folgt die Kamera dieser Bewegung. Behutsam richtet sie ihre Aufmerksamkeit von den lichtdurchfluteten Baumkronen auf eine Absenkung im Erdreich, in der Agnes (Jessie Buckley) eingerollt liegt und der geheimnisvollen wie beruhigenden Geräuschen der Welt lauscht. Eine Geburt aus der Erde – fast wie in Zhaos vorherigem Film.
In Eternals war es der Kontinente umspannende Celestial Tiamut, der wortwörtlich aus der Erde geboren werden sollte und den blauen Planeten in diesem Zuge zerstört hätte. Von einem Weltuntergang kann in Hamnet an diesem Punkt noch nicht die Rede sein. Das Motiv von Geburt und Tod taucht nachfolgend aber trotzdem mehrmals auf, vor allem nach Agnes' Begegnung mit dem tatendurstigen William (Paul Mescal).
William unterrichtet Latein, um die Schulden seines strengen Vaters zu begleichen. Als er auf Agnes trifft, geht sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Noch bevor sich die beiden richtig kennenlernen, weiß er, dass er sie heiraten wird. Selbst wenn er dafür mit seiner Familie brechen muss. Drei Kinder sollen die beiden haben: Susanna (Bodhi Rae Breathnach) sowie die Zwillinge Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe).
Schon bei der Geburt der Zwillinge schaut der Tod kurz vorbei und beäugt die kleine Familie mit missgünstigem Blick. Noch ist seine Zeit nicht gekommen, doch bei der nächsten Gelegenheit zögert er nicht. Als William nach London geht, um seine Ambitionen als Dichter zu verfolgen, erkrankt Judith an der Pest, sodass Hamnet einen verheerenden Tausch eingeht: sein Leben gegen das seiner Schwester.
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Hamnet erzählt von Schmerz und Trauer – und davon, wie Kunst uns helfen kann, diese zu verstehen
Selten war der Verlust eines Kindes dermaßen intensiv im Kino zu erleben wie in dem Moment, in dem Agnes realisiert, dass der Tod nicht vor ihrer Haustür Halt gemacht hat. Es ist nicht der Strom aus Tränen, der aus ihren Augen quillt. Nicht die klagenden Schreie und auch nicht die verkrampften Gesichtszüge. Jessie Buckleys verzweifelter Blick transportiert einen viel tieferen, die Seele durchdringenderen Schmerz.
Es ist eine der ganz großen Schauspieldarbietungen des Jahres: Buckley, die zuerst im Einklang mit der Natur lebt und deren Stille folgt, löst sich vor unseren Augen im spärlichen Licht dunkler Räume auf, die sie komplett von der Welt abschirmen. Verschwunden ist das hoffnungsvolle Grün, durch das ihre Agnes eben noch selbstsicher und unbeschwert wanderte. Die Grundfesten ihres Lebens wurden erschüttert.
Zhao will die zerreißende Leere verstehen und nähert sich den zerbrechenden Figuren mit größter filmischer Behutsamkeit – vielleicht sogar ein bisschen zu vorsichtig in der Inszenierung. Hamnet erweist sich auf den ersten Blick als statischer Film, der wenig von der unmittelbaren Poesie Zhaos früherer Werke besitzt. Beim zweiten Hinschauen offenbart sich aber etwas Überwältigendes in der Schlichtheit der Bilder.
Hamnet, basierend auf der gleichnamigen Romanvorlage von Maggie O'Farrell, die bei der Adaption ebenfalls als Co-Autorin fungierte, wirkt leicht durchschaubar. Und dennoch kann einen nichts darauf vorbereiten, was dieser Film an Gefühlen bündelt, wenn wir uns in seinen letzten Atemzügen auf eine Bühne begeben. Dort breitet Zhao den Gedanken aus, wie Kunst dabei helfen kann, echten Schmerz zu verarbeiten.
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Der beste Teil von Hamnet ist das Ende, wenn der gesamte Film in einer brillanten Szene zusammenkommt
Mit der Aufführung eines Theaterstücks, das wir heute als Hamlet kennen, führt William durch seine Trauer, in der sich Agnes – trotz anfänglicher Entfremdung – gesehen fühlt. Sie erhält wieder Zugang zu der Welt, die in der Dunkelheit verschwunden war. Inmitten der im Theater versammelten Menschen entsteht ein unausgesprochenes Verständnis für den Verlust und gleichzeitig ist der Augenblick ein unheimlich persönlicher.
On the Nature of Daylight von Max Richter begleitet die Szene. Eigentlich müssten hier alle Alarmglocken leuten, denn wohl kaum ein anderes Stück wurde in den vergangenen Jahren so oft benutzt, um Emotionen heraufzubeschwören. Von Arrival bis The Last of Us: Sobald die Streicher einsetzen, fließen Tränen. Es ist effektiv, aber verbraucht – und dennoch kann man sich dem Moment in Hamnet unmöglich entziehen.
So sehr die Entscheidung irritiert, dass Zhao keinem der starken Stücke vertraut, die Richter neu für den Film komponiert hat, gelingt ihr das Kunststück, alle losen Elemente von Hamnet in einem kathartischen Ringen mit der (inszenierten) Realität zu vereinen. Aus dem Chaos einer Menge im Globe Theatre entsteht eines der anmutigsten Bilder des Kinojahres – und die schönste Schlusseinstellung seit langer Zeit.
Hamnet startet am 22. Januar 2026 in den deutschen Kinos.
